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MEDIZIN: Der neue Krebs ohne Namen

Magen- und Speiseröhrenkrebs werden seltener. Dafür wird eine neue Form immer häufiger, die noch gar keinen Namen hat. Doch eine neue Therapie macht diesen Patienten Hoffnung.
Bruno Knellwolf

Bruno Knellwolf

Im ersten Moment tönt das nach Entspannung. Der gefürchtete Magenkrebs und auch der ­Speiseröhrenkrebs sind auf dem Rückzug. Dafür hat sich eine neue Krebsart entwickelt, die noch nicht einmal einen Namen hat. Die Onkologen entdecken immer häufiger einen Tumor, der sich im Übergang zwischen Speiseröhre und Magen breitmacht, wie Professor Florian Otto vom Tumor- und Brustzentrum ­ZeTuP in St. Gallen erklärt.

Warum die Fälle der einen Krebsarten zurückgehen und dafür mehr Fälle dieses Übergangskrebses entstehen, ist nicht bekannt und war das grosse Thema an einer internationalen Magendarm-Krebs-Konferenz mit rund 300 Fachärzten aus Europa, Asien und Australien, die Otto kürzlich in St. Gallen geleitet hat. Noch werde viel darüber gerätselt, sagt Otto. «Der Übergangskrebs hat wohl etwas zu tun mit dem Zurücklaufen von Magensäure in die Speiseröhre, der ­Reflux-Erkrankung. Dann dehnt sich eine Art Magenschleimhaut in die Speiseröhre aus. Und die kann sich dann zu einem bösartigen Tumor umwandeln.» Die plötzliche Häufigkeit erklärt das aber nicht. Betroffen sind mehr Männer als Frauen, in der Regel ab 60 Jahren.

Wie Speiseröhren- oder Magenkrebs behandeln?

Für die Gastro-Onkologen stellt sich nun die Frage, wie der neue Krebs zu behandeln ist. «Wir wissen gut, wie wir Speiseröhren- und Magenkrebs behandeln müssen. Und zwar auf unterschiedlichen Weise», sagt Otto. Die Behandlung erfolgt einerseits chirurgisch, indem der Tumor und die befallenen Lymphknoten operativ entfernt werden. Jeder Bereich im Körper hat zuständige Lymphknoten, sozusagen als Polizeistationen. Für Tumorzellen sind diese die erste Anlauf­stationen und meist vom Tumor schon mitbefallen. Deshalb müssen die Lymphknoten auch entfernt werden.

Beim Magen- und Speiseröhrenkrebs liegen diese Knoten günstig, sie können bei der Operation leicht entfernt werden. Beim Übergangskrebs weiss man das nicht so genau, die Lymphknoten können weiter oben oder unten liegen. Hilfe bietet dem Chirurgen eine Methode aus der Nuklearmedizin, mit der sich befallene Lymphknoten sichtbar machen lassen. So kann der ­Operateur herausfinden, wo die Krankheit überhaupt stattfindet.

Die Operation alleine reicht aber nicht aus, um dem Tumor den Garaus zu machen. Danach gibt es zwei Strategien: Beim Speiseröhrenkrebs wird schon vor der Operation bestrahlt, begleitet von einer leichteren Chemotherapie. Beim Magenkrebs wird nicht bestrahlt, dafür beginnt eine intensive Chemotherapie schon vor der Operation und geht danach weiter. Gezeigt hat sich, dass der Übergangskrebs nochmals eingeteilt werden kann in drei Etagen. Je nach Nähe zu Speiseröhre oder Magen. Je weiter oben der Tumor ist, desto mehr gewinnt die Bestrahlung an Bedeutung. Je näher beim Magen ist es die Chemotherapie, mit der verstreute Tumorzellen im Körper abgetötet werden.

"Der neue Krebs hat wohl etwas mit der Reflux-Erkrankung zu tun."

Noch interessanter ist, dass es seit einem Jahr Mut machende Erkenntnisse über eine neue Zusammensetzung eines Chemococktails gibt, der beim Magenkarzinom und auch bei diesem neuen Übergangskrebs getestet worden ist. «Dieser Medikamenten-Cocktail funktioniert viel besser als alles, was wir vorher kannten», sagt Otto. Diese Studienergebnisse sind aber noch nicht formal wissenschaftlich veröffentlicht worden. Üblicherweise werden neue Therapien erst nach der Publikation angewendet. «Die Studienergebnisse waren aber so gut, dass an der Krebs-Konferenz klar geworden ist, dass alle diese neue Methode einsetzen werden», sagt Otto. Die neue Therapie basiert auf bekannten Medikamenten – eines davon gegen Brustkrebs –, die in neuer Zusammensetzung angewendet werden. Das habe den Vorteil, dass die Medikamente nicht mehr Patent-geschützt seien. Dementsprechend seien das Forschungsergebnisse, die von der Pharma-Industrie völlig unbeeinflusst seien.

Heilbarkeit ist deutlich besser geworden

Wenn es um Krebs geht, steht die Frage nach der Heilbarkeit im Mittelpunkt. «Mit dem neuen Chemotherapie-Konzept ist die Heilbarkeit deutlich besser geworden», sagt Otto. Bei Magenkrebs liegt die Heilungsrate nach einer Operation bei 20 Prozent, mit der alten Chemotherapie bei 35 Prozent und mit der neuen bei 50 Prozent. «Die Heilbarkeit hat sich gegenüber der reinen Chirurgie mehr als verdoppelt. Das ist noch nicht, was wir wollen, aber es geht in die richtige Richtung», sagt Otto.

Bei Speiseröhrenkrebs ist die Prognose für die Patienten etwas schlechter, er ist aber heilbar. Diesen Krebs gibt es aber kaum mehr, vor allem weil heute weniger Alkohol getrunken und weniger geraucht wird als früher. Als Ursache für Magenkrebs hat man in den letzten Jahren auf Bakterien gesetzt, die auch Magengeschwüre machen, Helicobacter. Einige zweifeln zwar an dieser These. Weil diese Bakterien heute gut behandelbar sind, könnte dies aber trotzdem ein Grund für die geringere Häufigkeit von Magenkrebs sein. Alle diese hier beschriebenen Krebsarten machen sich übrigens durch eine unfreiwillige Gewichtsabnahme bemerkbar. Manchmal auch durch Schluckbeschwerden. Rund 800 bis 1000 Menschen leiden in der Schweiz pro Jahr an Übergangskrebs.

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