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Mann mit Ecken

Andrea Zogg spielt am Theater St. Gallen den Banker in Urs Widmers Das Ende vom Geld. Theater, sagt der vielseitige und auch sehr begehrte Film- und Fernsehschauspieler, das sei die «Königsdisziplin». Sie lässt ihn sogar ein schmerzendes Knie vergessen. Rolf App
Geniesst seine Zeit am Theater St. Gallen: Andrea Zogg beim Gespräch in der Lokremise. (Bild: Michel Canonica)

Geniesst seine Zeit am Theater St. Gallen: Andrea Zogg beim Gespräch in der Lokremise. (Bild: Michel Canonica)

Er sitzt schon da und telefoniert, wie später auf der Bühne des Theaters St. Gallen, bevor das Netz zusammenbricht und sich in der oberen Etage der Gesellschaft das Inferno zusammenbraut. Die Krücke hat er an den Stuhl gelehnt. Kann Andrea Zogg überhaupt spielen? «Aber ja, der Adrenalinschub wird dafür sorgen», sagt er. Ein Schleimbeutel am Knie ist entzündet, und Zogg hat die ganze Woche hoch über dem Vierwaldstättersee gedreht. «Da muss ich mein Bein zwischendurch entlasten.»

Am Abend, auf der Bühne, wird man nichts merken im turbulenten Totentanz, der «Das Ende vom Geld» von Urs Widmer beschliesst. In den zwei Stunden seit unserem Gespräch in der Lokremise hat Andrea Zogg sich in einen edel gekleideten Banker verwandelt, sein Bündnerdialekt ist dem Ospel'schen Baseldytsch gewichen.

Er ist in eine Rolle geschlüpft – was er fürs Leben gerne tut. Und zwar vor allem auf der Bühne. «Ich mache gerne Filme, drehe gern fürs Fernsehen, mache Radio», sagt er. «Aber das Theater, das ist die Königsdisziplin. Alles ist live, alles muss stimmen, und jedes Mal ist das Publikum anders.»

Publikumsbeschimpfung

Diese Leidenschaft hat den 1957 im bündnerischen Tamins aufgewachsenen Andrea Zogg früh gepackt. An den Kindergarten erinnert er sich nur, weil er da in der Weihnachtsgeschichte den Josef gespielt hat. Später, in der Schule, «da war Theaterspielen das Einzige, was mir Spass gemacht hat». In der Sekundarschule spielt er den Till Eulenspiegel, «ein Vater hat extra angehalten mit dem Auto, um mir dazu zu gratulieren».

Der Groschen fällt dann richtig, als er zusammen mit Stefan Gubser in der Mittelschule Schiers die «Publikumsbeschimpfung» von Peter Handke aufführt. «Da haben wir gleichzeitig den Entschluss gefasst, Schauspieler zu werden.» Eine Schauspielschule allerdings hat Andrea Zogg nie gemacht. «Ich wollte schon, bin aber immer durchgefallen. In München hat mir der Leiter dann gesagt, ich solle einfach weitermachen mit dem Spielen.»

Noch etwas Anderes hat sich früh gezeigt: Andrea Zogg liebt das allzu feste Engagement nicht. Er wandert gern, getreu seiner Devise: «Ich bin halt ein freier Rätier.» Zweimal nur ist er an einem Theater angestellt gewesen, in Hannover und in Frankfurt, beide Male hat er den Vertrag rasch wieder gelöst. Andrea Zogg muss in Bewegung bleiben.

«Immer alles gleich»

Wenn er, wie im Musical «Die Schweizermacher», dieselbe Rolle über Monate Tag für Tag spielen muss, dann wird ihm das zu viel. Zumal man «beim Musical immer alles genau gleich machen muss. Ich aber brauche Schnauf, und das habe ich dem Regisseur auch erklärt. Mit Erfolg.»

So tourt Andrea Zogg munter durch die Schweiz, das bündnerisch Eckige kommt umso besser an, je älter er wird. «Den Romeo habe ich nie spielen dürfen», sagt er, «aber schon damals hat mir ein Schauspielerkollege gesagt: Warte nur, deine Zeit kommt noch.»

So ist es. Andrea Zogg macht Radio, dreht Spielfilme wie vor drei Jahren «Sennentuntschi», von dem er sagt: «Ja, auf leeren Magen sollte man sich den nicht anschauen.» Er spielt im Schweizer «Tatort» mit und tritt auf kleinen und grossen Bühnen auf. Der Schauspieler inszeniert auch selber.

Die autistische Gesellschaft

Zur Ruhe kommt Andrea Zogg im heimatlichen Tamins, wo er im elterlichen Haus noch eine Wohnung hat, vor allem aber auf einem Bauernhof nördlich von Zürich, mit seiner Frau, die Filme dreht und viel schreibt. Die drei Söhne sind jetzt in den Zwanzigern, der mittlere, der unter schwerem Autismus leidet, lebt in einer betreuten Einrichtung im Domleschg.

«Irgendwann», sagt Andrea Zogg, «waren unsere Batterien leer, da mussten wir etwas suchen. Einmal im Monat ist er bei uns und in den Ferien für eine Woche.» Autismus: das sei «etwas sehr Seltsames», sagt er, eine ganz eigene Welt. Seine Ehefrau Eva Roselt hat sie in zwei Filmen über ihren Sohn ergründet.

«Man hat in den Neunzigerjahren gesagt, dass unsere Gesellschaft immer autistischer werde», schlägt Zogg den Bogen. «Wenn man sich heute umschaut, kann man das nur bestätigen.» In der Tat. Auf der Bühne des Theaters St. Gallen werden an diesem Abend vorwiegend Autisten stehen, an vorderster Front der von Zogg verkörperte Banker.

«Dringend notwendig»

«Das Ende vom Geld» von Urs Widmer sei «bei aller Kritik, die man äussern kann, dringend notwendig», sagt Zogg deshalb, «wir haben auch eine ganz gute Umsetzung gefunden». Man könne «wie mit einem Brennglas auf die Figuren schauen», und das Stück zeige: «Wir sind an einer Zeitenwende. Der Kapitalismus ist am Arsch.» Arbeiter und Angestellte seien «zur Verschiebemasse verkommen, um den Aktienkurs in die Höhe zu treiben», Banker und Banken in hochproblematische, zum Teil verbrecherische Aktivitäten verwickelt.

Nicht ohne Wehmut denkt Andrea Zogg an den «alten» Kapitalismus zurück und erzählt von zu Hause. «Mein Vater hat ein Baugeschäft gehabt. Manchmal kommen heute noch Arbeiter zu mir und loben ihn. Sie sagen: <Er hat uns morgens um halb sieben aus der Beiz geholt bei minus zehn Grad im Winter. Aber er war auch da, wenn es Probleme gab.>»

Andrea Zogg ist heute um 19.30 Uhr wieder im Theater St. Gallen (grosses Haus) in «Das Ende vom Geld» von Urs Widmer zu sehen.

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