«Man kann schon etwas tun»

Leider habe die Demenz-Forschung noch keinen Durchbruch erzielt, sagt der Neurologe Ansgar Felbecker vom Kantonsspital St. Gallen. Heute wird am 2. St. Galler Demenz-Kongress über Lebenskonzepte informiert.

Bruno Knellwolf
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Ansgar Felbecker Oberarzt mbF, Klinik für Neurologie, Kantonsspital St. Gallen (Bild: pd)

Ansgar Felbecker Oberarzt mbF, Klinik für Neurologie, Kantonsspital St. Gallen (Bild: pd)

Herr Felbecker, in der Schweiz leben heute 120 000 Demenzkranke. Im Jahr 2030 sollen es doppelt so viele sein. Warum ist Demenz so altersabhängig?

Ansgar Felbecker: Es gibt verschiedene Demenz-Formen. Die häufigste Form ist die Demenz vom Alzheimer-Typ mit rund 60 Prozent aller Fälle. Diese Art der Demenz stellt einen gewissen Alterungsprozess des Gehirns dar. Das Gehirn wird nämlich mit dem Alter wesentlich anfälliger für Demenz-Veränderungen. Zu den frühen Veränderungen bei Alzheimer zählt die Ablagerung der Substanz Beta-Amyloid. Wir gehen davon aus, dass der Abbau von Beta-Amyloid im Alter nicht mehr so effizient gelingt. Eigentlich wird Beta-Amyloid in jedem Alter gebildet, aber jüngere Menschen haben bessere Fähigkeiten, diese Substanz abzubauen.

Was geschieht denn im Hirn, wenn diese Substanzen nicht mehr abgebaut werden?

Felbecker: Bei der Alzheimer-Demenz wird vor allem dieses Beta-Amyloid abgelagert. Diese Stoffe lagern sich in Inseln im Gehirn ab. In diesen Inseln können die Nervenzellen nicht mehr ihre eigentliche Funktion ausüben. Einige Bereiche des Gehirns sind betroffen, andere funktionieren noch gut. Mit der Zeit nehmen die Ablagerungen immer mehr zu und die Bereiche, die funktionieren, werden immer weniger.

Das erklärt, dass gewisse Menschen einen Teil vergessen und anderes präsent haben.

Felbecker: Absolut. Das kann individuell sehr verschieden sein, auch was die Funktionen des Gehirns angeht. Es kann sein, dass Sprachfunktionen früh betroffen werden, der Mensch die Erinnerung an Sprache verlernt. Bei anderen Demenzpatienten sind dagegen die Sprachfunktionen sehr gut erhalten. Das können wir kaum vorhersagen.

Oft wird Demenz einfach mit Alzheimer gleichgestellt. Da gibt es aber verschiedene Varianten.

Felbecker: Für uns Neurologen sind die Nicht-Alzheimer-Demenzen noch wichtiger, weil diese Arten von Demenz im jüngeren Lebensalter häufiger sind als Alzheimer. Dafür gibt es viele unterschiedliche Gründe: Es gibt Demenz nach Durchblutungsstörungen, die vaskuläre Demenz – zum Beispiel nach Schlaganfällen. Dann die Demenz, die zusammen mit Parkinson auftritt. Ganz wichtig ist die Frontotemporale Demenz, die typischerweise Stirn- und Schläfenlappen im Gehirn betrifft, was eher zu Verhaltensauffälligkeiten führt und erst später zu Gedächtnisstörungen. Mit diesen genannten Formen sind 90 Prozent aller Fälle abgedeckt.

Und die sehr seltenen Formen?

Felbecker: Diese suchen wir besonders, weil sie behandelbar sein können. Zum Beispiel bestimmte Vitaminmangelzustände und Entzündungen vom Gehirn. Danach forschen wir gerade bei jüngeren Patienten, also wenn Demenz vor dem 60. Altersjahr auftritt.

In diesem Alter ist Demenz aber eine grosse Ausnahme.

Felbecker: Ja, das sind grosse Ausnahmen. Solche Fälle sind immer ein Grund, nach besonderen Ursachen zu forschen und auch nach Vererbung. Demenzpatienten haben manchmal in der Familie Demenzkranke. Dann wissen wir, dass es bestimmte Gene gibt, die für eine Demenz-Veranlagung sprechen.

Sucht die Forschung vor allem bei den Genen?

Felbecker: Das war in den letzten zehn Jahren sehr populär. Aber man hat den grossen Durchbruch nicht geschafft. Es gibt ein paar spezifische Gene, die machen aber nur sehr wenige Fälle aus. Für den grossen Teil der Patienten haben wir keine genetische Erklärung.

Gibt es gar keine Auslöser für Demenz?

Felbecker: Es kommt auf die Form an. Bei der vaskulären Demenz haben wir wie gesagt den Schlaganfall in einer wichtigen Hirnregion als Auslöser. Bei der Alzheimer-Demenz gibt es keinen direkten Auslöser. Es gibt Risikofaktoren. Zum Beispiel ein Schädel-Hirn-Trauma im frühen Erwachsenenalter.

Die Vorbeugung gegen Demenz ist somit schwierig.

Felbecker: Man kann schon etwas tun. Wir kennen von grossen Studien gewisse schützende Faktoren. Wenn man von Vorbeugung redet, gibt es zumindest drei Dinge, die man tun kann. Zum einen machen regelmässige sportliche Aktivitäten das Auftreten einer Demenz weniger wahrscheinlich. Zweitens spielt die Ernährung eine Rolle. Zum Beispiel reduziert die sogenannte mediterrane Küche das Risiko einer Demenz. Und drittens ist regelmässige geistige Aktivität eine Art der Vorbeugung. Ein hohes Bildungsniveau schützt, wie auch das Lesen oder Kreuzworträtsel lösen und ähnliche geistige Aktivitäten bis ins hohe Alter. Das sind aber alles keine sicheren Schutzfaktoren, sie bieten aber einige Prozent weniger Risiko. Den sicheren Schutz kennen wir nicht.

Wie sind die Forschungserfolge bei der Therapie, bei den Medikamenten?

Felbecker: Da wurde in den vergangenen Jahren extrem viel investiert von Seiten der Pharmafirmen. Leider aber insgesamt mit sehr frustrierenden Ergebnissen. Wir haben die Acetylcholinesterase-Hemmer. Das sind Substanzen, die schon seit über zehn Jahren auf dem Markt sind. Sie erzeugen eine gewisse Verlangsamung des Fortschreitens der Demenz, haben aber einen geringen therapeutischen Effekt. Alle weiteren Ansätze, die man hinsichtlich einer effektiven Vorbeugung oder Impfung hatte, sind noch nicht weit gediehen.

Gibt es doch noch eine Hoffnung?

Felbecker: Die Hoffnung ist sicher da. Es gibt gute Forschungsansätze in Richtung Immuntherapien, auch bei den Impfungen wird weiter geforscht. Man hofft, dass man die Bildung von Amyloid-Plaques verhindern kann. Die Wirkung solcher Therapien ist prinzipiell bewiesen, aber noch mit unhaltbaren Nebenwirkungen. Die Hoffnung ist da, dass in den nächsten Jahren neue Substanzen mit vertretbaren Nebenwirkungen auf den Markt kommen. Da muss man aber sehr geduldig sein. Das wird sicher noch fünf bis zehn Jahre dauern, bis das in der klinischen Routine ankommt – wenn überhaupt.

Wenn plötzlich vieles vergessen geht: Immer mehr Menschen leiden unter Demenz. (Bild: fotolia/freshidea)

Wenn plötzlich vieles vergessen geht: Immer mehr Menschen leiden unter Demenz. (Bild: fotolia/freshidea)