Mama und Papa sehen dich

Mit Ortungs-Apps können besorgte Eltern über das Smartphone jederzeit den Standort ihrer Kinder lokalisieren. Die Apps sind beliebt, auch in der Schweiz. Doch Experten beurteilen die vermeintliche Sicherheit kritisch.

Chris Gilb
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Wer wissen will, wo das eigene Kind gerade ist, muss nicht mehr zum Hörer greifen. Dank dem Einsatz moderner Ortungstechnik genügt ein Blick auf das Smartphone. (Bilder: fotolia, Montage: Florian Raatz)

Wer wissen will, wo das eigene Kind gerade ist, muss nicht mehr zum Hörer greifen. Dank dem Einsatz moderner Ortungstechnik genügt ein Blick auf das Smartphone. (Bilder: fotolia, Montage: Florian Raatz)

Diese Geschichte könnte genau so im Silicon Valley stattgefunden haben: Einige innovative Menschen sitzen abends zusammen im Garten. Darunter Michael Ballweg, Geschäftsführer der Stuttgarter Media Access GmbH. Seine Tochter Emily ist in einem Alter, in dem sie abends länger wegbleiben darf. Die Runde fragt sich, ob die Tochter auch wirklich wie vereinbart um 21 Uhr zu Hause eingetroffen ist. Das ist sie, bestätigt ihnen ein Kontrollanruf. «Da haben wir uns gefragt, ob dieses Problem, das Tausende Eltern wahrscheinlich jedes Wochenende haben, nicht auch einfacher lösbar wäre», sagt Christina Schulze, Projektleiterin der App «Synagram».

Jederzeit lokalisierbar

«Synagram» ist eine App, die Eltern ermöglicht, ihren Nachwuchs jederzeit über ihr Smartphone zu lokalisieren. Mit «Synagram» werden Helikoptereltern zu Drohneneltern. Ersterer Begriff bezeichnet Eltern, die ihre Kinder überwachen und behüten wollen, in dem sie diese auf Schritt und Tritt begleiten, wie ein Helikopter, der über den Kindern schwebt. Dank «Synagram» müssen die Eltern nun nicht mehr selbst anwesend sein, sondern können sie virtuell überwachen. Wie eine Drohne, die den Kindern nachfliegt. Sie können ortsbezogene Termine für ihre Kinder einrichten und werden gewarnt, falls diese etwa zur vorgegebenen Zeit nicht in der Schule ankommen. Auch eine Notfall-Funktion beinhaltet die App, die, wenn von den Kindern ausgelöst, den Eltern sofort deren Standort meldet.

Apps wie «Synagram» gibt es etliche. Beim «Tabaluga SOS Familien-App» etwa lassen sich sichere Radien für die Kinder festlegen, beispielsweise um das Haus oder die Schule; verlassen sie diese mit ihrem Smartphone, erhalten die Eltern sofort ein Warnsignal.

Alibi für Vernachlässigung

Die Ortungs-Apps werden emsig heruntergeladen. Im Fall von «Synagram» schon über 30 000mal und nach Angaben von Geschäftsführerin Schulze stammen etliche Nutzer auch aus der Schweiz.

14 Prozent der 6- bis 7-Jährigen haben hierzulande ein Handy, bei den 12- bis 13-Jährigen sind es, gemäss einer Erhebung der ZHW aus dem Jahr 2013, schon 90 Prozent. Experten für Kinder- und Elternbetreuung zeigen sich nur bedingt angetan von der Verwendung moderner GPS-Technik in der Kindererziehung. «Der Einsatz einer Ortungs-App darf nicht ein Alibi für die Eltern sein, dass sie morgens früher arbeiten gehen können», sagt Dirk von Malotki, Psychologe und Berater bei der Perspektive Thurgau.

In Übergangssituationen könne er solchen Apps etwas abgewinnen, etwa wenn sich die Kinder an einen neuen Schulweg gewöhnen müssen, zur Dauerlösung sollten sie aber nicht werden. «Ab sieben Jahren kann ein Kind selbständig zur Schule gehen, da hilft es, wenn Eltern ihrem Kind dann einfach sagen: <Du kannst das>, um ihm Sicherheit zu geben», sagt Malotki. Auch Monika Diethelm-Knoepfel, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Uzwil, findet Apps wie «Synagram» eher für Ausnahmesituationen geeignet: «In einer konkreten Gefährdungssituation des Kindes kann ich den Einsatz solcher Apps nachvollziehen.» Als Beispiel nennt sie den Fall eines Kindes mit Behinderung, das sich oft verläuft.

Ob Ortungs-Apps jedoch zu mehr Sicherheit beitragen, stellt Diethelm-Knoepfel in Frage: «Ich könnte mir eher eine Gegenreaktion der Kinder und Jugendlichen vorstellen, in dem sie einfach ihr Handy an einen Kollegen übergeben, wenn sie etwa einen festgelegten Radius verlassen wollen.» Dies schade dann dem Vertrauen zwischen Eltern und Kindern, das eine wichtige Basis für Sicherheit allgemein sei.

Empfehlung des Herstellers

«Synagram» bietet deshalb zwei Modi an, den «Überwachungsmodus», den die Hersteller bei Kindern empfehlen und der die Eltern jederzeit über den Standort dieser informiert, und den «Begleitmodus» für Jugendliche, der den Standort des Handys nur verrät, wenn der Alarm-Button betätigt, oder ein Termin nicht eingehalten wird.

Anonymität fördert die Angst

Ob sich die Eltern jedoch an die Empfehlungen des Herstellers halten oder doch lieber auf Nummer sicher gehen und unabhängig des Alters auf den «Überwachungsmodus» setzen, lässt sich nicht erfassen. Dirk von Malotki sagt: «Besser für das Kindeswohl ist, wenn die Eltern sich vernetzen; sie sollen sich untereinander absprechen, so dass ihre Kinder gemeinsam zur Schule gehen können.» In einer Zeit, in der viele Familien mobil sein müssten und deshalb oft umziehen, sei dies aber durchaus schwierig. Doch genau in dieser Anonymität stecke wahrscheinlich auch der Ursprung des Bedürfnisses nach Apps wie «Synagram». Wer seine Umgebung nicht kenne, neige dazu, grössere Angst zu haben, sagt Malotki.