Mainstream-Medien?

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Bernard Thurnheer
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Lügenpresse! Classe politique! Medien-Einheitsbrei! Abgehobene Intellektuelle! So tönt es etwa seit einem Jahr landauf, landab, in der Schweiz, in Europa, in der Welt. Brexit, Trump-Wahl und der Vormarsch der rechten Parteien sind angeblich die Quittung dafür. Was ist davon zu halten? Wenn Sie mich fragen: Alles Unsinn! Trotzdem lässt sich ein gewisses Unbehagen nicht wegdiskutieren. Es war eigentlich immer schon da, fristete aber ein Schattendasein und ist erst jetzt dank der neuen sozialen Medien ausgebrochen. Wie meine ich das?

Das gesellschaftliche Leben war und ist voller Probleme, zu deren Lösung es unterschiedliche Meinungen gibt. In vielen Fällen setzt sich eine Ansicht klar durch. Von da an gehört es zum guten Ton, in der Öffentlichkeit diese Mehrheitsmeinung zu äussern. Dieser sogenannte Mainstream ist jetzt fast schon Pflicht. Wer eine davon abweichende Meinung vertritt, hat es fortan schwer, er macht sich unbeliebt, wird sogar gesellschaftlich etwas ins Abseits gestellt. Ein Beispiel: Wer vor zehn Jahren der Meinung war, man müsse den Zulauf von Flüchtlingen stoppen, war automatisch ein böser Kerl, ein herzloser Egoist, ein menschenverachtendes Monster (Bitte mit dem Applaus noch etwas zuwarten...). Wer heute sagt, das Problem mit den Flüchtlingen sei nicht halb so wild und durchaus lösbar, erfährt nun von den lieben Mitmenschen die gleiche abschätzige Behandlung wie diejenigen vor zehn Jahren, allerdings aus dem genau umgekehrten Grund! Es liegt im Wesen der Sache, dass die Politiker und die Medien sich an der Mehrheit ausrichten. Dies ist höchst demokratisch und alles andere als verwerflich. Problematischer ist es, wenn ein gesellschaftlicher Druck aufgebaut wird, mit dem Minderheitenmeinungen zum Schweigen gebracht werden sollen.

Eine verwandte Gefahr, der die Medien oftmals unterliegen, ist eine Art Pawlowscher Reflex gegenüber einzelnen Personen oder Institutionen. Neuestes Beispiel: Die Fifa erhöht die Anzahl der Teilnehmer an der WM-Endrunde ab 2026 (also in 9 Jahren, wie dringlich ist denn dieses «Problem» eigentlich heute?) von ­ 32 auf 48 Teams. Die Fifa hat ein ganz schlechtes Image, also wird dieser Entscheid ohne langes Nachdenken von der gesamten Weltpresse in Bausch und Bogen verdammt. Von einem Nachrichtenmagazin wurde ich um eine Ausage angefragt, bitte ohne Beisshemmungen, wie mir sogleich mitgeteilt wurde. Dass ich diese Aufstockung vehement ablehne, schien von allem Anfang an klar zu sein. Meine Erfahrung ist jedoch die, dass an der Fussball-WM die erste Phase immer die mit Abstand interessanteste ist. Unbekannte Nationalmannschaften zu verfolgen, macht besonders viel Spass, man denke nur an Island an der letzten EM. In jedem der teuren, womöglich neu gebauten Stadien werden nun statt drei vier Vorrundenspiele stattfinden, was doch auch positiv ist. Und der Hauptkritikpunkt, die Belastung für die Spieler werde zu gross, trifft ins Leere. Wie bisher werden die besten vier Teams auf sieben Partien kommen. In 16 zusätzlichen Ländern aber wird die Freude über eine WM-Teilnahme gross sein. Trotzdem haben es konservative Kreise und die geldgierigen Klubs, denen die Fifa seit jeher ein Dorn im Auge ist, fertiggebracht, den Mainstream auf Ablehnung zu trimmen, einfach «weil die Fifa sowieso korrupt ist», ohne Ansehen des Einzelfalles.

Egal auf welcher Seite ich beiwelcher Frage stehe: Ich wünsche mir Politiker, Journalisten und Bürger, die sich zu jedem Einzelfall eine eigene Meinung bilden und unabhängig davon entscheiden, welche Linie gerade gefragt ist. Der liebe Gott hat uns ein Gehirn zum Nachdenken geschenkt, und Augen, damit wir nicht blind irgendjemandem nachlaufen müssen! Davon sollten wir Gebrauch machen!