Männer sind besser isoliert

Kälte kann tödlich sein – auf jeden Fall empfinden wir Minustemperaturen unterschiedlich. Der Chirurg Jörg Grünert vom Kantonsspital St. Gallen erklärt, warum Frauen schneller frieren und warum wir zu zittern beginnen.

Bruno Knellwolf
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Human nervous system diagram. Anatomy cross section, with clipping path included. (Bild: Pixelchaos (37904587))

Human nervous system diagram. Anatomy cross section, with clipping path included. (Bild: Pixelchaos (37904587))

Wenn in diesen Tagen das Thermometer unter den Gefrierpunkt sinkt, sind die Frauen davon mehr betroffen als die Männer. Das unterschiedliche Empfinden bestätigt die Ergotherapeutin Nicole Grünert-Plüss, die mit einem Team des Kantonsspitals St. Gallen, bestehend aus Handchirurgen und Ergo- und Physiotherapeuten, eine Umfrage zur Kälteüberempfindlichkeit gemacht hat. «Bei den 1500 Probanden zeigte sich die höhere Kälteempfindlichkeit der Frauen deutlich», sagt Grünert-Plüss.

Die Testpersonen erhielten dafür einen Fragebogen, mit dem statistisch ausgewertet werden konnte, wie sich Menschen in bezug auf die Empfindung von Kälte unterscheiden. Befragt wurden gesunde Menschen und solche, die an einer Kälteüberempfindlichkeit leiden. Letzteres sind Personen, die nach Amputationen, Frakturen oder einer Sehnenverletzung unter Schmerzen, Taubheit, Kraftverlust oder Schwellungen am betroffenen Körperteil leiden.

Rezeptoren am ganzen Körper

Leiter der Untersuchung im Kantonsspital St. Gallen ist Jörg Grünert, Chefarzt der Klinik für Hand-, Plastische und Wiederherstellungschirurgie. Er erklärt, wie wir Kälte und Wärme empfinden. «In der Haut sind auf dem ganzen Körper Rezeptoren verteilt: Empfindungsorgane, die nicht nur Berührung, sondern auch Dehnung, Druck, Vibrationen und Temperaturunterschiede empfinden können. Über die Nerven werden die Signale der Rezeptoren ans Gehirn weitergeleitet», sagt Grünert. «Allein auf der Fingerkuppe gibt es pro Quadratmillimeter 100 Tastkörperchen und Nervenendungen, die Druck empfinden.»

Die Temperaturrezeptoren sind auf den ganzen Körper verteilt, aber nicht überall so dicht wie auf Fingerkuppe, Gesicht und Lippen, die besonders empfindlich sind. «Mit der Fingerkuppe ertasten wir unsere Umwelt, deshalb sind dort die Tastkörperchen dichter verteilt als zum Beispiel auf dem Rücken.»

Mehr Muskelmasse

Allerdings ist die Kälte- und Wärmeempfindung bei jedem Menschen anders. «Lebenserfahrungen und der Trainingszustand des Körpers spielen eine Rolle» sagt Grünert. Die Unterschiede zwischen Mann und Frau hängen mit deren Anatomie zusammen. Männer bestehen in der Regel aus 45 Prozent Muskelmasse und 15 Prozent Fettgewebe. Bei Frauen sind es 25 Prozent Muskelmasse und 25 Prozent Fettgewebe. Fettgewebe isoliert zwar besser, Muskelmasse kann aber durch Zittern und Bewegung Wärme produzieren.

Zudem ist die Hautschicht bei Männern anders als bei Frauen. Männer haben eine um 15 Prozent dickere Haut, die besser isoliert. Zusammengefasst: Die besser isolierten Männer erzeugen durch ihre Muskelmasse mehr Energie im Körper und frieren deshalb weniger.

Auch das Alter spielt eine Rolle. Oft trifft man ältere Menschen in überhitzten Wohnungen an, die doch noch über Kälte klagen. «Ältere Menschen bewegen sich weniger und kühlen deshalb schneller aus», sagt Jörg Grünert. Alte Leute haben zudem weniger Fettgewebe und Muskelmasse.

Kinder frieren weniger

Für das Wärmeempfinden spielt das Verhältnis von Körpergrösse zu Körpervolumen eine Rolle. Tiere, die in der Arktis leben, haben einen rundlichen, gedrungenen Körper mit kleinen Ohren, damit sie weniger Wärme abgeben. Elefanten in Afrika haben dagegen grosse Ohren, um Wärme verlieren zu können. «Je kleiner und gedrungener man ist, desto weniger Oberfläche hat man, und dementsprechend verliert man auch weniger Wärme», erklärt Grünert. Kinder haben kleine Körperformen und spüren Kälte deshalb weniger.

Trotzdem muss man auch bei Kindern auf exponierte Organe achten. Hände und Gesicht werden sehr stark durchblutet. Wenn man Wärme verliert, gibt man diese durch eine vermehrte Durchblutung des Gesichts oder der Hände ab. Wer zum Beispiel jetzt in der Kälte joggt, dessen Hände und Kopf werden stärker durchblutet. Ohne Wärmeschutz kühlen diese sehr schnell aus. Auf Unterkühlung reagiert unser Körper sofort. Der Körper hat nämlich eine Solltemperatur von 37 Grad. Wenn die Körpertemperatur sinkt, wird das über Temperaturrezeptoren an das Gehirn gemeldet. Im Hypothalamus des Gehirns gibt es ein Regulationszentrum. «Wenn da die Meldung kommt: <Es ist zu kalt>, wird der Körper aktiv», erklärt Grünert. Meist beginnt das mit einer Verhaltensänderung. Wir bewegen uns mehr oder ziehen uns einen Pullover über. Das wird vom Gehirn gesteuert, bewusst oder unbewusst. Der Körper versucht, sich im Gleichgewicht zu halten. Wenn es ihm nicht gelingt, fängt er an zu zittern, um mit Muskelvibration Wärme zu erzeugen.

Gefährlicher Alkohol

In kalten Extremsituationen kann das nicht reichen. In Schwierigkeiten kämen oft Menschen, die Alkohol getrunken haben, im Rausch die Orientierung verlieren und sich in der eisigen Nacht verlaufen, erzählt Grünert. Der Alkohol erweitert die Blutgefässe, Gesicht und Hände werden mehr durchblutet, damit gibt der Körper mehr und schneller Wärme ab. «Solche Menschen kühlen sehr stark aus. Unterschreitet die Körpertemperatur 29 Grad, werden wichtige Lebensfunktionen beeinträchtigt. Dann kann es kritisch werden», sagt der Chirurg.

Auch Medikamente und Drogen können die Temperaturregulation im Gehirn ändern. Der Körper wird dann auf eine höhere Temperatur eingestellt. Solche Menschen überhitzen und schaffen es nicht, sich zu regulieren. Das ist zum Beispiel durch Ecstasy oder Amphetamine möglich. Wärme kann also ebenfalls gefährlich sein, innerlich und äusserlich. Hier spielt die Dauer, die man der Hitze ausgesetzt ist, eine Rolle, wie auch die Luftfeuchtigkeit. Gefährlich wird es ab 52 Grad Celsius: Dann denaturieren Eiweisse, es entstehen unwiederbringliche Strukturstörungen in Zellen, die Lebensprozesse leiden bei solchen Temperaturen stark oder sterben ab.

Kurzzeitig ist Wärme und Kälte gut auszuhalten. Grünert erzählt von der Schneeballschlacht ohne Handschuhe. Kommt man danach ins warme Haus zurück, werden die Hände stark durchblutet, färben sich rot und beginnen zu schmerzen. In der Fachsprache heisst das reaktive Hyperämie. Nach Kälteeinwirkung werden die Gefässe anfangs verengt, um keine Wärme abzugeben. Danach werden die Gefässe überweit gestellt, um eine starke Durchblutung zu ermöglichen, die Wärme erzeugt. Dadurch verschiebt sich das Blut vom Zentrum des Körpers in die Haut und fehlt damit auch im Gehirn. Das kann im schlimmsten Fall zu einem Zusammenbruch führen.

Abgetrennte Hände

Kälte kann auch an Gegenständen eine Gefahr sein, zum Beispiel wenn die Haut an einem eisigen Material kleben bleibt. Bei feuchter Kälte kann die Haut anfrieren und verkleben. Dieses physikalische Phänomen kann zu Problemen in der Handchirurgie führen, wie Jörg Grünert erzählt: «Wir replantieren Finger und Hände. Manchmal denkt jemand, er müsse die abgetrennte Hand ordentlich kühlen, und legt sie deshalb direkt auf Eis.» Dann dehnt sich das Hautgewebe aus, die Zellwände sprengen und verkleben. «Eine erfolgreiche Replantation ist dann kaum mehr möglich.»

Etwa 40 bis 50 abgetrennte Gliedmassen werden in der Klinik von Grünert jedes Jahr wieder angenäht. Die Herausforderung dabei ist, diesen Menschen auch das Gefühl wieder zurückzugeben. «Wenn man Nerven näht, erholen sich Gefühl, Temperatur- und Vibrationsempfindung. Aber nie mehr so weit, wie es zuvor war. Nach einer Nervennaht erholt sich das um etwa 80 Prozent», sagt der Chirurg.

Wie Stromkabel

Damit das gelingt, muss der Chirurg um 100 000 Nervenfasern im Bereich des Handgelenks wieder zusammenbringen, die das Hirn mit Informationen versorgen. Für den Laien unvorstellbar, doch Grünert sagt, Nerven seien nichts anderes als Stromkabel. «Sensible Nerven müssen mit sensiblen und motorische mit motorischen Nerven verbunden werden. Das ist nicht anders als in der Elektrik.» An der Farbe, wie die Stromkabel, sind die Nerven allerdings nicht zu erkennen. Um die Hand wieder Wärme und Kälte fühlen zu lassen, muss der Chirurg viel von Anatomie verstehen, um dickere und dünnere Nervenfasern zu erkennen.

Jörg Grünert Leiter Wiederherstellungs-Chirurgie Kantonsspital St. Gallen (Bild: pd)

Jörg Grünert Leiter Wiederherstellungs-Chirurgie Kantonsspital St. Gallen (Bild: pd)