LONDON: Schöner beten mit Pink Floyd

Das Victoria & Albert-Museum widmet der englischen Rockband eine feierliche Ausstellung. Allerdings: Die kommerziell glatte, kritikfreie Show kann ihr nicht gerecht werden.

Sebastian Borger, London
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Aufwendige Installationen feiern in der grossen Ausstellung die Alben und Musik von Pink Floyd ab. Hier zu «Delicate Sound of Thunder» (1988). (Bild: Facundo Arrizabalaga/EPA)

Aufwendige Installationen feiern in der grossen Ausstellung die Alben und Musik von Pink Floyd ab. Hier zu «Delicate Sound of Thunder» (1988). (Bild: Facundo Arrizabalaga/EPA)

Sebastian Borger, London

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@tagblatt.ch

Im durch und durch säkularen Grossbritannien haben die Kirchen ihre Bedeutung verloren, der Sonntag dient ausgedehnten Shoppingtrips oder Sportveranstaltungen. Gottesdienstersatz bieten Kulturschaffende. Ein schönes Beispiel stellt die neueste Prachtausstellung im weltberühmten Victoria & Albert-Museum (V&A) dar.

Dort hatten Kuratoren vor Jahren eine glänzende Idee. Sie begannen mit der Aufarbeitung der Popkultur am (damals noch) lebenden Objekt. «David Bowie Is» zelebrierte eine Ikone, einen Sänger und Selbstdarsteller, ein Stile absorbierendes Chamäleon. Der gewaltige Andrang von gleichaltrigen und nachgeborenen Fans gab den Ausstellungsmachern Recht. Im vergangenen Jahr feierte eine Schau über die zweite Hälfte der 1960er-Jahre Triumphe, ein «Bombardement der Sinne» («Guardian») mit psychedelischer Musik und grellen Farben, ein audiovisueller Anbetungswirbel.

Der Ausstellungstitel greift ins Leere

«Nostalgie ohne Erinnerung» hat der Beatles-Biograf Philip Norman das Phänomen der nachgeborenen Anbeter genannt. Von einer kritischen, distanzierten Auseinandersetzung mit einer Zeit und deren Heroen kann keine Rede sein, auch nicht in der neusten V&A-Galaschau. Sie ist der grandios innovativen, über Jahrzehnte immer wieder tief zerstrittenen Rockband Pink Floyd gewidmet, deren Musik, Plattencover und bombastisches Bühnenbild in den letzten drei Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts immer neue ästhetische Meilensteine markierten.

Dass deren Anführer, Sänger und Hauptkomponisten Roger Waters (Bass) und David Gilmour (Gitarre) musikalische Genies sind, wer würde das bezweifeln? Sie waren – sind bis heute, Waters, 73, hat gerade erst ein neues Soloalbum veröffentlicht – so gut, dass ihnen eine kritikfreie, kommerziell glatte Show nicht gerecht werden kann. Der Ausstellungstitel «Ihre sterblichen Überreste» (Their mortal remains) verweist ironisch ins Transzendente – wie leicht hätte sich daran anknüpfen lassen. Stattdessen wird den viel Geld zahlenden Besuchern der V&A-Ausstellung nicht weniger als die Beteiligung an einer kultischen Handlung abverlangt.

Mit Kopfhörer auf eine Zeitreise

Sie beginnt, wie jeder ordentliche Gottesdienst, mit einer Bussübung: Wer nicht in aller Herrgottsfrühe erscheint, beginnt die Annäherung ans Allerheiligste trotz längst gelöster Eintrittskarte mit mehr oder minder langem Anstehen. Erst dann dürfen sich die Gläubigen die Kopfhörer (natürlich vom Sponsor Sennheiser) überstreifen und die abgedunkelte Weihestätte betreten. Dort beginnt die Zeitreise in die psychedelische Welt von Drogen und experimenteller Musik Mitte der 1960er-Jahre, als vier junge Engländer in London ihre Band Pink Floyd nannten.

Es herrscht feierliche Stille, die Ausstellungsbesucher sind ja von ihren je eigenen Klangwolken («alles automatisch») umhüllt. Schon das Klicken einer Kamera wirkt wie eine empfindliche Störung. In Hochglanz, mit feinsten Materialien in dezent beleuchteten Vitrinen werden die «Ingenieure des Experimentierens» gefeiert. Chronologisch wird eines nach dem anderen der Alben aus den 1970er-Jahren behandelt. Die Prismapyramide, Markenzeichen des bahnbrechenden Albums «Dark Side of the Moon» (1973), hat einen eigenen Raum erhalten, wohl als Anerkennung dafür, dass die Platte bis heute durchschnittlich 7000 Mal pro Woche verkauft wird. Die legendären Illustrationen für «Wish you were here» (1975), darunter der Handschlag zweier Geschäftsleute, müssen sich einen Raum teilen. Ein gewaltiges Neonschwein spielt auf «Ani­mals» (1977) und den Flug eines Artgenossen über das ehemalige Kraftwerk von Battersea an. Schliesslich kommt eine 13 Meter lange «Wall» (1979), komplett mit Doppeldecker der Luftwaffe und den Fantasiefiguren des Rockstars und halluzinierenden Möchtegernfaschisten Pink.

Die bitteren Jahre im gar milden Licht

Bänkchen zum Niederknien vor den Ikonen wären der Stimmung angemessen, würden aber das Gedränge verschlimmern. Mögen Waters, Gilmour & Co sich auch stets «normalen» Popmusikern wie den Beatles oder Rolling Stones überlegen gefühlt und eine Aura der Exklusivität gepflegt haben – in den V&A-Räumen herrschen Zustände wie beim Ausverkauf im nahen Kaufhaus Harrods. Die bitteren, Jahrzehnte dauernden Zerwürfnisse über Urheberrechte und Bandhierarchie werden als «gut dokumentierte Spannung zwischen Mitgliedern der Gruppe» abgetan, die deren Kreativität befeuert habe. Und die Gläubigen erhalten den Segen: Pink-Floyd-Fans seien «ebenso hartgesotten wie passioniert», lobt der Ausstellungstext. Sie haben über die Jahrzehnte eine «echt progressive Band, die nie aufhörte zu experimentieren», unterstützt.

Solcherart gestreichelt heisst es nun Kopfhörer ab zum Gebet: Im letzten Ausstellungsraum werden Bilder vom letzten gemeinsamen Liveauftritt 2005 gezeigt, Glockenläuten inbegriffen. Fehlt nur noch der Besuch im Devotionalienladen. Dort gibt es sechs Tourprogramme der Band im schwarzen Kartonkasten (75 Franken). Für den Hausaltar.

Bis 1. Oktober. Eintritt 22 Pfund, am Wochenende 26 Pfund (rund 32.- Franken), vam.ac.uk