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LITERATUR: Warum der US-Rostgürtel Trump liebt

Der junge Autor J. D. Vance berichtet in seinem aufwühlenden, präzisen Buch von der Stimmung und den Menschen in den früher blühenden Industriegebieten im Nordosten der USA.
Heiko Strech
J. D. Vance erzählt in einer amerikanischen Talkshow von seinen Erfahrungen. (Bild: Lloyd Bishop/Getty (New York, 15. März 2017))

J. D. Vance erzählt in einer amerikanischen Talkshow von seinen Erfahrungen. (Bild: Lloyd Bishop/Getty (New York, 15. März 2017))

Dieses Buch haut einen um. Gewalt, Verzweiflung, Beziehungsknatsch, Finanzmisere, Alkohol und Drogen bestimmen den Alltag der Menschen darin. Und der Autor, J. D. V ance (32), kommt aus dem Innersten dieses Elends. Er schildert in der «Hillbilly-Ele­gie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise» seine Jugend in ­Middle- town, Ohio. Im nahen Wilmington drehte der Dokumentarist Michael Moore Szenen für «Trump Land». Die arbeitslosen Industrie-Malocher haben nämlich den egomanen Milliardär gewählt. Er führte sie in die Irre mit seinen Faseleien über den Wiederaufstieg von Kohle und Stahl. In den USA galt das Buch mit seinem noch vor dem Trump-Triumph verfassten Mix aus Au­tobiografie und Sozialreportage weitherum als «wichtigstes Buch des Jahres». Denn es öffnet (auch uns) die Augen über den rätselhaften Wahlsieg Trumps. Der Niedergang der Industrie liess nicht nur die Maschinen rosten, sondern quasi auch das Fühlen und Denken der «frei»gesetzten Arbeiter. Wahllos wechselt Vances Mutter ihre Männer. Doch «Moms» wahre Geliebte sind Alkohol und Drogen. Sie dreht immer wieder durch. Längst ist die Hoffnung aus Middletown ausgezogen. Die Massenentlassungen führen in einen Teufelskreis der Lethargie. Das Selbstwertgefühl sinkt, Selbstkritik wird verdrängt und der «Feind» wird nur aussen gesucht.

Markiges Machogehabe, authentisches Sittenbild

Darin gleicht Trump durchaus «seinen» Hillbillys (Hinterwäldlern): Schuld sind immer die anderen, am liebsten Vorgänger Barack Obama. Auch Trumps grosssprecherisches Wegwischen komplexer Probleme, seine rüden Angriffe auf den «Sumpf» Washingtons lieben seine Anhänger. Markiges Machogehabe eint sie: bei Trump in Saus und Braus, bei seinen Wählern gerade auch in Not und Frust. Der junge Vance aber gab sich nicht auf. Das ging nicht ohne Glück. Denn «Mamaw» und «Papaw», die Grosseltern, vermittelten dem geliebten Enkel eine Ethik des Widerstands gegen den Middletown-Mainstream. Dabei war die Oma einst ein echtes Hillbilly-Raubein. Einmal übergoss sie ihren stockbesoffenen Mann mit Benzin und zündete ihn an. Vances Schwester Lindsay rettete ihn. Aber Mamaw zündet nicht nur ihren Mann an, sondern entfacht auch in ihrem Enkel das Feuer des Glaubens an sich selbst und die Zukunft. Seine Zukunft. Vance besucht die Elite-Uni Yale, ist heute Jurist und Investor, führt ein glückliches Familienleben.

Ein authentischerer Blick ist kaum möglich auf die Hillbillys. Trotz herber Kritik an ihrer «White-Trash»-Kultur vergisst Vance nicht, dass die Industriebarone die Produktion ins Ausland verlagert und so den sozialen Abstieg im Rostgürtel verschuldet haben. Gewiss hat Vance seinen Aufstieg zäh erkämpft. Aber er weiss – wissenschaftlich bewiesen! – dass auch «resiliente» Kinder nur dann «aus instabilen Familien gedeihen, wenn sie die Unterstützung eines einzigen liebevollen Erwachsenen haben». Vance hat sein aufwühlendes Buch Mamaw und Papaw gewidmet.

Heiko Strech

J. D. Vance: Hillbilly-Elegie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise. Ullstein-Verlag, 303 S., Fr. 29.–

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