LITERATUR: Heimatroman über eine kriegerische Schweiz

Die Schweiz im Bürgerkrieg. Benjamin von Wyls «Land ganz nah» ist eine beissende Satire.

Timo Posselt
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In Teufen besprayen Unbekannte Kirche und Gemeindekanzlei mit dem Spruch «Zämestoh – nöd s Volk verloh». Das steht gegen Ende in Benjamin von Wyls Débutroman. Die Schweiz steckt da längst tief im Bürgerkrieg: Die gestrandeten Flüchtlinge im Zwischengeschoss des Zürcher Hauptbahnhofs werden mit einer Nagelbombe angegriffen. Die SVP bildet Bürgerwehren und schreitet zur Landesverteidigung, und in den Städten führt eine Basler Politikerin der Alternativen Liste die totalitäre Abspaltung vom Umland an. In «Land ganz nah» eskaliert die Einwanderungsdiskussion zum Krieg: Land gegen Stadt.

Wir lesen die Eskalation im Roman aus der Perspektive zweier Ichs: Karola ist Mitte zwanzig, arbeitet bei einer Zeitung in Basel, hat einen Macho als Chef und eine komplizierte Beziehung zum zweiten Ich des Romans. Das ist ein Er und bleibt namenlos. Man kann ihn als Alter Ego des Autors lesen. Er wohnt ebenfalls in Basel, hält es keine zwei Tage ohne Social Media aus und hasst Zürich, wo er ebenfalls etwas mit Medien macht.

Sprachspiel mit Dialekten

Von Wyl ist nah dran an der Generation der Mittzwanziger: Sie hadern mit Beziehungen und deren alternativen Formen und haben einen Hang zur Selbstbezogenheit. Während die beiden versuchen, ihre Beziehung mit einem Ausflug nach Amsterdam zu kitten, eskaliert in Zürich die Situation. Als die SVP mit ihrem «George Clooney vo de Aupe» das Flüchtlingscamp für einen Wahlkampfauftritt ausschlachten will, greifen Autonome an.

Von Wyl lässt viele seiner Figuren in Dialekt sprechen, was jeweils in Fussnoten übersetzt wird. Gleichzeitig kommt episodisch ein Geflüchteter mit dem Namen Johnny zu Wort. Er spricht in einer Mischung aus Englisch und Deutsch. Das Sprachspiel wirft die Leserinnen immer wieder auf sich selbst zurück: Plötzlich ist Luzerner Dialekt genauso schwer verständlich wie gebrochenes Deutsch.

Sonderbundskrieg in der Agglo

Der Gesamtbundesrat setzt sich irgendwann nach Schottland ab: «Eine Gemeinschaft, die wohl erst bei der Essensplanung und wegen kulinarischer Vorlieben – Basler Mehlsuppe oder Borschtsch – Grundsatzdiskussionen geführt hätte.» In der Heimat kämpfen «Urbanisten-Milizen» gegen «Agglo-Bürgerwehren», die Post kommt nicht mehr durch und das männliche Ich schreibt einen Essay: «Weshalb man im Krieg vor allem über sich selbst nachdenken sollte».

Benjamin von Wyl hat eine beissende Satire auf seine Generation und den zeitgenössischen Schweizer Politbetrieb geschrieben. An manchen Stellen liest sich das wie ein dystopischer Heimatroman von Niklaus Meienberg. Oder als wäre der Sonderbundskrieg ins 21. Jahrhundert verlegt. Von Wyl ist freier Journalist und gibt den Medien die Rolle als Katalysator für die wortwörtlich explosive Stimmung im Land. Neben viel Lokalkolorit zeigt er grosse Freude an popkulturellen Anspielungen und intellektuellen Referenzen. Der Stil des manchmal lustigen, manchmal beunruhigenden Zukunftsromans ist über weite Strecken journalistisch gehalten. Dabei entwickelt er einen erstaunlichen Sog. «Land ganz nah» ist ein politisches Gedankenspiel. Man hofft, das es nie so weit kommt.

Timo Posselt

Lesung: Mi, 11.10., 20 Uhr, Horst Klub, Kreuzlingen