LITERATUR: Das Drehbuch des Lebens schreiben die anderen

Rachel Cusk hat einen faszinierenden Roman geschrieben über eine alleinerziehende Mutter, die zwischen Passivität und Zorn zur Beobachterin wird: Die intensive Studie menschlicher Bandbreite ist brillant erzählt.

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Faye zieht nach London. Besser gesagt: Sie zieht, nach Jahren auf dem Land, zurück in die Stadt, in der sie als junge Frau mit ihrem Freund Gerard zusammengelebt hatte. Das ist lange vorbei, inzwischen war sie mit einem anderen Mann zusammen, ist nun alleinerziehend mit zwei Söhnen und braucht eine verlässliche Bleibe für ihre kleine Familie. Das Häuschen in guter Lage, das sie schliesslich kauft, ist «in denkbar schlechtem Zustand, ehrlich gesagt ist es praktisch unbewohnbar»: So sagt es der Makler, der schon kurze Zeit später ihrem Blick auf der Strasse ausweicht.

Rachel Cusks neuer Roman «Transit» erkundet die Lage am neuen Ort der Protagonistin auf eigenwillige Art. Wenig Zeit vergeht, bevor sie Gerard auf der Strasse trifft, der bei dieser Begegnung in einem beeindruckenden Wortschwall ihre gemeinsame Vergangenheit wieder aufleben lässt und interpretiert. Wenn einem hier noch kaum auffällt, wie sehr sich die Ich-Erzählerin zurücknimmt und die Bühne fast vollständig der anderen Person überlässt, so wird wenig später klar, dass dies Muster als roter Faden das Buch durchzieht. Ob der gesprächige Friseur, der ihr ein Kapitel lang seine Lebensphilosophie darlegt, oder die merkwürdige Studentin, die fast unbeteiligt die dramatische Einsamkeit ihres Lebens in allen möglichen Details ausbreitet; ob ein Schriftstellerkollege, der bei einer gemeinsamen Lesung die Show völlig an sich reisst, oder das grässliche alte Paar, das in der Kelleretage wohnt und sie vom ersten Tag an schikaniert.

Faszinierende Menschenporträts

Die Erzählerin lässt ihre Leser einen Parcours an faszinierenden Porträts ablaufen, während sie selbst auf eine sich von Kapitel zu Kapitel steigernde Art seltsam unanwesend scheint. Dass eine Ich-Erzählerin die Erzählpsychologie völlig von sich selbst weg und dafür mit exzessiver Eindringlichkeit auf verschiedenste Figuren lenkt, wirkt zunächst nur als verstörender, wenn auch spannender Kunstgriff, schafft es die Erzählerin auf diese Weise doch, radikale Innen- und Aussenansichten der Figuren zu vermitteln. Da ist die mysteriöse Untermieterin Paula, die keinen Anlass für den Hass braucht, den sie über die neue Hausbesitzerin schüttet. «Ihre Stimme, sagte sie, macht mich krank. Sie hatte sich in Rage geredet. Ich sah, wie ihr hochgewachsener Körper sich leicht krümmte und der Kopf sich verdrehte, als trage sie etwas in sich, das sich entfalten oder zur Welt gebracht werden wollte. Sie stachelte sich selbst an; sie wollte Grenzen überschreiten, um sich selbst zu beweisen, dass sie frei war. Ich schwieg.»

Wie Passivität sich in Zorn verwandelt

Erst gegen Ende des Romans erschliesst sich die tiefere Wahrheit dieser Erzählweise – sie ist ein Abbild der Lebenshaltung der Erzählerin, die sich während ihrer Ankunft in London grundlegend verändert. «Lange Zeit, sagte ich, hätte ich geglaubt, man könne nur durch absolute Passivität erfahren, was einen wirklich umgebe. Aber meine Entscheidung, das Haus renovieren zu lassen und damit ein Chaos anzurichten, habe eine andere Wirklichkeit hervorgerufen … Letztendlich hatte ich mich in einen zornigen Menschen verwandelt. Ich hatte angefangen, mich nach Macht zu sehnen, weil mir klar geworden war, dass die anderen sie die ganze Zeit besessen hatten … Nicht ein universaler Geschichtenerzähler hatte mein Drehbuch geschrieben, sondern meine Mitmenschen, die sich der Gerechtigkeit so lange entziehen würden, wie man ihren Handlungen mit Resignation begegnete statt mit Empörung.» So ist Rachel Cusks Roman eine meisterlich verdichtete Studie über die ungeheure Bandbreite an Menschen und ihren persönlichen Verrücktheiten. Zudem die packende Geschichte einer persönlichen Entwicklung, die brillant erzählt ist.

Bernadette Conrad

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@tagblatt.ch

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