Lippentheater

Nichts für Farblose: Diesen Herbst schminkt die modische Frau ihre Lippen dunkelrot bis rostbraun. Eine Inszenierung – und ein Streben nach Macht, sagt eine Historikerin.

Diana Bula
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NEW YORK, NY - MAY 07: Actress Camilla Belle attends the "Schiaparelli And Prada: Impossible Conversations" Costume Institute Gala at the Metropolitan Museum of Art on May 7, 2012 in New York City. (Photo by Dimitrios Kambouris/Getty Images) (Bild: Dimitrios Kambouris (Getty Images North America))

NEW YORK, NY - MAY 07: Actress Camilla Belle attends the "Schiaparelli And Prada: Impossible Conversations" Costume Institute Gala at the Metropolitan Museum of Art on May 7, 2012 in New York City. (Photo by Dimitrios Kambouris/Getty Images) (Bild: Dimitrios Kambouris (Getty Images North America))

Viele Männer dürften aufatmen: Fertig mit dem grellen Orange- und Korallenrot. Bühne frei für Beerentöne, Aubergine, Rostbraun. Satt, sinnlich, weiblich. Wie das im Herbst angesagte Lippen-Make-up im Idealfall aussieht, haben Models auf den Laufstegen der Modemetropolen bereits gezeigt. Schauspielerinnen wie Camilla Belle und Kate Bosworth sowie Sängerin Lana Del Rey zogen sogleich nach; bei ihren Auftritten auf den roten Teppichen erschienen sie mit dunklen Farben im Gesicht.

Zu Jeans und T-Shirt passt der satte Farbton nicht, an Galas macht er sich hingegen gut. «Wer einen solchen Lippenstift verwendet, muss einen Hang zu Melodramatik haben», sagt die Zürcher Stylistin Luisa Rossi. Sie rät, mit auffälliger Kleidung ein Gegengewicht zu den Lippen zu schaffen. «Besonders gut lässt sich der Schminktrend mit einem schwarzen Hosenanzug oder einem Abendkleid kombinieren. So wirken die dunklen Lippen nicht billig, sondern klassisch.» Auch die Haare dürfen nicht einfach so herunterhängen: Entweder man glättet sie, formt sie zu glamourösen Locken, gelt sie nach hinten oder steckt sie hoch.

Um Männern zu gefallen

Wer dunklen Lippenstift trägt, fällt auf. Will auffallen. Als eine «überspitzte Inszenierung der Weiblichkeit» beschreibt Dominique Grisard, Historikerin am Zentrum Gender Studies der Universität Basel, die neue Lippenstiftmode. Sie erzählt von Frauen, die heute offenbar alles dürfen: Sie geniessen die gleiche Ausbildung wie Männer, und auch am Arbeitsplatz ziehen sie mit ihnen gleich. «Um da nicht zu männlich daherzukommen, zeigen sie sich gelegentlich gerne von ihrer femininen Seite.» Den etwas anderen Auftritt begründen Frauen laut Grisard dann oft mit Spass am Schminken. «Viele wollen aber auch einfach weiblich erscheinen, um den Männern zu gefallen. Denn diese fühlen sich von zu bestimmt und selbstsicher auftretenden Frauen nach wie vor oft bedroht.»

«Schönheit für alle»

Doch auch wenn viele dunkle Rotnuancen für Weiblichkeit stehen: Nicht immer waren diese Farben den Frauen vorbehalten. Blickt man in der Geschichte zurück, standen sie einst für Blut und Krieg, für Heiligkeit und Macht. Um Macht gehe es heute noch, sagt Grisard. «Die Frauen malen sich ja die Lippen rot an, um ihre Attraktivität zu steigern. Davon erhoffen sich einige mehr Erfolg – in einer Welt, in der viel über das Visuelle läuft.»

Gewisse Feministinnen beschuldigen sich schminkende Frauen daher, sich der Männerwelt zu unterwerfen, und verteufeln die Kosmetikindustrie. Die US-amerikanische Historikerin Kathy Peiss zeichnet im Buch «Hope in a Jar» ein anderes Bild: Der Schönheitskult komme einer Form der Emanzipation gleich, schreibt sie. Die Amerikanerinnen Elizabeth Arden und Estée Lauder etwa hätten mit Schminke viel Geld verdient und Arbeitsplätze für Frauen geschaffen. Mit dem Boom der Schönheitsindustrie hat laut Dominique Grisard von der Universität Basel zudem eine Schönheitsdemokratisierung eingesetzt. «Jede Frau, die Schminke vermag, kann sich verschönern. Das hat das Selbstvertrauen vieler gestärkt.»

Sumerer mit Lippensalbe

Trotz seiner langen Geschichte – eine Urform sollen bereits die Sumerer 3500 v. Chr. benützt haben – polarisiert der Lippenstift noch immer. Und das nicht nur bei den Betrachtern, sondern auch bei den Frauen selber. Einige entscheiden sich für ungeschminkte Lippen und den damit verbundenen Komfort, essen und trinken zu können, ohne danach gleich auf die Toilette verschwinden und die Farbe auffrischen zu müssen. Andere gehen nicht ohne Lippenstift aus dem Haus. Und während gerade ältere Frauen vermehrt zu Rottönen greifen, setzen Jüngere eher auf fast farblosen Lipgloss oder unauffällige Töne wie Beige und Altrosa. «Der Gebrauch von Lippenstift variiert von Altersklasse zu Altersklasse, von Schicht zu Schicht», sagt Grisard. Schönheit werde oft mit Jugend gleichgesetzt. «Wie häufig sind schon reifere Frauen in der Werbung zu sehen? Da erstaunt es nicht, dass sie ihre Lippen kräftig betonen – um sichtbar zu bleiben.»

In den 1860er-Jahren spaltete der Lippenstift noch die Gesellschaft. Die Frauen des Bürgertums hatten Anstand zu wahren; sie gaben sich natürlich und somit sexuell rein. Denn geschminkte Lippen symbolisieren das weibliche Geschlechtsteil. Prostituierte hingegen verschönerten sich schon damals mit Farbe. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts sei Schminke auch «bei den anständigen Frauen Thema geworden».

Welche Farbe?

Für einen gelungenen Auftritt ist bei so markanten Lippenstiftfarben, wie sie jetzt angesagt sind, präzises Schaffen nötig. «Sonst sehen Lippen rasch ungepflegt aus», sagt die Kreuzlinger Visagistin Simone Brack. Ein Lippen-Make-up beginnt mit der Pflege. Ein Peeling entfernt alte, trockene Hautschüppchen. Danach betupft frau den Lippenrand mit einer Grundierung, zeichnet mit einem Konturenstift die Form der Lippen nach. «Dieser Stift muss entweder die Farbe der Lippen oder jene des Lippenstifts haben», rät Brack. Es folgt die erste Schicht Lippenstift (mit Pinsel auftragen), die man mit einem Kosmetiktuch abtupft, ehe man die zweite Schicht aufträgt. Der dunkle Lippenstift gehört zum Nachbessern in die Handtasche – nur bei Frauen mit dünnen Lippen besser nicht. Sie sollten die dunklen Farben meiden. «Diese Töne verkleinern den Mund optisch zusätzlich und lassen ihn verbissen wirken. Das macht das Gesicht hart.»

Nicht nur Arbeit bringt der Trend mit sich, sondern auch Risiken. So kann man sich in der Farbe vertun. Die Haut sieht dann bleich aus, die Zähne wirken gelb. Brack hilft mit einer Faustregel weiter: Beerentöne für hell- bis dunkelblonde Frauen mit hellem bis mittlerem Hauttyp, braunrote Nuancen für Brünette mit olivfarbenem Teint, Kirschrot für Schneewittchen-Typen. – Viel Glück.