Liebenswert, fein, umgänglich

Morgen feiert der Schauspieler Jörg Schneider seinen 80. Geburtstag. Heidi Maria Glössner und Vincenzo Biagi erzählen, wie es ist, mit ihm zu arbeiten – und worin das Geheimnis seiner Wirkung liegt.

Rolf App
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Jörg Schneider in der Kriminalsendung «Sie sind Augenzeuge», September 1975. (Bild: ky/Str)

Jörg Schneider in der Kriminalsendung «Sie sind Augenzeuge», September 1975. (Bild: ky/Str)

Sie kennen sich schon sehr lange, ihre Karrieren haben sich berührt, aber nie gekreuzt. Bis zum Film «Usfahrt Oerlike» von Paul Riniker, in dem Heidi Maria Glössner eine Rolle spielt. Und in dem sie zum erstenmal mit Jörg Schneider gearbeitet hat, der diesen Samstag achtzig Jahre alt wird. Bei den Dreharbeiten hat er erfahren, dass er an Krebs erkrankt ist.

«Er ist keine Diva»

«Ich bin so glücklich, dass Jörg Schneider den Film machen konnte, er ist ein so reizender Mensch», sagt die aus der Ostschweiz stammende Schauspielerin, die gerade am Theater St. Gallen mit grossem Erfolg Claire Zachanassian in «Der Besuch der alten Dame» von Friedrich Dürrenmatt verkörpert hat – und die nächstes Jahr erneut hier auftreten wird, im Kriminalstück «Arsen und Spitzenhäubchen». «Jörg ist ein liebenswerter, feiner, umgänglicher Mensch. Er ist keine Diva. Obwohl er enorme Schmerzen hatte wegen seines Rückens, ist er bei den Dreharbeiten immer freundlich und immer sonnig gewesen.» Dass er sowohl in Solothurn als auch in Zürich an die Filmpremiere kommen konnte, zwar im Rollstuhl, aber, wie Heidi Maria Glössner sagt, «munter wie eh und je, das hat uns alle riesig gefreut.»

Der Märchenerzähler

Mit dem Stück «Letschti Liebi» hatte Jörg Schneider 2012 mit Heidi Maria Glössner auf Tournée gehen wollen, das ist aber ihretwegen nicht zustande gekommen. «Ich kenne ihn aber schon sehr viel länger», erzählt sie. «Wir haben in meiner Zeit am Stadttheater Luzern, wo ich von 1976 bis 1987 Mitglied des Ensembles war, immer Jörg Schneiders Version der Weihnachtsmärchen gespielt – <Das tapfere Schneiderlein>, <Hänsel und Gretel>, <Dornröschen>. Und ich habe wegen meines komödiantischen Temperaments lustigerweise immer seine Rollen bekommen. Jörg Schneider ist vorbeigekommen und hat sich das angeschaut.»

Von «Hänsel und Gretel» zu «Usfahrt Oerlike». Vom Kasperli, das ein derartiger Erfolg bei klein und gross war, dass Jörg Schneider Tonträger um Tonträger bespielte – und danach noch 40 Pumuckl-Geschichten – , zu «Warten auf Godot». Von der TV-Serie «Motel» bis zu Lustspielen wie «Scho wieder Sunntig» oder «Liebe macht erfinderisch», das diesen Samstag um 20.10 Uhr auf SRF 1 zu sehen ist: Die Palette dieses Schauspielers ist enorm. Aber gross ist auch die Neigung, ihn aufs Komödiantische zu reduzieren. «Deshalb war es ja auch dringend an der Zeit, dass er in «Usfahrt Oerlike» endlich einmal eine ernste Hauptrolle bekommen hat», sagt Heidi Maria Glössner.

«Jörg Schneider <ist> einfach»

Was macht den Schauspieler Jörg Schneider aus, was macht ihn so einzigartig? «Zum einen ist es gewiss dieses komödiantische Talent», sagt Heidi Maria Glössner. «Zum andern aber hat seine Wirkung schon mit seinem Menschsein zu tun. Man sieht das in <Usfahrt Oerlike>: Er ist einfach, er macht gar nichts. Das ist grosse Kunst, das berührt mich: seine Präsenz. Unter dem Reduziertwerden aufs Komödiantische hat er auch gelitten», sagt sie und erwähnt einen Parallelfall: den 1990 verstorbenen Ruedi Walter.

Mit Ruedi Walter hat Jörg Schneider denn auch 1980 Becketts «Warten auf Godot» gespielt, mit ihm und seiner Partnerin Margrit Rainer ist Schneider schon in den frühen Sechzigerjahren auf Tournée gegangen. Vierter im Bunde war damals der Mundartautor, Kabarettist und Volksschauspieler Schaggi Streuli, der ihm 1963 in seiner Fernsehserie «Polizist Wäckerli» jene Rolle auf den rundlichen Leib schrieb, die Jörg Schneider zur nationalen Berühmtheit machte – und mit ihm Jörg Bühlmann, seinen Bühnenpartner für Jahrzehnte.

Hügü Vögeli soll weg

Als Ganovenduo Vögeli und Feusi erfreuten – und polarisierten – sie damals die Schweiz. Vor allem Jörg Schneider als liebenswert-dubioser Hüftgürtelvertreter – daher sein Spitzname «Hügü Vögeli» – löste mit seinen lockeren Sprüchen eine Briefflut aus und fand «im breitesten Volk Zustimmung, aber sobald es etwas höher geht, doch sehr starke Ablehnung». So begründete Fernsehdirektor Guido Frei nach den ersten Folgen seine Forderung, Schaggi Streuli solle der «Hügü»-Geschichte» ein Ende setzen. Für eine Folge pausierten Vögeli und Feusi zwar, dann aber hatten sich ihre Anhänger durchgesetzt – und mit ihnen Schaggi Streuli, der bekannt war für seinen harten Schädel.

Das Schweizer Fernsehen hat gut daran getan, Jörg Schneider später nicht aus den Augen zu verlieren. 1975 hat er im Krimi-Ratespiel «Sie sind Augenzeuge» vor Studiopublikum den Detektiv gespielt, der die Fälle lösen soll. Und 1984 hat er noch einmal Fernsehgeschichte mitgeschrieben: «Motel» hiess die 40teilige Fernsehserie, in der Jörg Schneider den Küchenchef Koni Frei verkörperte und Silvia Jost die Gouvernante Erika. Einmal gingen sie miteinander ins Bett und lösten in diesen prüden Zeiten einen kleinen Skandal aus.

«Motel», Spiegel der Realität

«Motel» war beim Publikum enorm beliebt und beim Boulevardblatt «Blick» ebenso verhasst, und zwar aus demselben Grund: Die Serie zeigte auch den grauen Alltag und machte Tabuisiertes wie Drogenkonsum und Homosexualität zum Thema. Hier war kein Glamour, hier war schweizerische Realität. Jörg Schneider verkörperte sie perfekt und fügte seinem schon zu diesem Zeitpunkt vielfältigen Schaffen eine weitere, diesmal eher nachdenklich-melancholische Facette hinzu.

Was schon mit seinen Märchenbearbeitungen klar geworden war: Dieser Mann ist auch ein Sprachkünstler. Vieles schrieb und übersetzte Schneider selber. So waren seine schweizerdeutschen Adaptationen fremder Stücke perfekt auf seine Bedürfnisse abgestimmt und auf die Bedürfnisse jener, die zum Stammpersonal seiner Lustspiele gehörten: bis zu seinem Tod im Jahr 2000 Paul Bühlmann, seither Vincenzo Biagi, der drei Jahre älter ist als Jörg Schneider, aber immer noch auf der Bühne und vor Kameras steht. «Ich kenne Jörg Schneider sehr lange», sagt Biagi. «1958 haben wir schon zusammen gespielt, als Blitzhexe und Donnerwagen in <Peterchens Mondfahrt>. Er war die Blitzhexe, und wir waren schon da ein Bühnenpaar.»

Zwei Alte im Heim

Als Partner sei Jörg Schneider phantastisch, sagt Vincenzo Biagi: «Er ist grosszügig und überhaupt nicht nachtragend, und als Schauspieler enorm vif und unablässig in Bewegung – wir haben ihm immer <Kugelblitz> gesagt.» Es sei eine schöne Zeit mit ihm gewesen, «schade, dass Jörg Schneider nicht mehr Theater spielt».

Was bleibt, das sind Erinnerungen. Zum Beispiel an die letzte gemeinsame Tournée von Jörg Schneider und Vincenzo Biagi mit «Scho wieder Sunntig», der Geschichte zweier Alter im Altersheim. Jörg Schneider spielt in der Dialektbearbeitung von Bob Larbeys «A Month of Sundays» den Heimbewohner Armin Stämpfli, der keine Scham kennt und ausspricht, was andere kaum zu denken wagen. Es ist ein Tabubruch der eleganten Art, der sich hier auf der Bühne vollzieht. Wie Jörg Schneider lustvoll immer wieder gern an Tabus gerüttelt hat. Schon damals als Hügü Vögeli.

Jörg Schneider mit Silvia Jost bei den Dreharbeiten zu «Motel», Januar 1984. (Bild: ky/Str)

Jörg Schneider mit Silvia Jost bei den Dreharbeiten zu «Motel», Januar 1984. (Bild: ky/Str)

Jörg Schneider am Greifensee, Oktober 2013. (Bild: Siggi Bucher)

Jörg Schneider am Greifensee, Oktober 2013. (Bild: Siggi Bucher)