Liebe überwindet Raumzeit

Im Kino spielt die Relativitätstheorie immer wieder mal eine Rolle. Am spektakulärsten – und eifrig diskutiert – wurde sie zuletzt in Christopher Nolans Film «Interstellar» visualisiert.

Andreas Stock
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Ein Bild, das von «Interstellar» bleibt: Im schwerelosen Hyperwürfel sind Zeit und Ort eines Kinderzimmers vierdimensional kulminiert. (Bild: pd)

Ein Bild, das von «Interstellar» bleibt: Im schwerelosen Hyperwürfel sind Zeit und Ort eines Kinderzimmers vierdimensional kulminiert. (Bild: pd)

Die Mathematik ist im Kino ein visuell herausforderndes Thema. Das zeigt sich beispielsweise in Filmen, die sich mit Mathematikern wie Stephen Hawking («The Theory of Everything», «Eine kurze Geschichte der Zeit»), John Forbes Nash («A Beautiful Mind») oder Srinivasa Ramanujan («The Man How Knew Infinity») beschäftigt haben. Die Möglichkeiten des Kinos, die abstrakte Welt der Zahlen in Bilder umzusetzen, gerät dabei schnell einmal an Grenzen.

Phantastische Pseudophysik

Anders ist es, wenn mathematische Theorien als erzählerisches Motiv dienen. Die Relativitätstheorie und Begriffe wie Schwerkraft, Raumzeit und Lichtgeschwindigkeit dienen dann als Sprungbrett der Phantasie, um in utopische Welten und Zeitreisegeschichten einzutauchen. Das Science-Fiction-Genre lebt von solcher Pseudo-physik. Die Vorstellung, ins All zu reisen, ist so alt wie das Kino, man denke an den Stummfilm-Klassiker «Reise zum Mond» von Georges Méliès (1902). Die «Star Trek»-Filme haben sogar eine eigene technische Evolution imaginiert. Es gibt aber auch Filmregisseure, die sich auf Basis von wissenschaftlichen Kriterien mit dem Universum und Einsteins Theorien beschäftigt haben. Aktuellere Beispiele sind «Gravity» oder «The Marsian».

Mathematik erschafft Bilder

Am eifrigsten diskutiert wurde zuletzt über «Interstellar» von Christopher Nolan. Der spektakuläre Blockbuster erzählt, wie die Menschheit im Universum eine neue Heimat sucht. «Interstellar» dreht sich um die Theorien von Albert Einstein und der Astrophysik: Gravitationstheorie, Quantenmechanik, die Biegung von Licht, die Krümmung der Raumzeit, Zeitdehnung. Für all das beruft sich Nolan auf eine Koryphäe der Astrophysik: Kip Thorne, Professor am California Institute of Technology, hat den Film wissenschaftlich begleitet. Die Produktion brüstet sich damit, dass kein Hollywoodfilm zuvor so akkurat auf wissenschaftlicher Basis beruht habe. Thorne soll beispielsweise auf der Basis von Einsteins Grundlagen berechnet haben, welche Kräfte im und um ein Wurmloch existieren. Seine mathematischen Berechnungen wurden vom Visual- Effects-Team genutzt, um eine dreidimensionale Darstellung zu schaffen. Das Wurmloch in «Interstellar» sieht darum nicht wie ein Abfluss im Waschbecken aus – wie es in den meisten Science-Fiction-Filmen bisher dargestellt war. Sondern wie eine Seifenblase, eine dreidimensionale Kugel.

Für Menschen unmöglich

Auch bei der Darstellung eines Schwarzen Lochs beruft sich «Interstellar» darauf, erstmals mathematische Berechnungen als Grundlage für die Visualisierung zu nutzen. Kip Thorne gibt an, man sehe erstmals eine visuelle Darstellung davon, welchen Einfluss die Schwerkraft auf die Lichtkrümmung vor einem Schwarzen Loch habe. Kaum jemand wird das nachrechnen wollen, aber visuell ist es atemberaubend.

Heftig diskutiert wurde unter anderem aber, dass die Astronauten freilich viel davon, was sie in «Interstellar» unternehmen und erleben, unter solchen extremen Energien im Weltall gar nicht machen, geschweige denn überleben könnten.

Ein Bild, das bleibt

Das spektakulärste, technisch aufwendigste Design in «Interstellar» folgt am Ende des Films: Ein Tesserakt, ein unendlich scheinender, dreidimensionaler Raum, der die Zeit in einer vierten Dimension darstellt. In diesem Hyperwürfel wird ein Ort in einem langen Zeitraum abgebildet, und zwar das Schlafzimmer von Murph, der Tochter des Helden Cooper (Matthew McConaughey). Hier wird der gesamte, komplexe Plot des Films aufgelöst. Cooper schwebt schwerelos darin, ausserhalb von Raum und Zeit, aber er kann von hier eine Nachricht an seine Tochter in die Vergangenheit absenden. Und das ganz nach Einstein, wonach Schwerkraft eine Welle ist, die sich durch Raum und Zeit ausbreitet. Der Tesserakt, im Studio gebaut und am Computer digital vervielfacht, ist ein meisterhaftes Bild. Eine unvergessliche, faszinierende Visualisierung für Zeit und Raum. Und ein emotionaler Höhepunkt – die Liebe eines Vaters reist hier durch Zeit und Raum.