Lichterlöschen

Nach endlos langen Sommerabenden müssen wir feststellen, dass die Tage wieder kürzer werden. Doch die Wehmut darüber ist auch eine versöhnliche Botschaft.

Beda Hanimann
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Der Alpstein im letzten Abendlicht – und fast unversehens wird die Nacht hereinbrechen: Eine neue Herbsterfahrung nach endlosen Sommerabenden. Bild: Luca Linder (Bild: Luca Linder (Luca Linder))

Der Alpstein im letzten Abendlicht – und fast unversehens wird die Nacht hereinbrechen: Eine neue Herbsterfahrung nach endlosen Sommerabenden. Bild: Luca Linder (Bild: Luca Linder (Luca Linder))

Es ist wie jähes Lichterlöschen, mitten im schönsten Fest. Manche Abende sind wir draussen gesessen, unter sommerlich lichtem Himmel. Was zu tun war, war getan, und noch immer loderte die Sonne über Gärten, Dörfern und Städten. Es nahm kein Ende mit den Tagen, so schien es, und wir genossen es, gewöhnten uns dran.

Und nun ist plötzlich Schluss damit. Nicht plötzlich natürlich, nicht von einem Tag auf den andern, das nicht. Aber jetzt ist die Grenze erreicht, an der wir es nicht mehr verdrängen können: Die Tage werden kürzer. Nicht nur mess-, sondern spürbar kürzer. Um acht Uhr sitzen wir schon im nachtdunklen Garten, und was nicht minder schwer wiegt: Es ist nicht mehr dieses endlos unbeschwerte Hinübersegeln in die Nacht. Es dunkelt rascher ein. Eben erst haben wir im Widerschein des letzten Sonnenlichtes den Abendtisch abgeräumt – und bis wir mit dem Abendbier wieder aus dem Haus kommen, ist es schon fast dunkel.

Das macht schmerzlich bewusst: Etwas geht zu Ende. Es ist vorbei mit den unbeschwerten Sommertagen, an denen alles offen war, alles möglich schien. An denen man aufstand mit der Gewissheit: Der Tag ist lang, lang genug, um problemlos alles zu erledigen, was ansteht.

Die abendliche Helligkeit nehmen wir als Geschenk

Es ist ja nicht so, dass der Mensch mit der Nacht nichts anzufangen wüsste. Und natürlich sind die Tage immer gleich lang, im Sommer wie im Winter, nämlich 24 Stunden. Die abendliche Helligkeit aber nehmen wir wie ein Geschenk, wir empfinden sie als Zusatzzeit. Als Angebot, nochmals etwas anzupacken – viel mehr aber als Angebot, einfach zu geniessen. Ein lauer Sommerabend hat einen Wert an sich. Nach einem Tag im Büro nach Hause zu kommen und zu wissen, dass es noch nicht vorbei ist mit Wärme und Helligkeit: Das ist Freiheit, sommerliche Freiheit. Nun, mit der früher einsetzenden Dämmerung wird sie uns genommen.

Die Wehmut angesichts dieses Verlustes hat aber auch mit der gängigen Erfahrung in unseren Breitengraden zu tun. Im hiesigen Klima haben wir gelernt, dass Dunkelheit meist einher geht mit tieferen Temperaturen. Das frühere Einnachten ist das Signal, dass es mit der Sommerwärme zu Ende geht. Und es ist eine ganze Serie weiterer Begriffe, die in der Helligkeit mitstrahlen. Hell bedeutet nicht nur warm, sondern auch unbeschwert, unkompliziert, offen, heiter, freudig, es bedeutet schlicht: positiv. Dass der Titel eines Kriminalfilms «Es geschah am helllichten Tag» lautet, sagt alles. So ein Titel funktioniert nur deshalb, er weckt nur deshalb Spannung, weil der helllichte Tag doch eigentlich unschuldig und harmlos ist.

Mt der Nacht wieder zurechtkommen

Die früher hereinbrechende Nacht engt die Zone von Unschuld und Unbeschwertheit nun wieder ein. Nicht, dass uns das ängstigt, so weit kommen wir mit der Nacht schon zurecht. Wir wissen ja auch, wie das Vakuum zu füllen ist, denn das Erlebnis des zu Ende gehenden Sommers ist keine neue Erfahrung. Aber es ist doch eine Umgewöhnung. Und die Tage verlieren an Natürlichkeit, wenn wieder zunehmend Sitzungstermine, Vereinsverpflichtungen oder die Tagesschau den Takt unserer Abende vorgeben – und nicht der natürliche Lauf der Sonne, die uns fast bis zum ersten Gähnen begleitete.

Aber reden wir deshalb nicht schon von Winterdepression, verfallen wir angesichts der gestohlenen Sonnenabende nicht gleich in Endzeitstimmung. Freuen wir uns viel mehr über den Wechsel der Jahreszeiten, die die Tage so aufregend unterschiedlich und unterschiedlich lang machen. Und vernehmen wir die Botschaft dieser Zeitenwende. Dass uns der Abschied von unbeschwerten Gartenabenden so schmerzhaft erscheint, bedeutet immerhin: Es war ein guter Sommer.