Licht ist Leben, ist Lust, ist Wachstum

Die Generalkonferenz der Unesco hat das Jahr 2015 zum Jahr des Lichts erklärt. Unter dem Titel «Light for Change – Licht für Wandel» soll das bedeutendste Naturphänomen ausgeleuchtet und auf die Bedeutung von Licht für alle Lebewesen erinnert werden.

Brigitte Schmid-Gugler
Merken
Drucken
Teilen
Gallus Zwicker Einer der bekanntesten Lichtgestalter der Ostschweiz (Bild: Hanspeter Schiess)

Gallus Zwicker Einer der bekanntesten Lichtgestalter der Ostschweiz (Bild: Hanspeter Schiess)

Wir tanken es in diesen Wochen in üppigen, beinahe unerschöpflichen Mengen, vom Morgen- bis zum letzten Abendrot, können nicht genug davon kriegen. Licht ist Wärme, ist Energie, ist Lust, ist Schönheit. Ohne Licht wäre nichts, kein Leben auf unserem Planeten. Und wir Menschen könnten weder Sonnenuntergänge noch Regenbögen noch Nordlichter betrachten. Ohne Licht gäbe es keine Photosynthese, also kein Grün und keine andere Farbe, keinen Schatten, kein Gedeihen, kein Wachstum. Es gäbe überhaupt keine Ökosysteme. (Im «Zeitmagazin» vom 23. Juli spricht der Physiker Ben Moore über die Entdeckung von Mikroben mehrere Kilometer unter der Erde, die nicht auf Sonnenlicht angewiesen sind.)

Nicht weit sind erste Gedanken an lange, dunkle Herbst- und Wintertage, in denen uns die Sonne, die Farben, das Licht fehlen werden und wir grosse Teile des Tages in Räumen, beleuchtet von künstlichem Licht, verbringen müssen. In unseren Breitengraden selbstverständliche Vorgänge, in grossen Teilen des Südens noch immer eine Exklusivität. In früh eindunkelnden Gebieten der Erde gibt es zwar mehr Sonnenlicht, aber dennoch auch die Nacht und mit ihr oft einen Mangel an künstlichen Lichtquellen. Viele Kinder müssen ihre Schulaufgaben im Schein einer Petroleumlampe oder gar von Kerzenlicht erledigen.

Licht in der Kunst

Der dänische Künstler Olafur Eliasson, der sich mit seinen monumentalen Installationen weltweit einen Namen gemacht hat, bezieht oft physikalische Phänomene in der Natur in sein Schaffen ein. Eliasson ist auch Unternehmer. Er erfand eine Solarlampe für Entwicklungsländer und finanzierte deren Produktionskosten und Vertrieb in der Dritten Welt quer, indem er die Lampen parallel auch in Museumsshops und Designerläden im reichen Westen verkaufte. Das Projekt wurde zum Renner. Seine Ausstellung im Jahr 2003 in der Tate Modern in New York war begleitet von zahlreichen Rahmenveranstaltungen zu den Themen Solarenergie und anderen erneuerbaren Energien. Die Hauptattraktion von «Weather Project» aber war eine künstliche Sonne in der Turbinenhalle, in den Raum projiziert aus Leuchtstoffröhren und Spiegeln. Nie zuvor hat ein zeitgenössischer Künstler so hohe Besucherzahlen (zwei Millionen) in das Museum gelockt – als hätten die Menschen noch nie eine Sonne gesehen. Eliassons Absicht hatte funktioniert: Die Raumerfahrung ermöglichte dem Publikum eine neue Reflexion zum Thema Sonnenlicht.

Im Kunstraum der St. Galler Lokremise war im Jahr 2013 die Ausstellung «Two double works» von Anthony McCall zu sehen gewesen. Auch dieser Künstler hatte mittels Projektionen Lichtskulpturen realisiert. Wie bei Eliasson trat auch dort der Mensch, der sich in der Installation bewegte, in eine Interaktion mit ihr. Die Vorarlberger Lichtkünstlerin Siegrun Appelt hatte sich mit einer Lichtinstallation am Kunst-am-Bau-Wettbewerb beim neuen Athletik Zentrum St. Gallen beteiligt. Der weltweit zu den bekanntesten Lichtkünstlern gehörende, 1996 verstorbene Dan Flavin ist momentan mit einer Arbeit an der Ausstellung «Es werde Licht» im Kunstmuseum St. Gallen vertreten (bis 25.10.).

Die Phantasie beflügeln

Es war ebenfalls ein Künstler, nämlich der Norweger Martin Andersen, der im heimatlichen Dorf Rjukan mittels eines riesigen reflektierenden Spiegels für die 3500 Einwohner einen Traum wahr machte. Bis zur Installation des Spiegels hatten sie die Wintermonate ohne einen einzigen direkten Sonnenstrahl verbracht. Licht und sein Gegenpol, die Dunkelheit, bilden seit Menschengedenken die Basis von phantastischen Geschichten, von Märchen, Legenden, religiösen Darstellungen, von okkultem Glauben und künstlerischen Übersetzungen. In den Gemälden der Renaissance – und später im Impressionismus – finden sich geradezu spektakuläre Lichtdramaturgien.

Licht wurde schon in der Antike und wird bis heute in Form von Lichtkuren zur Heilung von Krankheiten eingesetzt. Noch weiter gehen die Menschen im umstrittenen Dokumentarfilm von P. A. Straubinger aus dem Jahr 2010. Sie behaupten, sich ausschliesslich von Licht im Sinne von feinstofflicher Energie ernähren zu können. Kann sein, dass ihnen folgende Gruselstory das Essen vergällte. Während des Regimes des albanischen Diktators Enver Hoxha, der sein Volk aushungerte und isolierte, versteckten manche Bauern ihre Kühe in den berühmten Bunkern. Als Hoxha 1985 starb und die Kühe ins Freie durften, waren sie alle erblindet.

Jahrhunderte der Forschung

Was Licht genau ist, darüber gab es in früheren Jahrhunderten die waghalsigsten Spekulationen. Der italienische Philosoph und Mathematiker Galileo Galilei, er lebte im 16./17. Jahrhundert, war einer der ersten gewesen, der, allerdings erfolglos, versucht hatte, die Geschwindigkeit der Ausbreitung des Lichts zu messen. Dem fast 100 Jahre jüngeren Isaac Newton gelang es zu erklären, wie Licht sich durch die Bewegung von Teilchen ausbreiten kann; Michael Faraday fand heraus, dass Licht und Magnetismus miteinander in Verbindung stehen. Thomas Edisons Erfindung der Glühbirne um das Jahr 1880 brachte die Welt endgültig zum «Leuchten».

«Das Jahr des Lichts soll an die Bedeutung von Licht als elementare Lebensvoraussetzung für Menschen, Tiere, Pflanzen und daher auch als zentraler Bestandteil von Wissenschaft und Kultur erinnern», schreiben die Vereinten Nationen zu ihrem Entschied, dem Licht ein Gedenkjahr zu widmen. Ein besonderes Augenmerk soll dabei auf die zunehmende Lichtverschmutzung gerichtet werden, das heisst, auf den inflationären Einsatz von künstlichem Licht. Und dennoch – auch daran soll erinnert werden – hat künstliches Licht die Welt revolutioniert: Ohne Lichtimpulse kein Internet, kein Satellitentelefon, keine Glasfaserkabel, keine Lasertechnologie und -chirurgie, und letztlich auch keine Weiterentwicklung im Bereich von stromsparenden Beleuchtungskörpern.

Die künstliche Sonne des dänischen Künstlers Olafur Eliasson in der Ausstellung mit dem Titel «Weather Project» in der Tate Modern New York im Jahr 2003. (Bild: epa/Johnny Green)

Die künstliche Sonne des dänischen Künstlers Olafur Eliasson in der Ausstellung mit dem Titel «Weather Project» in der Tate Modern New York im Jahr 2003. (Bild: epa/Johnny Green)