Licht beeinflusst den Schlaf

Wir sehnen uns nach längeren Tagen und mehr Licht. Doch eigentlich gibt es in urbanen Gebieten gar keine dunklen Nächte mehr – man spricht von Lichtverschmutzung. Den Schlaf stört aber das blaue Licht aus den Displays.

Andreas Lorenz-Meyer
Drucken
Teilen
FOC_Licht an_Logo

FOC_Licht an_Logo

Unser Schlaf folgt dem zirkadianen Rhythmus. Diesen tageszeitlichen Wechsel von Hell und Dunkel gibt das Sonnenlicht vor. Nur wird es in unseren Städten nachts gar nicht mehr so richtig finster. Überall strahlen und blinken Fassadenbeleuchtungen, grelle Leuchtreklamen, Laternen an Strassen und auf Plätzen, Autoscheinwerfer. Sie alle verdrängen die Dunkelheit.

Lichtverschmutzung

Welches Ausmass künstlich er- zeugte Helligkeit angenommen hat, lässt sich am besten von oben, aus dem Weltall, sehen. Satellitenaufnahmen zeigen, wie sich Lichtquellen besonders stark in Teilen Nordamerikas, in Europa, in Japan, an der Ostküste Chinas zusammenballen, fast lückenlos enorme Flächen überdeckend. Lichtverschmutzung, so heisst die künstliche Aufhellung des Nachthimmels.

Unsere biologische Uhr, in einem erbsenkleinen Gebiet der Hirnbasis hinter der Nasenwurzel sitzend, bleibt davon nicht unbeeinflusst. Die Schweizer verbringen tendenziell weniger Zeit im Land der Träume. An Werktagen dauert der Schlaf hierzulande durchschnittlich 7,5 Stunden, an freien Tagen ist es eine Stunde mehr. So das Ergebnis einer Umfrage aus dem Jahr 2011.

Die Zeit, die dem Schlummer vorbehalten ist, hat sich damit verkürzt. Um genau 38 Minuten gegenüber dem Jahr 1983, als zuletzt eine solche Erhebung durchgeführt wurde. Eine ungesunde Entwicklung, denn zu wenig Schlaf mindert mit der Zeit die Leistungsfähigkeit und erhöht unter anderem das Herzinfarktrisiko.

Schlechte Schlafqualität

Auch um die Schlafqualität ist es bei vielen nicht gut bestellt. Laut Schweizerischer Gesundheitsbefragung 2012 wachen 43 Prozent der Bevölkerung in der Nacht mehrmals auf, nicht jede Nacht, aber manchmal oder häufig. Ein Viertel der Bevölkerung – mehr Frauen als Männer – hat zudem Schlafstörungen. Bei sechs Prozent sind es pathologische Störungen, bei 18 Prozent mittlere Störungen. Nur jeder Zwanzigste schläft ohne Probleme ein und bis zum Morgen durch. Klassische Murmeltiere sind also eher selten.

Hände weg vom Handy

Wer besser einschlafen möchte, kann etwas dafür tun. Zum Beispiel sollte man spätabends die Finger von Handy oder Tablet lassen. Denn das LED-Licht, das die Bildschirme abgeben, enthält einen grossen Anteil blauer Strahlung. Und die signalisiert dem Gehirn: Bleib wach! Am Zentrum für Chronobiologie in Basel wies man die Wirkung des blauen Lichts auf die Schlafbereitschaft in einem Experiment nach. Probanden wurden dabei vor einen LED-Bildschirm gesetzt. Ein Teil hatte Brillen mit Blaufilter auf, der andere trug Brillen mit normalen Gläsern. Nach der Computersitzung untersuchte man, wie viel Melatonin bei jedem im Speichel war. Die Personen, die kein blaues Licht abbekommen hatten, wiesen eindeutig mehr von dem Schlafhormon auf als die anderen und fühlten sich müder.

Satellitenaufnahmen der nächtlichen Erde zeigen auch immer noch schwarze Flecken, wo es keine Lichtverschmutzung gibt. Besonders in dünn besiedelten Gebieten – Sahara, Amazonasregenwald, Himalaja, Nordkanada, Zentralaustralien, Kalahari – kommen dunkle Nächte noch vor. Schläft es sich dort besser? In der Kalahari, der Dornstrauchsavanne im Südwesten Afrikas, leben die San-Buschleute als Jäger und Sammler wie seit jeher ohne künstliches Licht. Hier flimmern keine Fernsehbildschirme, hier leuchten keine Handydisplays. Nachts ist es so, wie es sein soll: finster. Da bleibt keiner länger auf, könnte man meinen.

Schlaf der Buschleute

Doch stimmt die These vom ausgedehnten Schlaf vorindustrieller Gesellschaften? US-Forscher reisten nach Namibia und zeichneten die Schlafgewohnheiten der Buschleute auf. Sie besuchten zudem die Hadza in Tansania und die Tsimane in Bolivien, Jäger und Sammler wie die San. Knapp 1200 Nächte umfasste die Untersuchung des Schlafes in Abwesenheit künstlichen Lichts.

Nicht länger als wir

So weit die drei Völker voneinander entfernt sind, so sehr ähnelten sich doch die Ergebnisse: Auf 5,7 bis 7,1 Stunden kamen die insgesamt 94 Probanden, dann war ihre Nacht vorbei. Menschen schlafen in dunklen Nächten also nicht unbedingt länger als wir rund um die Uhr von Licht und Elektronik umringten Europäer. Wobei es einen ganz entscheidenden Unterschied gibt, wie die Forscher feststellten: Wer sich bei den Naturvölkern hinlegt, der schläft auch ein. Schäfchen muss hier keiner zählen.

Das LED-Licht der Displays enthält einen grossen Anteil blauer Strahlung, das unserer Schlafbereitschaft mindert. (Bild: gatty - Yiu Yu Hoi)

Das LED-Licht der Displays enthält einen grossen Anteil blauer Strahlung, das unserer Schlafbereitschaft mindert. (Bild: gatty - Yiu Yu Hoi)

Aktuelle Nachrichten