Lebende Steine im Blumentopf

Mit verschiedenen Strategien schützen sich Pflanzen vor ihren Fressfeinden. Besonders ausgeklügelt machen das die Lithops-Arten. Sie passen sich perfekt an die Steine in ihrer Umwelt an und sind so bestens getarnt.

Bruno Knellwolf
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Die Sammlung von Lebenden Steinen im Lithopshaus im Botanischen Garten St. Gallen. 35 Lithops-Arten sind in Südafrika und in Teilen Namibias beheimatet. (Bilder: Hanspeter Schiess)

Die Sammlung von Lebenden Steinen im Lithopshaus im Botanischen Garten St. Gallen. 35 Lithops-Arten sind in Südafrika und in Teilen Namibias beheimatet. (Bilder: Hanspeter Schiess)

Gestern hat der meteorologische Herbst begonnen. Doch auf etwa zwanzig Quadratmetern Fläche mitten in St. Gallen beginnt jetzt erst der Frühling. Dementsprechend beginnen die Pflanzen dort zu blühen und werden das noch bis Ende Dezember tun. Die Rede ist vom Lithopshaus, das seit zwanzig Jahren im Botanischen Garten St. Gallen steht und ein Stück südafrikanischer Flora beheimatet.

In diesem Haus darf so richtig gestaunt werden – darüber, was die Natur alles hervorbringt. Im Lithopshaus wachsen nämlich Lebende Steine, Lebender Granit, Lebender Sand und Lebender Kalk. Trotzdem gehen in diesem Haus nicht Geologen, sondern Botaniker ein und aus, denn der Begriff Lithops stammt aus dem Griechischen und setzt sich aus den Wörtern lithos und opsis zusammen, also Stein und Aussehen.

So zeigt der Leiter des Botanischen Gartens, Hanspeter Schumacher, auf Pflanzen im nachgebildeten Wüstenboden des Lithopshaus, die im ersten Moment kaum als solche zu erkennen sind. Der Lebende Granit mit seinen kantigen und grünlich gefärbten Blättern sieht wie Granitgestein aus. «In der Wüste gibt es extreme Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht. Deshalb werden die Steine gesprengt. Genauso sieht auch der Lebende Granit aus, der damit bestens getarnt ist», sagt Schumacher.

Tarnung vor Fressfeinden

Denn darum geht es den Lebenden Steinen, den Lithops – um Tarnung. Oder anders gesagt, um den Schutz vor Fressfeinden. Mehr als 90 Prozent der Biomasse auf Erde sind Pflanzen. Um zu überleben, müssen sie gegen ihre Fressfeinde verschiedene Strategien anwenden. Die Tarnung ist eine davon und diese beherrschen die Lebenden Steine, die zur Familie der Mittagsblumengewächse gehören, meisterlich.

Fragt sich, warum der Lebende Granit weiss, wie der richtige Granit aussieht, neben dem er sich «unsichtbar» macht. Das weiss die Pflanze nicht, die Natur hat ihr bestimmte Eigenschaften mitgegeben. Nun überleben aber in einer bestimmten Umgebung nur jene, die sich am besten an die Umwelt angepasst haben. In diesem Fall an den Farbton des Granitsteins und an dessen Aussehen. «Die Umwelt hat etwas auf den Markt gebracht, die Umwelt selektioniert», sagt Schumacher.

Unglaubliche Anpassung

Die Anpassungsleistung ist unglaublich. Andere dieser Lithops-Pflanzen haben sich an die runden Flusssteine angepasst und ahmen diese mit ihren rundlichen Blättern nach. Eine andere Pflanze täuscht die Fressfeinde, indem sie Sandkörner vortäuscht. Die Blattspitzen imitieren mit der warzigen Oberflächenstruktur den umgebenden Sand oder Kalkkrusten.

Grandios täuscht und versteckt sich auch die Fensterpflanze, die im Quarzstein vergraben ist. Da sie deswegen zu wenig Licht hätte, hat sie sich einen Lichtschacht eingerichtet. «Ein glasiger, transparenter Raum, der Licht in den Keller der Pflanze lässt», erklärt Schumacher. Das glasartige Gewebe im Innern der Fensterpflanze lässt nicht nur Licht durch, sondern speichert auch Wasser, was in der trockenen Heimat dieser Lithops entscheidend ist. «In Teilen Namibias und Südafrikas fällt nur an wenigen Tagen Regen. Die Lithops trinken sich dann voll wie ein Kamel und überleben bis fünf Monate ohne frisches Wasser», sagt der Leiter des Botanischen Gartens. Energieeffizienz ist entscheidend. Während ein hiesiger Baum jedes Jahr Tausende Blätter entwickeln, reicht die Kraft der Lebenden Steine nur für zwei Blätter.

Die Tarnung ist nur eine Strategie gegen Fressfeinde. Die Aasblume, die zur Familie der Hundsgiftgewächse gehört und nicht zu den Lithops, hält diese mit einem Betrug ab. Wie ihr Name sagt, stinkt die Blume fürchterlich. Das zieht die Fliegen an, die glauben, ihre Eier auf Aas zu legen. Bei der Eiablage besorgen diese getäuschten Insekten die Bestäubung. Die ausgeschlüpften Maden der Fliegen finden aber auf den Blüten gar keine Nahrung und gehen zugrunde. Die Aasblume hat, was sie will, die Fliegen sterben deswegen nicht aus.

Giftig oder schwer verdaulich

Wie es der Familienname sagt, ist die Aasblume giftig, was ebenfalls eine Abwehrstrategie ist. Solche Meister der Tarnung, wie die der Lebenden Steine, gibt es unter Schweizer Pflanzen nicht. Bei uns sind etwa sechs Prozent der Pflanzen giftig, andere haben Aromastoffe in sich, welche die Fressfeinde abhalten. Thymian ist zum Beispiel für Tiere abscheulich. Weitere Strategien sind schwerverdauliches Gewebe und bei uns vor allem – das schnelle Nachwachsen, zum Beispiel von Gras. «Auch das ist eine Taktik gegen Zerstörung.» Allerdings nicht so eine überraschende wie die der Lebenden Steine in Südafrika.

Lebender Sand (Titanopsis). (Bild: Hanspeter Schiess)

Lebender Sand (Titanopsis). (Bild: Hanspeter Schiess)

Die Aasblume (Stapelia) blüht zurzeit und stinkt namensgerecht. (Bild: Hanspeter Schiess)

Die Aasblume (Stapelia) blüht zurzeit und stinkt namensgerecht. (Bild: Hanspeter Schiess)

Die Fensterpflanze (Fenestraria) hat einen Lichtschacht eingebaut. (Bild: Hanspeter Schiess)

Die Fensterpflanze (Fenestraria) hat einen Lichtschacht eingebaut. (Bild: Hanspeter Schiess)

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