Leben in der Hackordnung

Ohne Huhn kein Osterei. Die Eier stammen aber keineswegs von dummen Hühnern, sondern von Nachfolgern der Dinosaurier, die in 300 Millionen Jahren Evolution erstaunliche Fähigkeiten erworben haben. Als Erste gezüchtet haben sie die Chinesen.

Bruno Knellwolf
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hen isolated on white (Bild: (43317695))

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Hühner führen ein Leben in einer Hackordnung. «Ich auch», denkt da vielleicht mancher, der sich ebenso gepiesackt fühlt. Eventuell sind die Unterschiede zwischen Mensch und Huhn also doch nicht so gross, wie das die sehr unterschiedliche Form und Grösse der Hirne vermuten liesse. Auf jeden Fall ist die Beschimpfung «Du dummes Huhn» eine Beleidigung der Vögel, genauso, wie jemanden als Spatzenhirn zu bezeichnen. Denn die Forschung hat gezeigt, dass Vögel und damit auch unsere Haushühner komplexe kognitive Fähigkeiten haben, die jene der Säuger sogar bei weitem übertreffen. Ein Huhn kann beispielsweise mit einem Auge nach Feinden Ausschau halten, während es mit dem anderen gleichzeitig nach Futter sucht.

Unterschiede nur äusserlich

Trotz der offensichtlichen Unterschiede der Gehirne von Vögeln und Säugern haben beide Gruppen auf häufige Problemstellungen in ihrer Umgebung wie Nahrungssuche, Interaktion mit Artgenossen und Meiden von Fressfeinden mit effektiven Hirnanpassungen reagiert. Die Differenzen der Gehirne sind also rein äusserlicher Natur, schreibt Joseph Barber in seinem Buch «Das Huhn»*. Seit vor 300 Millionen Jahren der gemeinsame Vorfahr von Säugern und Vögeln ausgestorben ist, haben die beiden verschiedene Evolutionswege eingeschlagen.

Was die Vorfahren betrifft: Interessant ist auch, dass man mit einem Blick auf das Skelett eines Huhns sofort an einen Dinosaurier denkt, von denen die Hühner abstammen. Auch der Anblick eines federlosen Huhns erinnert an die grossen Echsen. Federlose Hühner schlüpfen nämlich vereinzelt ohne menschliches Zutun aus dem Ei. Das brachte Nutztierzüchter auf die Idee, Hühner ohne Federn zu züchten. Damit würde das Rupfen hinfällig, und die Hühner wären weniger anfällig für Hitzestress. Das ist nicht so abwegig, wie es klingt. Denn die genetische Mutation, die federlose Hühner hervorbrachte, entstand bereits vor vielen Jahrzehnten auf natürliche Weise. Der Mensch hat allerdings selbst auch stark in die Selektion des Huhns eingegriffen: Kommerziell gehaltene Hühner verfügen heute nur noch über die Hälfte der genetischen Vielfalt ihrer wilden Verwandten. Forscher haben nachgewiesen, dass alle Masthühner aus drei Blutlinien abstammen und Legerassen aus nur einer. Unerwünschte Merkmale lassen sich also wegzüchten; welche Auswirkungen das für die Zukunft des Huhns haben wird, ist unklar. Wird die genetische Vielfalt verkleinert, kann das beispielsweise zu höherer Anfälligkeit auf neue Krankheiten führen.

Haushuhn in China

Beim Menschen lebt das Huhn schon lange. Älteste Spuren gehen zurück nach China in die Zeit um 5400 v. Chr. Demnach kam das Huhn später zum Menschen als Hund und Katze, aber früher als das Pferd. Genetische Untersuchungen zeigen, dass unsere Haushühner die domestizierte Form des Kammhuhns sind. Die Gattung der Kammhühner, lateinisch Gallus, umfasst vier Arten: Sommerat-, Lafayette-, Gabelschwanz- und Bankivahuhn. Mit der Domestikation wurden die Hühner grösser, schwerer und farbiger im Gefieder. Ihre Flügel wurden noch nutzloser, als sie ohnehin waren. Wie die heutigen Hühner nutzten ihre Vorfahren die Flügel nur, um aufzuflattern, um Fressfeinden zu entkommen oder zu einem erhöhten Ruheplatz zu gelangen. Erst ab den 1950er-Jahren wurden die Hühner mit Spezialisierung auf Fleisch- oder Eierlieferanten gezüchtet.

Heute gibt es dreimal so viele Hühner wie Menschen. Jedes Jahr schlüpfen weltweit 19 Milliarden Küken. Das Huhn stellt somit die grösste Population aller lebenden Vogelarten, im Jahr 2010 hat man über 1400 Hühnerrassen gezählt, 43 gelten als ausgestorben. Hennen paaren sich am liebsten mit dominanten Hähnen, die ihr Harem in besagter Hackordnung mit spitzem Schnabel führen. Die Hennen können nach der Kopulation das Sperma schwächerer Hähne ausstossen. Hühner, die natürlicherweise fünf bis zehn Jahre alt werden, kann man beinahe dressieren wie einen Hund. Auch Haushühner sind nämlich in der Lage, die Folgen ihres eigenen Handelns zu erfassen. Sie begreifen das Prinzip von Wirkung und Ursache und können darauf abgerichtet werden, auf einem Touchscreen die richtige Taste zu drücken, wenn sie dafür mit Futter belohnt werden.

Von der Befruchtung ins Nest

Bekannter sind die Hühner aber dafür, dass sie jeden Tag ein Ei legen, bis 300 pro Jahr. Vom Eisprung über die Befruchtung bis hin zur Bildung und Pigmentierung der Eischale aus Kalzit braucht die Eizelle etwa einen Tag, um durch den Legedarm in die Kloake und schliesslich ins Nest zu gelangen. Eigentlich würde die Henne ihr Gelege beim Brüten kaum noch verlassen, bis das Küken nach 21 Tagen schlüpft. Doch die meisten der Milliarden Hühner schlüpfen heute in industriellen Brutmaschinen.

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