Lauter verhinderte Sportreporter!

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Bernard Thurnheer
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Die Bundesratswahlen sind vorbei. Gewählt wurde erwartungsgemäss und logischerweise der Tessiner Ignazio Cassis. Erwartungsgemäss? Ja! Auch wenn das die Medien bis zum Schluss nicht wahrhaben wollten. Die Sportjournalisten, zu denen ich mich zähle, werden ja immer ein bisschen belächelt. Sie berichten zugegebenermassen über Inhalte, die für das Wohl der Menschheit von keinerlei Bedeutung sind. Sie übertreiben, sie emotionalisieren, sie überhöhen, sie berichten nicht bloss über den Anlass selbst, sondern verfassen sogar schon lange vorher Vorschauen und spekulieren, wer denn nun gewinnen könnte!

Merke: Ein Sportreporter ist jemand, der am Samstag weiss, wer am Sonntag gewinnen wird, und am Montag genau erklären kann, wieso dem doch nicht so war. Journalistisch hat das natürlich weder Hand noch Fuss. Nach geschlagener Schlacht geht es dann erst richtig los. Nur dasjenige Medium darf mit seiner Leistung zufrieden sein, welches den Sieger zum Interview ‹gehabt› hat. Das ist ein Wettkampf für sich mit einem Erst-, einem Zweit- und einem Drittplatzierten, mit Aussenseitern, die einen Überraschungscoup zu landen vermochten, und mit ‹Grossen›, die für einmal leer ausgingen. Beliebteste Frage: «Was ist das jetzt für ein Gefühl?»

An all das habe ich denken müssen, als ich in den vergangenen Wochen die Berichterstattung über die Wahl des neuen Bundesrates mitverfolgt habe. Alles, was man den Sportreportern leise vorwirft, wurde hier im Exzess zelebriert. Endlich durften die Informationsjournalisten auch einmal von etwas Spannendem berichten, und das betonten sie im Vorfeld auch immer wieder. Als sich schon relativ früh ein klarer Favorit herausschälte, wurde dies eher widerwillig zur Kenntnis genommen. Jetzt macht uns doch nicht unsere vielen Sendungen und Artikelserien kaputt! Von nun an wurde spekuliert, was denn doch noch Überraschendes passieren könnte. Der Abend vorher! Die Nacht der langen Messer! Geheime Absprachen! Intrigen in letzter Minute! Versammlung in den Hinterzimmern. Das Hotel Bellevue als Ort der Königsmacher! Dahin strömten alle mit Computern, Mikrofonen und Kameras, vor lauter Journalisten war an der «Bellevue»-Bar kaum ein Politiker mehr auszumachen ... Was hatten die erwartet? Einen öffentlich zugäng­lichen Geheimtreff?

Über gar vieles wurde spekuliert, nichts geschah. Schon im zweiten Wahlgang, schon am Morgen um 9.15 Uhr, war der ganze Spuk vorbei. Ignazio Cassis wurde, wie einigermassen vorauszusehen gewesen war, gewählt. Die Bürger im Lande konnten sich getrost wieder ihrer Arbeit zuwenden. Doch die Medienmaschinerie, welche an diesem Morgen erst so richtig warmgelaufen war, konnte nun nicht mehr einfach gestoppt werden. Zu viel war vorbereitet worden, zu viel Sendezeit reserviert (‹alles über die spannende (!) Bundesratswahl!›). Auch wenn sich die Leser, Zuhörer und Zuschauer langsam, aber sicher aus dem Staub machten, die Berichterstattung lief bis zum Abend auf Hochtouren weiter. Für wen? Wohl in erster Linie fürs eigene Image, zur Profilierung der eigenen Stars und der eigenen Sendungen.

Schluss jetzt aber mit hämischen Bemerkungen und ein ernsthafter Gedankengang zur Abrundung: Bei Wahlen oder Abstimmungen ist es für das Gemeinwesen doch viel besser, wenn grosse Einigkeit und Klarheit herrscht und kein knappes Durcheinander, welches alle Lösungen blockiert. In der Politik sind die eindeutigen Resultate die guten Resultate! Dann herrscht Einigkeit dar­über, wie Probleme gelöst werden sollten. Daran sollte sich der verantwortungsvolle Journalist also erfreuen. Doch das höchste seiner Gefühle ist offenbar genau das Gegenteil – er tut alles, damit er sagen kann: «Es wird spannend!» Ich glaube, in Tat und Wahrheit sind das alles verhinderte Sportjournalisten!

Bernard Thurnheer

Sportreporter und Moderator