Lausanner Forscher polarisiert

Mit dem von der EU massiv geförderten «Human Brain Project» soll das Gehirn besser verstanden werden denn je. Doch nun gibt es Streit: Es geht um Ausrichtung und Sinn des wissenschaftlichen Grossvorhabens.

Rolf App
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Da war Henry Markrams Welt noch in Ordnung: Der Forscher im Oktober letzten Jahres bei der Präsentation des «Human Brain Project». (Bild: ky/Jean-Christophe Bott)

Da war Henry Markrams Welt noch in Ordnung: Der Forscher im Oktober letzten Jahres bei der Präsentation des «Human Brain Project». (Bild: ky/Jean-Christophe Bott)

Dass sich Wissenschafter für ein Projekt engagieren, kommt oft vor. Dass sie es in aller Öffentlichkeit gegen ein Vorhaben von Kollegen tun, ist eine Seltenheit. Aber genau dies hat sich Anfang Juli ereignet. Ein am 7. Juli lancierter offener Brief an die EU-Kommission hat innert weniger Tage Hunderte von Unterstützern gefunden. 737 Unterschriften sind es derzeit, sie stammen von Hirnforschern aus aller Welt, auch die Schweiz ist prominent vertreten.

Die Forscher äussern schwere Kritik an Ausrichtung und Management des von der EU zum «Flaggschiff-Projekt» erklärten und über zehn Jahren mit 1,2 Milliarden Euro geförderten «Human Brain Project». Letzte Woche nun hat die EU geantwortet. Man sei zuversichtlich, dass die laufende Evaluation zufriedenstellend auf die Einwände eingehen werde, erklärte Robert Madelin, der für die digitale Agenda der EU-Kommission zuständig ist. «Die genaue Ausrichtung des <Human Brain Project> ist Teil des Projekts selbst.»

Wachsender Datenberg

Seit den 1980er-Jahren haben Hirnforscher in aller Welt über die Nachteile der heutigen Forschungsstrukturen diskutiert. Auslöser dieser Debatten war zum einen das rasante Wachstum der Hirnforschung, das einen stetig wachsenden, schwer zu überblickenden Datenberg verursacht. Zum andern aber hat das «Human Genome Project» mit der erfolgreichen Entschlüsselung des menschlichen Genoms gezeigt, dass eine Wissenschaft von solchen koordinierten Grossanstrengungen in ihrem Grundverständnis des Menschen stark profitieren kann.

Die EU gewonnen

So kamen denn Bemühungen in Gang, etwas Ähnliches für das Gehirn zu versuchen. Führender Kopf ist in Europa Henry Markram (siehe Kasten), ein gebürtiger Südafrikaner, der an der ETH Lausanne schon früher das «Blue Brain Project» gestartet hat – den Versuch, einen Teil des Gehirns mit Hilfe des Computers gewissermassen nachzubauen. «Wir müssen endlich alles Wissen über das Gehirn integrieren», erklärt er. Er hat für sein «Human Brain Project» die Unterstützung von 500 Forschern aus 24 Ländern gewonnen – und die EU.

Ein Supercomputer soll vorhandene Daten in ein immer detaillierteres Modell des Gehirns integrieren. Dabei unterscheidet man einen Kernbereich und die sogenannten Partnerprojekte. Die Kernprojekte umfassen den Aufbau einer Informations- und Kommunikationsplattform, die Partnerprojekte sollen die neurologische Forschung weitertreiben. Die Kernprojekte werden von der EU mit je 50 Millionen Euro pro Jahr finanziert, an den Partnerprojekten müssen sich die jeweiligen Staaten und die Industrie beteiligen.

Auf die digitale Karte gesetzt

Auslöser des Protestbriefs nun sind Beschlüsse der Leitung des «Human Brain Project» gewesen, die ursprünglich darin integrierten neurowissenschaftlichen Projekte aus dem Kernbereich auszuschliessen. Dies führte zum Rückzug namhafter Forscher und bestätigte den Argwohn vieler Hirnforscher, dass da alles auf eine digitale Karte gesetzt werden soll – und dass sie mit ihren Projekten in Zukunft einen schweren Stand haben werden. Diese Projekte müssen einen Zusammenhang zum «Human Brain Project» aufweisen.

Was hat das gebracht?

Doch richtet sich die Kritik nicht nur gegen die Führung des Grossprojekts, für das die Unterzeichner des Briefs eine Überprüfung durch unabhängige Experten fordern. Es geht um den Grundgedanken an sich: Kann es gelingen, das Gehirn in einem Computer zu simulieren? Macht ein solches Unterfangen überhaupt Sinn? Die NZZ zitiert den Max-Planck-Forscher Winfried Denk, der erklärt, Markrams «Blue Brain Project» habe als Vorläufer des «Human Brain Project» bisher nicht viel Erkenntnis gebracht. Und der «Tages-Anzeiger» lässt Martin Schwab von der Universität Zürich zu Wort kommen: «Ich halte es für falsch, dass ein Programm mit solchen Riesensummen unterstützt wird. Besser wäre, man würde die Hirnforschung bottom-up fördern.» «Bottom-up» bedeutet, dass die Hirnforscher ihr Thema frei wählen und sich nicht einer vorgegebenen Vision wie zum Beispiel der Simulation des Gehirns unterwerfen. Zumal die Idee, das Gehirn zu simulieren, den modernen funktionalen Ansatz zu wenig berücksichtige. Zum Beispiel die Plastizität des Gehirns, die wichtigste Erkenntnis der letzten 30 Jahre.

Was die USA getan haben

Fazit: Henry Markram polarisiert mit seinen Vorstellungen und mit seinem Vorgehen beim «Human Brain Project». Einen anderen Weg als die EU sind die USA mit der von Präsident Obama geförderten Initiative «Brain» gegangen. Dort hat man sich nach Angaben des Mitbegründers Rafael Yuste «grosse Mühe gegeben, alle Beteiligten zu integrieren und sicherzustellen, dass das Projekt transparent ist».