KUNSTSTOFF: Nur ein kleiner Teils des Plastiks wird wiederverwertet

Seit Beginn der Massenproduktion von Kunststoffen vor gut 65 Jahren hat die Menschheit insgesamt gut acht Milliarden Tonnen Plastik produziert. Das zeigt die erste globale Bilanz der Plastikproduktion und Verwendung

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Die Erfindung der Kunststoffe hat uns ganz neue Möglichkeiten eröffnet, längst ist Plastik in unserem Alltag allgegenwärtig. Die günstigen Polymere auf Erdölbasis sind leicht, beliebig formbar und noch dazu sehr haltbar.

Wie viel Kunststoff insgesamt weltweit im Umlauf ist und jemals produziert wurde, haben Forscher um Jenna Jambeck von der University of Georgia nun erstmals umfassend ermittelt. Dafür werteten sie Daten zur Produktion, der Nutzung und der Entsorgung von Polymergranulat und -fasern sowie von Plastikzusatzstoffen aus. Sie erfassen dabei Kunststoffe von Polyurethan, Polyethylen und Polyvinylchlorid bis zu PET, Polyamid oder Acryl.

Die Bilanz ergab: Von den Anfängen der Massenproduktion in den 1950er-Jahren bis heute hat die Menschheit rund 8,3 Milliarden Tonnen Rohkunststoff produziert. Die globale Jahresproduktion stieg von rund zwei Millionen Tonnen im Jahr 1950 bis auf 400 Millionen Tonnen im Jahr 2015, die Hälfte allen Plastiks weltweit ist erst in den letzten 13 Jahren entstanden. «Damit hat das Wachstum der Plastikproduktion in den letzten 65 Jahren die nahezu jedes anderen menschengemachten Materials überflügelt», sagt Jambeck. Ausnahmen sind nur Stahl und Zement. Doch während diese, einmal verbaut, lange in Gebrauch bleiben, sind Plastikprodukte extrem kurzlebig.

Meist nur für eine kurze Verwendung

«Rund die Hälfte allen Stahls geht in die Konstruktion, er wird daher über Jahrzehnte genutzt», erklärt Erstautor Roland Geyer von der University of California in Santa Barbara. Plastik jedoch ist wesentlich kurzlebiger – auch weil ein Grossteil davon für Verpackungen verwendet wird.

Was mit dem Plastik nach der Produktion passiert, haben die Wissenschafter ebenfalls untersucht. Die traurige Bilanz: Nur ein Drittel des gesamten jemals hergestellten Kunststoffs ist aktuell noch in Gebrauch. Der gesamte Rest, 6,3 Milliarden Tonnen, ist Abfall. «Die Hälfte des Plastiks wird schon nach einem Jahr zu Müll», berichtet Geyer. Das Problem dabei: Nur ein winziger Teil des Plastikabfalls wurde bisher recycelt – neun Prozent. Zwölf Prozent wurde in Müllverbrennungsanlagen entsorgt. Der grosse Rest des Plastikmülls jedoch, 79 Prozent, liegt auf Deponien herum oder ist längst in der Landschaft und den Meeren verteilt. «Der von uns erzeugte Plastikmüll könnte uns daher noch über Jahrhundert oder sogar Jahrtausende erhalten bleiben», sagt Jambeck.

Die Wissenschafter fordern dringend ein Umdenken. «Die Menschheit führt hier ein unkontrolliertes Experiment globalen Massstabs durch», warnen sie. «Milliarden Tonnen Materials sammeln sich in allen grossen Ökosystemen des Planeten an.» Auch sie räumen ein, dass nicht alle Kunststoffe problemlos ersetzbar sind. «Aber wir sollten uns fragen, wo die Nutzung dieser Materialien wirklich nötig und sinnvoll ist», sagt Koautorin Kara Law. «Unsere Schätzungen unterstreichen, dass wir unseren Materialverbrauch und unser Abfallmanagement dringend kritisch hinterfragen müssen.»

Nadja Podbregar

wissenschaft.de