KUNSTAUSSTELLUNG: Zwillinge, die etwas verwirren

Naomi Tereza Salmon ist Fotografin. Harlis Schweizer-Hadjidj ist Malerin. Ihre langjährige Freundschaft hat beide zur gemeinsamen Ausstellung «The Place to be» im Otto-Bruderer-Haus in Waldstatt motiviert.

Dorothee Haarer
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Gleiches Motiv, andere Botschaft: Die Zwillingsarbeiten der Künstlerinnen zeigen einen frappanten Wesenswandel. (Bild: Jil Lohse)

Gleiches Motiv, andere Botschaft: Die Zwillingsarbeiten der Künstlerinnen zeigen einen frappanten Wesenswandel. (Bild: Jil Lohse)

Dorothee Haarer

ostschweizerkultur

@tagblatt.ch

Im früheren Wohnhaus des 1994 verstorbenen Malers Otto Bruderer werden seit gut zehn Jahren regelmässig Ausstellungen verschiedener Künstler gezeigt. Mal nehmen diese Bezug auf Bruderers Werk, mal sind sie weit davon entfernt. Aktuell geben sich zwei sehr unterschiedliche Künstlerinnen im Erdgeschoss des urigen Appenzellerhauses ein künstlerisches Stelldichein. Bei diesem, so sagen die zwei, gehe es um die Idee vom «Reisen, Unterwegs-Sein und dem Gefühl, das in Grossstädten herrscht.»

Als Harlis Schweizer-Hadjidj vor einiger Zeit von St. Gallen nach Bühler zog, war dessen ländliches Umfeld ein Einschnitt, erklärt sie. «Ich wünschte mir plötzlich ein Gegenüber für künstlerischen Gedankenaustausch. Mir fiel Naomi ein und ich fragte sie spontan, ob sie mit mir eine Ausstellung macht.» Salmon ergänzt: «Die Idee gefiel mir. Da wir weit auseinander wohnen, schlug ich eine Art ‹künstlerische Konversation› auf digitalem Wege vor. Harlis willigte ein.»

Einmal als Fotografie, einmal als Malerei

Was folgte, war ein rund sechsmonatiges Ping-Pong-Spiel, bei dem via Whatsapp und E-Mail Bilder und Gedanken hin- und herflogen: Zwischen Harlis in Bühler und den internationalen Grossstädten, in denen Naomi sich aufhielt. Die Malerin begann, Motive der Fotografin abzumalen. Und die Fotografin übersetzte die Gemälde der anderen in Lichtbilder. Zuletzt existierte so gut wie jedes Motiv als «Zwillings-Werk»: Einmal auf der Leinwand und einmal als Fotografie. Der Wesenswandel, den die Motive dabei durchliefen, ist frappant. Es verwirrt fast, wie sie sich in ihrer Botschaft verändern, allein weil sie in unterschiedlichen Medien erscheinen. Gleiches Motiv, andere Botschaft. Ein solches Zwillings-Werk ist Salmons Fotografie «Miri is gone». Man sieht darauf die Ecke eines Hinterhofs mit einer schlafenden Katze auf einer alten Decke. Darunter lugt das Hinterteil eines Dreirads hervor. Salmon erfasst diesen Ausschnitt und fotografiert klar jedes Detail. Danach wendet sie sich ab von dem Leben, das diese Dinge symbolisieren und das hier nicht weiter stattfindet. Auch von Schweizer-Hadjidj gibt es «Miri is gone». Doch als Ölgemälde. Und dieses wirkt, trotz gleichen Motivs, vollkommen anders. Die Malerei ist zart, die Farben leicht. Man ist sich bewusst, dass es gedauert hat, dieses Werk zu erschaffen. Dadurch erhält das Gezeigte eine andere Bedeutung. Hier geht man nicht schnell weiter, sondern nimmt sich Zeit für den Abschied vom Leben, das dort war.

Sämtliche Werke bestechen durch solche Unterschiede. Das gilt für das Abbild vom verwaisten Innenhof einer Kunstakademie ebenso wie für den Blick auf sturmgepeitschte Palmen, die vor einem Autofenster vorüberziehen. Die Künstlerinnen führen so einen Dialog, der reizvoll ist. Zugleich stellen sie aber auch Reflexionen an, die über ihre Ursprungsidee hinausgehen.

Die Menschheit hat sich verflüchtigt

Ins Auge sticht nämlich, dass trotz urbaner Motive, wo Hauswand an Hauswand klebt, fast nie ein Mensch zu sehen ist. Wenn doch, dann in weiter Ferne, den Rücken dem Betrachter zugewandt. Die Menschheit hat sich aus diesen Bildern verflüchtigt. Stattdessen haben Malerin und Fotografin bei «The Place to be» in scharfen Lichtbildern und mit gemächlichem Pinselstrich Verlassenheit und städtische Einsamkeit eingefangen und in Waldstatts ländliche Abgeschiedenheit geholt. Eine Konversation, die man mit Spannung verfolgt.

Bis 5.11., Otto-Bruderer-Haus, Mittelstrasse 12, Waldstatt AR. Sa/So 14–17 Uhr; Führung: So, 22.10., 15 Uhr