Kunst als Sprachrohr

Art brut Giordano Gelli und Véronique Bovet werden im Museum im Lagerhaus gewürdigt.

Christina Genova
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Giordano Gellis «Kreuzigung» berührt durch die ausdrucksstarke Farbgestaltung und die eigenwillige Komposition. (Bild: Museum im Lagerhaus)

Giordano Gellis «Kreuzigung» berührt durch die ausdrucksstarke Farbgestaltung und die eigenwillige Komposition. (Bild: Museum im Lagerhaus)

Geredet haben beide wenig. Doch Giordano Gelli und Véronique Bovet fanden über die Kunst einen Weg, sich mitzuteilen. Gelli erzählt in seinen expressiven Gemälden und Tonfiguren von seiner inneren Bewegtheit, von Schmerz und Verzweiflung, aber auch von inniger Zweisamkeit. Bovet hingegen zeichnet akribisch und detailliert die Welt, die sie umgibt.

Kommunikation mit Bildern

Über die Kunst fanden die beiden höchst unterschiedlichen Künstlerpersönlichkeiten eine Möglichkeit, mit der Aussenwelt zu kommunizieren. Das Museum im Lagerhaus lässt die beiden bekannten Art-brut-Künstler, die im vergangenen Jahr verstorben sind, in einer Ausstellung mit dem Titel «Menschen-Bilder» zu Wort kommen.

Freies Arbeiten im Atelier

Im Zentrum des Schaffens von Véronique Bovet und Giordano Gelli steht der Mensch. Beide hatten das Glück, den Weg in ein Kunstatelier zu finden. Giordano Gelli arbeitete im Atelier «La Tinaia» in Florenz, Véronique Bovet im Atelier «CREAHM» in Fribourg. Beide Ateliers verfolgen die Philosophie, die Künstler zu unterstützen, aber so wenig wie möglich zu beeinflussen.

Die Arbeit in «La Tinaia» war für den 1928 geborenen Gelli wie Medizin. Im Zweiten Weltkrieg war er durch einen Bombenangriff schwer verwundet und traumatisiert worden und landete danach in der Psychiatrie. Er hörte auf zu sprechen und ass kaum mehr. Um 1970 begann er das Atelier zu besuchen. Er fasste Vertrauen, erste Zeichnungen entstanden, und schliesslich kehrte auch zaghaft seine Sprache zurück.

Die autistische Künstlerin Véronique Bovet hingegen wurde nur 35 Jahre alt. Ihre Krebserkrankung thematisiert sie in der 2010 entstandenen Zeichnung «Chez le perruquier». Mit präzisem Strich hielt sie den Perückenmacher mit seinen Arbeitsutensilien wie Bürsten, Kämmen, Perücken und Shampooflaschen fest. Für Leere bleibt kein Platz – auch der Bildhintergrund ist über und über mit kleinen Figuren ausgefüllt. Véronique Bovet war derart leidenschaftlich und hingebungsvoll bei der Arbeit, dass vom vielen Zeichnen, wie Atelierleiterin Gisèle Poncet erzählt, sogar ihr Mittelfinger leicht deformiert war.

Menschen-Bilder – Giordano Gelli & Véronique Bovet. Museum im Lagerhaus St. Gallen, bis 10.3.2013. www.museumimlagerhaus.ch

Ein Mädchen mit Hut von V. Bovet. (Bild: Museum im Lagerhaus)

Ein Mädchen mit Hut von V. Bovet. (Bild: Museum im Lagerhaus)

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