KÜNSTLERPAAR: Eine Liebesgeschichte zwischen Elfe und Zampano

Bis Schauspieler Michael Finger und Sängerin Franziska Schiltknecht ein festes Paar wurden, gab es ein Drama. Jetzt haben sie zusammen fünf Kinder, eine Band und ein Zirkuszelt.

Melissa Müller
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«Du willst nicht? Dann küss ich einen anderen» – Franziska Schiltknecht neckt Michael Finger. (Bild: Urs Bucher)

«Du willst nicht? Dann küss ich einen anderen» – Franziska Schiltknecht neckt Michael Finger. (Bild: Urs Bucher)

Sie fordern mehr Liebe. Und zwar sofort: «Mer wend/meh Liebi i de Läde/meh Liebi i de Gstell/alles nur us Liebi und zwar alles uf de Stell». Das singen Michael Finger und Franziska Schiltknecht mit ihrer Band Rona auf ihrer neuen, gleichnamigen CD. Auf diesen Liedern basiert auch das Zirkus-Theater «Ronamor», das sie ab nächster Woche auf der Kreuzbleiche in St. Gallen aufführen.

Der 41-jährige Schauspieler und die 39-jährige Sängerin sind seit fünf Jahren ein Paar. «Unsere Konsumgesellschaft basiert darauf, dass es an Liebe fehlt», sagt Michael Finger über das Lied «Mais Amor». «Das Loch im Herzen wird kompensiert. Mit Fernsehen, Drogen, Essen.» Es frage sich, was man überhaupt unter Liebe verstehe, sagt Franziska Schiltknecht, eine Frau wie eine Elfe, die zufrieden in sich zu ruhen scheint. «Für mich ist Liebe ein Zustand der Verbundenheit. Mit mir selber und mit den Menschen um mich herum. Wenn wir zu viel herumhasten, kommen wir nicht in diesen Zustand.»

Das Paar sitzt auf der Kreuzbleichewiese an einem Campingtisch neben Wohnwagen und Zirkuszelt. Rund herum spielen Kleinkinder, pummelig und blond wie Puttenengelchen. Ein Zirkusartist hebt seinen zweijährigen Sohn empor, streckt den Arm und lässt den Kleinen lachend auf seiner Hand balancieren. Der andere Zweijährige, Nil, ist der gemeinsame Sohn des Künstlerpaars. Er klettert auf Mutters Schoss, zerrt an ihrem Shirt und trinkt an ihrer Brust, während sie erzählt.

Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Und es gab von Anfang an viel Theater. Sie war Sängerin der national erfolgreichen Band Hop o’my Thumb. Er ein aufstrebender Filmschauspieler, der für seine Hauptrolle in «Utopia Blues» an der Berlinale als «Shooting Star» gefeiert wurde. Man kannte sich, realisierte gemeinsam drei Musik-Theaterproduktionen. «Dabei lernt man sich zwangsläufig gut kennen», sagt Regisseur Finger, der in der Szene als Enfant Terrible gilt und dafür bekannt ist, dass bei seinen Theaterproben Schweiss und Tränen fliessen. Man kannte sich also schon seit zwölf Jahren, beide hatten andere Partner. Er hatte zwei Söhne, sie zwei Töchter – und eine handfeste Ehekrise. Ihre Band hatte sich aufgelöst, sie sass zu Hause mit zwei kleinen Kindern und sehnte sich nach dem Musikmachen. «Ich wünschte mir eine neue Band. Mit Michael.» Was sie ihm auch mitteilte. «Ich habe schon einen Zirkus um die Ohren», winkte er erst einmal ab. «Aber wir könnten gern wieder einmal Kaffee trinken gehen.» Da seien sie sich zum ersten Mal «als Frau und Mann» begegnet, am 6. April 2012 im «Rössli» Mogelsberg. «Bei diesem Kaffee war eigentlich von der ersten Sekunde an klar, dass wir uns näher kommen wollen, ja, müssen», erinnert er sich. Ein Jahr lang sei ihre Beziehung «recht dramatisch» gewesen. «Ich kann doch nicht einfach alles aufgeben», dachte sie – und tat es dann doch. «Ich bin froh, dass ich der Sehnsucht meines Herzens gefolgt bin», sagt sie heute.

Glücklich im überschwemmten Schlafzimmer

Es war eine Liebe, die sich Zeit liess. Die im Vorfeld einiges aushalten musste, bis sie sich verfestigte. Nach einem turbulenten ersten Jahr reisten sie mit ihrem Freund Giuseppe Berardi – «unser Verbündeter auf allen Ebenen und Gitarrist unserer Band» – nach Bussana Vecchia, einem Dorf an der ligurischen Küste. Dort gründeten sie ihre Band Rona und schrieben erste Lieder. «Unser Schlafzimmer war überschwemmt, aber das war egal. Wir waren einfach nur glücklich», sagt Michael Finger über diese magische Anfangszeit. Seine Liebste legt ihm die Hand aufs Knie, strahlt ihn an und sagt: «Also, ich finde es immer noch gut mit dir.»

Mit dem neuen Mann an ihrer Seite gründete sie nicht nur eine Band. Für Franziska Schiltknecht erfüllte sich damit auch ein Kindheitstraum: Sie wollte schon als Mädchen Zirkusartistin werden und in einem Paillettenröcklein auf einem Pferd reiten. Heute tourt das Paar mit der Compagnie Cirque de Loin im Zirkuszelt durch die Schweiz. Das Stück «Ronamor» über das Heiraten und die Liebe erarbeiteten die Musiker mit der Zirkustruppe in wenigen Wochen. Die Band spielt im Hintergrund, während zwei Artisten die Liebesgeschichte auf spektakuläre, halsbrecherische Art mit viel Körpereinsatz darstellen – und sogar Feuer spucken. Sie spielen Leo und Brigitta, die sich an einer Demo verlieben. Bis der Alltag einkehrt und die beiden streiten. Er packt sie grob an der schwarzen Lockenmähne, sie knallt ihm eine. Trotzdem entscheiden sie sich, den Bund fürs Leben einzugehen und eine Grossfamilie zu gründen. Geheiratet wird nackt bis auf die Boxershorts. Franziska Schilknecht traut die beiden und wedelt dem Brautpaar Rauch brennender Kräuter zu. Sie trägt dabei ein wallendes Kleid und ein Hirschgeweih auf dem Kopf. Danach läuft die Braut barfuss über Scherben. Und der Bräutigam schlüpft in ein weisses Brautkleid, rast auf Rollschuhen hinter ihr her, hebt den Rock und streckt dem Publikum seinen nackten Hintern entgegen.

Zwischendurch betritt Zirkusdirektor Michael Finger die Manege mit Frack und Zylinder und beschimpft auch mal das Publikum. Es ist typisch für ihn, dass er den Zuschauern einiges zumutet. «Der Schmerz ist ein wichtiger kreativer Motor. Unsere Kunst verbindet das Derbe mit dem Heiligen.» So laut und herzhaft geht es mitunter auch bei ihnen privat zu. Zwei Künstler, beide Multitalente, beide leidenschaftlich, da fliegen auch hinter den Kulissen die Fetzen. «Wenn wir sauer sind, dann fluchen wir. Und dann fällt auch mal ein Tisch um», sagt Michael Finger und rüttelt am Campingtisch, dass die Gläser wackeln. Danach sei ein Konflikt dafür auch abgehakt. «Es ist ungesund, vor sich hin zu grummeln, bis es im Innern fault und ein Geschwür wuchert», ergänzt sie und lässt ihre Hand über ihren braungebrannten Bauch kreisen. «Die Emotionalität ist unsere Schatztruhe auf der Bühne.»

Finger und Schiltknecht leben ohne Trauschein. Ist Heiraten ein Thema? «Naaiii! Wa tenksch au», ruft Michael Finger aus und lacht, nimmt die Dächlikappe ab und fährt sich über die Punkfrisur. «Wobei, inzwischen könnte ich es mir sogar vorstellen.» Das Stück «Ronamor» sei auch eine Art persönliches sommerliches Hochzeitsfest, auf der Metaebene gesprochen. «Aso, da langt dänn im Fall nöd», wirft sie ein. «Wenn schon, dann würde ich schon gern ein richtiges Hochzeitsfest feiern.»

Kinder finden ihre Künstlereltern manchmal peinlich

Nil kommt hinzu, weinend. «Waren die anderen Kinder gemein zu dir?», fragt der Papa liebevoll-ironisch und merkt: Da riechts streng aus der Windel. Flugs legt er den Kleinen auf die Wiese und wickelt ihn. Fröhlich rennt Nil wieder zurück zu seinen Freunden.

Ihre Kinder seien nicht nur begeistert davon, dass die Eltern Künstler sind. «Das Plakat unserer Band, auf dem wir uns einen Zungenkuss geben, fanden sie ziemlich peinlich», sagt Finger. «Aber wenn sie hören, dass den Leuten eine Vorstellung gefallen hat, sind sie auch stolz.»

Als der Fotograf um ein Familienfoto bittet, blockt Finger ab. Der Zampano sträubt sich gegen alles Kleinbürgerliche. Eine Einstellung, die seine Lebens­gefährtin teilt: «Keine Kleinfamilie, kein gemeinsames Portemonnaie.» In ihrem Trogener Mehrgenerationenhaus leben sie in getrennten Bereichen: Im Parterre wohnt Fingers Vater, in der Mitte Finger mit den Söhnen Maurin, 20, Gian Maria, 17, und Franziskas Tochter Luine, 9. Zuoberst ist die Mutter mit Tochter Noa, 8, und Nachzügler Nil, 2, zu Hause. «Wenn man kreativ ist und wie wir auch beruflich viel teilt, tut etwas Distanz gut», sagt Franziska Schiltknecht. «Ich spüre ja ständig, was in Michael vorgeht. Ich spüre ihn sogar durch die Holzwände unseres Hauses hindurch.» Er sei «schlecht im Zu-nah-Sein», sagt Finger dazu. «Da verliere ich mich und werde ganz mühsam.» Er glaube denn auch nicht an das gängige Kleinfamilienmodell: Frau, Mann und zwei Kinder in einer Vierzimmerwohnung, das sei «zu neurotisch». Da gerate jedes Paar früher oder später auf eine destruktive Bahn. «Es gibt ja sogar Eheleute, die schlafen jahrelang im gleichen Bett», sagt er, als wundere er sich über eine exotische Tierart.

In Portugal die «angstfreie Liebe» erlernen

Der Fotograf macht einen Vorschlag: «Ihr dürft euch jetzt gerne anhimmeln», sagt er. «Nein, um Gottes willen», sagt Michael Finger und schlägt sich die Hände vor das gerötete Gesicht mit dem silbergrau-melierten Spitzbart; «Ich mag es nicht so süss.»

Michael Finger und Franziska Schiltknecht hinterfragen nicht nur her­kömmliche Partnerschaftsmodelle – sie machen sich auch auf die Suche nach anderen möglichen Lebensformen. Gemeinsam besuchten sie ein Seminar in der Kommune Tamera in Portugal, wo sie sich mit «angstfreier Liebe» auseinander setzten. Es ging darum, parallel mehrere Liebesbeziehungen zu führen. Um Selbstvertrauen und einen gesunden Umgang mit Wut und Eifersucht. Da müsse man etwas ertragen, wenn der Angebetete zusammen mit einer anderen Frau, auf die er gerade Lust hat, im Haus verschwindet. Das sei nicht leicht. «Nach diesem Modell zu leben, wäre uns allerdings zu anstrengend im Alltag hier in der Schweiz», sagt Michael Finger. «Aber wir teilen unsere Liebe gern mit anderen – in der Kunst.»

St. Gallen, Kreuzbleiche, 7., 8., 9, 10., 13., 14., 16. und 17. Juni, je 20 Uhr. www.cirquedeloin.ch