Kreuzfahrten hinterlassen Spuren

Kreuzfahrtschiffe ähneln schwimmenden Kleinstädten. Es gibt Einkaufsmeilen und riesige Wasserrutschen an Bord. Der Umweltschutz lässt zu wünschen übrig, aber Besserung ist in Sicht: Bald fahren die ersten Ozeanriesen mit Gas.

Andreas Lorenz-Meyer
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Eine Stadt ist unterwegs: Die «Harmony of the Seas», das grösste Kreuzfahrtschiff der Welt, verlässt den Hafen von St-Nazaire. (Bild: epa/Edward Boone)

Eine Stadt ist unterwegs: Die «Harmony of the Seas», das grösste Kreuzfahrtschiff der Welt, verlässt den Hafen von St-Nazaire. (Bild: epa/Edward Boone)

Die «Harmony of the Seas» ist ein Schiff der Superlative: 362 Meter lang, 72 Meter hoch, für ungefähr 6000 Passagiere. Anfang Woche hat sie ihre Jungfernfahrt erfolgreich hinter sich gebracht und fährt jetzt Richtung Barcelona. Das Geschäft mit Kreuzfahrtschiffen läuft generell ausgezeichnet. Laut der Cruise Line International Association verzeichneten Kreuzfahrtunternehmen 2014 insgesamt 22 Millionen Passagiere.

Vorne stehen die USA mit mehr als elf Millionen. Europa kommt insgesamt auf 6,4 Millionen, 1,7 Millionen aus Deutschland. Dort hat sich der Markt in 10 Jahren mehr als verdreifacht. «Auch in der Schweiz setzt das Wachstum mit etwas Verzögerung ein», so Jürg Stettler, Leiter des Instituts für Tourismuswirtschaft an der Hochschule Luzern. Die Zahl der Buchungen schätzt er hierzulande auf 160 000 pro Jahr.

Immer noch eine Nische

Kreuzfahrten sind, bezogen auf den ganzen Tourismus, zwar eine Nische, aber eine stark wachsende. Zumal der asiatische Markt mit China zulegt. Entsprechend erhöht die Branche die Kapazitäten: Bis 2017 werden 25 neue Schiffe mit 70 000 Betten und einem Investitionsvolumen von über 16 Milliarden Franken in Dienst gestellt.

Der Boom kommt auch bei den Reisevermittlern an. Hotelplan Suisse verzeichnet bei Kreuzfahrten ein Plus im tiefen zweistelligen Bereich. Schiffsreisen machen rund 10 Prozent der Gesamtbuchungen aus, so Anja Dobes von Hotelplan Suisse. Beim Mittelmeer haben sich die Reisen weg vom östlichen hin zum westlichen Teil verlagert. Themenfahrten, etwa Gourmet- oder Gay-Reisen, sind gefragt.

Preise werden tiefer

Kuoni Schweiz freut sich über viele Neukunden. Was auch am Preis liegt, erklärt Marcel Schlatter von Kuoni Schweiz. Kreuzfahrten sind erschwinglich geworden. Vermehrt buchen Familien, denn bei Kreuzfahrten verlieren die Eltern nicht die Übersicht beim Budget. Tui Schweiz vermittelt unter anderem Schiffsreisen von Tui Cruises, das mit «Mein Schiff» eine eigene Marke hat, angesiedelt zwischen klassischer Kreuzfahrt und Clubschiff. «Mein Schiff 5» geht im Sommer auf Jungfernfahrt. Von 2014 auf 2015 hat sich das Geschäft von Tui Cruises in der Schweiz verdoppelt, so Martin Wittwer, CEO Tui Schweiz. Es gibt für jeden Geschmack etwas: Themenreisen (Heavy Metal Cruise) oder Gourmetfahrten mit Sterneköchen. Hauptzielgruppe: das Paar um die 50.

Billiges Schweröl

So erfolgreich die Branche insgesamt ist, in Sachen Umweltschutz gibt es noch viel zu tun. Das liegt an den Abgasen der Schiffe. Viele fahren immer noch mit billigem Schweröl, einem Abfallprodukt der Erdölverarbeitung. Der Schwefelausstoss ist um das 3500-Fache höher als bei Autodiesel. Daneben gelangen Dieselrusspartikel und Stickoxide in die Atmosphäre. Eine sehr ungesunde Mischung. Die Emissionen können zwar durch Abgasreinigung reduziert werden. Aber nur, wenn das Schiff die entsprechenden Anlagen installiert hat. Es gibt noch Marinediesel als Alternative. Der Treibstoff ist weniger umweltschädlich als Schweröl, aber auch teurer.

Mittlerweile wird der Abgasausstoss stärker reguliert. Zumindest in einem Teil der Meere. Seit 2015 dürfen Schiffe in den so genannten Emissionskontrollzonen, unter anderem Nord- und Ostsee, nur noch Dieselkraftstoff mit maximal 0,1 Prozent Schwefelanteil einsetzen. In EU-Häfen ist dieser Grenzwert schon seit 2010 vorgeschrieben. Um die Luftqualität rund um den Anleger zu verbessern, haben manche Häfen, etwa Stockholm, eine Landstromversorgung eingerichtet. Die Schiffe werden ans Kabel angeschlossen und müssen den Strom für den Betrieb während der Liegezeiten nicht mehr selbst erzeugen. Die Schiffsmotoren bleiben abgeschaltet, die Emissionen im Hafen sinken. Eine Erleichterung für Kreuzfahrtstädte.

Strenger ab 2020

Aber noch entscheidender sind die Abgasreduzierungen während der Fahrt. Das Mittelmeer gehört nicht zu den Kontrollzonen. Hier sind noch bis zu 3,5 Prozent Schwefelanteil erlaubt. Ab 2020 geht es aber allgemein strenger zu. Dann soll überall auf den Meeren ein Schwefelgrenzwert von 0,5 Prozent gelten.

Martin Wittwer von Tui Schweiz weist darauf hin, dass Kreuzfahrten nur einen kleinen Teil des internationalen Schiffsverkehrs ausmachen, unter einem Prozent. Das Thema Nachhaltigkeit müsse über die Schiffsemissionen hinaus beurteilt werden. Gerade bei Abfallverwertung und Abwasserreinigung sei die Branche schon weit. Weder im Schweröl noch im Marinediesel sieht Wittwer die Zukunft. Sondern in umweltschonenden Treibstoffen wie Flüssigerdgas. Liquefied Natural Gas, kurz LNG, würde die Kreuzfahrten tatsächlich viel grüner machen. Fährt ein Schiff mit Flüssigerdgas, stösst es weniger Kohlendioxid aus und viel weniger Stickoxid. Die Russpartikel- und Schwefelemissionen sind gleich null.

Abgasreinigung als Brücke

Vorerst, bis LNG etablierter und verfügbarer ist, setzt Tui Cruises auf Abgasreinigung als Brückentechnologie. Die Neubauten ab «Mein Schiff 3» haben ein Abgasnachbehandlungssystem, welches Entschwefelungsanlage und Katalysator kombiniert.

Vor allem wegen der strenger werdenden Grenzwerte steht im Kreuzfahrttourismus die Umstellung auf Flüssigerdgas an. Tourismusexperte Jürg Stettler sieht darin kein technisches Problem, sondern ein finanzielles. Der Wechsel zu LNG verursache höhere Treibstoffkosten und erfordere bei älteren Schiffen oft auch neue Motoren. Er sei vor allem bei neuen Schiffen machbar. Das geschieht: Aida Cruises, MSC Kreuzfahrten und Costa Crociere verabschieden sich langsam vom Schweröl und stellen auf Flüssigerdgas um.