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KREBS: Günstigere Krebstherapie: Krankenkassen verweigern die Bezahlung

Onkologen erheben schwerer Vorwürfe: In gewissen Fällen wäre nur ein Teil der Standardtherapie nötig. Einige Krankenkassen weigern sich aber, diese billigere Behandlung zu bezahlen.
Bruno Knellwolf
Eine übliche Standardchemotherapie bei Brustkrebs ist oft zweiteilig: zwei verschiedene Therapien, die nacheinander je rund drei Monate dauern. (Bild: Getty)

Eine übliche Standardchemotherapie bei Brustkrebs ist oft zweiteilig: zwei verschiedene Therapien, die nacheinander je rund drei Monate dauern. (Bild: Getty)

Jedes Jahr steigen die Krankenkassenprämien. Das Klagen sind gross, die Belastung gerade von Familien mit Kindern riesig. Alle Versuche, die Gesundheitskosten zu stabilisieren, scheitern. Sehr befremdlich wirkt deshalb die Geschichte, welche Schweizer Onkologen erzählen.

Viel Ärger hat sich bei den beiden Krebsärzten Thomas Ruhstaller und Marco Siano vom Kantonsspital St. Gallen angestaut. Leidet eine Frau an Brustkrebs, müssen die Onkologen nach der Krebsoperation entscheiden, welche und wie viele Zusatztherapien sie der Patientin verschreiben wollen. Sind die bösartigen Tumorzellen operativ entfernt, geht es darum, eine spätere Ausbreitung des bösen Tumors in anderen Organen des Körpers, eine Metastasierung, zu verhindern oder zumindest das Risiko dafür zu senken.

Dafür werden Immun-, Hormon- oder auch Chemotherapien angewandt. Eine übliche Standardchemotherapie bei Brustkrebs ist oft zweiteilig: zwei verschiedene Therapien, die nacheinander je rund drei Monate dauern. "Nun haben wir Onkologen gelernt, dass für viele Frauen der zweite Teil der Chemotherapie genügt und sie den ersten Teil gar nicht benötigen", sagt Thomas Ruhstaller. Das sind immerhin bis zwölf Wochen weniger Chemotherapie. Eine "halbierte" Therapie kostet zum einen weniger und noch wichtiger: Die Frauen sind auch den Nebenwirkungen der Medikamente nicht ausgesetzt, wenn sie diese nicht einnehmen müssen. Es nützt dem Patienten, wenn seine Therapie so individualisiert wird. "Zwei Drittel der Therapien sind heute ‹off-label-use›. Das heisst, sie werden nicht so verschrieben, wie sie vor Jahren registriert wurden", sagt Marco Siano. Geänderte Indikationen, geringere Dosierungen und Kombinationen von Medikamenten und Therapien werden gemäss neueren Erkenntnissen aus der Forschung an das Bedürfnis des Patienten angepasst.

"Wir sind Anwälte der Patienten", sagt Thomas Ruhstaller vom Brustzentrum St.Gallen. (Bild: pd)

"Wir sind Anwälte der Patienten", sagt Thomas Ruhstaller vom Brustzentrum St.Gallen. (Bild: pd)

Nicht nach dem Text der Registrierung

Der gesunde Menschenverstand würde sagen, prima. Eine Frau braucht weniger Therapien, das hilft ihr und kostet sogar noch weniger – da müssten die Krankenkassen doch jubeln. Doch weit gefehlt. "Gewisse Krankenkassen weigern sich, die Kosten für die Chemotherapie zu übernehmen, wenn nicht beide Teile der Therapie bezogen werden", sagt Ruhstaller. Auch auf Nachfrage wollen die Onkologen nicht sagen, welche Krankenversicherer sich weigern. Sicher ist, dass diese dem Krankenkassenverband Santésuisse angehören, der auf dieser Seite Stellung zu den Vorwürfen nimmt. Nicht betroffen sind die Krankenversicherer, die zu Curafutura gehören, also Helsana, KPT, CSS und Sanitas.

Wird die Therapie somit nicht ganz getreu dem Text der Registrierung ausgeführt, übernehmen gewisse Versicherer unter Santésuisse die Kosten nicht mehr. Die Begründung: Ohne offizielle Zulassung einer Therapie sei die Wirksamkeit nicht nachgewiesen. Tatsächlich wird die Wirksamkeit jeweils bei der Registrierung nur in ihrer Gesamtheit geprüft und bewilligt. Die Zulassungsstelle Swissmedic kontrolliert eine Therapie auf Effekt und Sicherheit, das Bundesamt für Gesundheit (BAG) macht dann den Preis, den die Krankenkassen übernehmen. "Und selbstverständlich wird keine Pharmafirma für eine kürzere Therapie bei den Behörden
extra für viel Geld eine neue Registrierung beantragen", sagt Ruhstaller.

Dies sei nur ein Beispiel für eine neue Praxis gewisser Krankenkassen. Diese mussten schon immer sogenannte Off-Label-Therapien überprüfen, bevor sie eine Kostengutsprache machten. Ansonsten würde einem Therapiewildwuchs Tür und Tor geöffnet. Das habe bis vor kurzem bestens funktioniert. Die Krankenkassen hätten für normale Routine-Indikationen den Fachärzten vertraut. Doch seit einem Jahr habe sich das bei einigen Kassen geändert.

Wie beim oben beschriebenen Beispiel werde streng juristisch nach Paragraf geurteilt. Schon kleinste Abweichungen von der Registrierung, die 15 Jahre zurückliegen könne, führten zur Verweigerung der Kostenübernahme. Zum Beispiel wenn eine Dreiwochendosis auf besser verträgliche kleinere Wochendosen verteilt wird, wie die Onkologen erzählen. "Es scheint, dass die Kassen offensichtlich fadenscheinige Gründe suchen, um die Kosten einer Therapie nicht zu übernehmen. Das schadet den Patienten", sagt Ruhstaller. Diese neue Praxis gewisser Kassen sei ein grosses Thema unter den Onkologen in der Schweiz. Die Ärzte stören sich vor allem auch daran, dass deshalb Patienten

in der Grundversicherung nicht mehr gleich behandelt würden, was nach Gesetz zwingend ist. Die eine Krankenkasse zahlt, die andere nicht. Herausgefunden haben die Onkologen sogar, dass die gleiche Kasse die gleichen Fälle unterschiedlich beurteilt.

Vorher über Jahre bezahlt

"Es werden nun plötzlich Therapien nicht mehr bezahlt, die über Jahre so übernommen worden sind und von anderen Kassen weiterhin akzeptiert werden. Und das alles, ohne dass sich irgendetwas an der Sachlage geändert hätte", sagt Siano. Diese Kassen urteilten unsachgemäss und schössen über das Ziel hinaus, um Kosten zu senken. "Wir sind die Anwälte der Patienten", sagt Ruhstaller. Deshalb könnten sie mit dieser Praxis gewisser Krankenkassen nicht leben und müssten sich dagegen wehren.

Stellungnahme Santé Suisse: "Jeder Patient ist ein Einzelfall"

Der Krankenkassenverband Santé Suisse, zu dem einige der sich weigernden Krankenversicherer gehören, nimmt wie folgt Stellung zu den Vorwürfen:
"Betreffend die Kostenübernahme von ‹Off-Label-Medikamenten› stützen sich die Krankenversicherer auf Artikel 71a und 71b der Krankenversicherungsverordnung. Dieser verlangt, dass für die Kostenübernahme einer Off-Label-Therapie eine Reihe von Kriterien erfüllt sein müssen: So darf es keine alternative und zugelassene Behandlungsmethode geben; vom Einsatz des Medikaments muss ein grosser therapeutischer Nutzen gegen eine Krankheit zu erwarten sein, die tödlich verlaufen oder schwere und chronische gesundheitliche Beeinträchtigungen nach sich ziehen könnte. Diese Entscheide liegen jeweils in der Kompetenz des jeweiligen Vertrauensarztes.

Entsprechend sind wir der Auffassung, dass ein Krankenversicherer nicht einfach eine Off-Label-Therapie übernehmen kann, weil sie billiger und kürzer ist. Jeder Patient ist ein Einzelfall und wird vom Versicherer entsprechend behandelt. Das erklärt den Unterschied bezüglich der Kostenübernahme einer Therapie zwischen den Krankenkassen. Die Vertrauensärzte halten sich an Guidelines, um Ungleichbehandlung zu verhindern."

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