KONSTANZ: Tödliche Stiche im Industriegebiet

Nach dem gewaltsamen Tod eines 19-Jährigen nennen Augenzeugen einen Streit um eine Frau als Auslöser. Die Polizei verneint dies. Eine Rekonstruktion der Ereignisse vom Wochenende.

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Spuren einer brutalen Tat: In der Nacht auf Samstag wurde ein 19-jähriger Schweizer vor einer Shisha-Bar in Konstanz erstochen. (Bild: Jörg-Peter Rau)

Spuren einer brutalen Tat: In der Nacht auf Samstag wurde ein 19-jähriger Schweizer vor einer Shisha-Bar in Konstanz erstochen. (Bild: Jörg-Peter Rau)

Immer wieder kommen Leute am eher unauffälligen Haus im Konstanzer Industriegebiet vorbei. Sie bleiben stehen, schauen auf ein paar Blumen und Kerzen, die Markierungen der Spurensicherung fallen ihnen meist gar nicht auf. Hier, vor einer Shisha-Bar, war am Samstagmorgen ihr Freund, Landsmann, Verwandter niedergestochen worden. 19 Jahre alt war er, kam aus dem Kanton Schaffhausen, die Trauernden am Tag danach weisen darauf hin, dass er einem weit verzweigten und gut vernetzten Verband von Menschen angehörte, die aus dem Kosovo einst in die Schweiz gekommen waren. «Sony S., wir werden dich nicht vergessen», heisst es auch in den sozialen Netzwerken. Und das klingt nicht nur nach Trost, sondern auch nach Drohung.

Sony S. starb in den frühen Morgenstunden des Samstags im Krankenhaus, die Ärzte konnten ihn nicht mehr retten. Augenzeugen bestätigen, was auch die in der Sache sonst eher wortkarge Polizei mitteilt. In der Bar war es zum Streit gekommen. Er wurde handfest, ging auf der Strasse weiter. Dort bekam der 19-Jährige nach allem, was man weiss, ein Messer in den Körper gerammt. Er blutete stark, konnte sich noch in die Bar zurückretten, wurde wiederbelebt, starb aber wenig später. Zunächst mit 40, dann sogar mit 50 Beamten ermittelt die Kriminalpolizeidirektion Friedrichshafen nach dem Tötungsdelikt, wie es offiziell eingestuft wird. Die wichtigste Frage lautet: Wer war bei der aggressiven Gruppe dabei?

Am Samstagabend ist von zwei Festnahmen die Rede, am Sonntag geben das Polizeipräsidium Konstanz und die Staatsanwaltschaft Konstanz dann bekannt: Vier Tatverdächtige sind ermittelt und vorläufig festgenommen. Wer die vier Tatverdächtigen waren, dazu sagen Polizei und Staatsanwaltschaft zunächst gar nichts. Alter, Wohnort, Herkunft: Alles bleibt geheim. Die Festnahmen seien im Landkreis Konstanz erfolgt, und teils seien Spezialkräfte beteiligt gewesen, mehr teilen die Ermittler nicht mit.

Augenzeugen sprechen von "Antanzen"
Am Montag informierten die Staatsanwaltschaft Konstanz und das Polizeipräsidium Konstanz, dass sich bei drei der vier vorläufig Festgenommenen der Tatverdacht nicht bestätigt hat, so dass sie am Sonntag wieder auf freien Fuss gesetzt wurden. Dennoch würden sie nach wie vor im Verdacht stehen, an der Auseinandersetzung beteiligt gewesen zu sein. Gegen einen 21-Jährigen syrischer Herkunft hätten sich die Verdachtsmomente erhärtet, weshalb ihm die Untersuchungshaft angeordnet wurde. Er befindet sich zwischenzeitlich in einer Justizvollzugsanstalt. Ein weiterer mutmasslich Beteiligter 17-jähriger deutscher Staatsangehöriger, der aufgrund der bisherigen Erkenntnisse als Haupttatverdächtiger gilt und am späten Sonntagabend nach intensiven Fahndungsmassnahmen ebenfalls im Landkreis Konstanz von Beamten der Sonderkommission dingfest gemacht werden konnte, wurde gestern im Laufe des Tages dem Haftrichter vorgeführt.

Nach dem vorläufigen Obduktionsergebnis wurde dem 19-jährigen Opfer ein Stich im Bereich des Oberkörpers zugefügt, der einen Lungenflügel und Blutgefässe derart verletzte, dass dies durch eine innerliche Schockblutung zum Tod des jungen Mannes führte. Die Ermittlungen nach den Hintergründen der tätlichen Auseinandersetzung, in deren Verlauf der 17-Jährige auf den 19-Jährigen einstach, dauern an. Augenzeugen und andere zuverlässige Quellen sagen jedoch einhellig - und im Widerspruch zur Polizei - beim Streit sei es um eine Frau gegangen. Der 19-Jährige habe sich an eine Frau herangemacht, es fällt auch der Begriff «Antanzen». Das habe der rivalisierenden Gruppe nicht gefallen. Sie stellte Sony S. zur Rede und forderte ihn auf, das zu tun, was in solchen Kreisen als Unterwerfungsritual bekannt ist. Sony S. soll dem nachgekommen sein, aber der Streit war nicht zu Ende.

Die bunt gemischte, vermutlich erst beim Streit in der Bar entstandene Gruppe, so sagen Augenzeugen, habe den 19-Jährigen weiter bedrängt. Und dann kommt es zum Äussersten. Einer, der es aus nächster Nähe miterlebt hat, berichtet glaubhaft von Stichen direkt ins Herz und in die Halsschlagader des 19-Jährigen. Bis weit in den Samstagnachmittag hinein sind die Kriminaltechniker damit beschäftigt, am Tatort nach Hinweisen zu suchen. Die Arbeit mit vielen Spuren und die Fahndung nach einer grösseren Anzahl von Personen ist laut Polizei ein Grund, warum gesicherte Informationen so spärlich an die Öffentlichkeit dringen und das Thema weitgehend den Spekulationen in sozialen Netzwerken überlassen bleibt. Jede neue Spur müsse ausgewertet und von einem Ermittlerteam verfolgt werden. Dazu kommt die Zusammenarbeit mit Polizei und Staatsanwaltschaft in der Schweiz. (jpr/asc/mid)

Kurz nach Spurensicherung wieder geöffnet

Das Tötungsdelikt hatte sich auf dem Parkplatz einer Shisha-Bar, dem "Pasha of Dubai", zugetragen. Das Lokal an der Fritz-Arnold-Strasse wirbt mit Musik und arabisch anmutendem Ambiente. Bereits am Tag der tödlichen Messerattacke öffnete es abends wieder. Die Polizei sagte dazu, die Spurensicherung sei abgeschlossen gewesen. Wie bei vielen Clubs stehen die Angebote im Fokus der Aufsichtsbehörden. Auf ihrer Facebook-Seite wirbt die Bar in aller Öffentlichkeit unter anderem damit: «Ladys bekommen wie jeden Freitag Shots aufs Haus natürlich wie immer ab 23 Uhr.» Sprich: Frauen erhalten ab 23 Uhr hochprozentige Getränke gratis. Der Geschäftsführer zeigte sich am Sonntagabend noch geschockt von den Ereignissen. Er sagte dem «Südkurier»: «Ich hoffe, dass ich meine Bar nicht schliessen muss. Es ist traurig und fürchterlich genug, was passiert ist. So eine unfassbare Tat.» (asc)