KONSTANZ: "Der Schock sitzt tief"

Nach der Bluttat vor einer Shisha-Bar in der Fritz-Arnold-Strasse wird ein 17-Jähriger als Haupttäter verdächtigt. Er kommt aus einer ganz normalen Familie. Das Jugendgericht ging von einer guten Sozialprognose aus.

Andreas Schuler, Jörg-Peter Rau
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In Schaffhausen wurde Sony S. am Mittwochnachmittag beigesetzt. Seine Familie hatte auf Facebook zur Teilnahme an seinem Begräbnis aufgerufen. (Symbolbild) (Bild: A4399/_MATTHIAS BALK (DPA dpa))

In Schaffhausen wurde Sony S. am Mittwochnachmittag beigesetzt. Seine Familie hatte auf Facebook zur Teilnahme an seinem Begräbnis aufgerufen. (Symbolbild) (Bild: A4399/_MATTHIAS BALK (DPA dpa))

Das Umfeld des unter Totschlagverdacht stehenden 17-Jährigen ist fassungslos. Kann es wirklich sein, dass der Junge am frühen Samstagmorgen den 19-jährigen Sony S. getötet haben soll? Die Nachricht von seiner Verhaftung wühlt viele auf. Zumal der junge Konstanzer zwar 2016 vor dem Jugendschöffengericht stand und der gefährlichen Körperverletzung schuldig gesprochen wurde. Die Kammer sah aber eine günstige Sozialprognose und setzte die verhängte Freiheitsstrafe von zehn Monaten zur Bewährung aus. Das bestätigt das Amtsgericht.

Der Tatverdächtige kommt aus einer ganz normalen und in Konstanz vielfach aktiven Familie, für die seit der Festnahme vom Sonntagabend alles anders geworden ist. Werner M. (Name geändert), Bruder mehrerer Geschwister, war hoffnungsvoll in die Schullaufbahn gestartet, besuchte ein Gymnasium. Mehrere Schulwechsel folgten, er kam mit Drogen in Kontakt. Er ist nicht der Einzige, der auf eine solch schiefe Bahn geraten ist, in seinem Umfeld gab es mehrere Gleichaltrige, die regelmässig Rauschgift konsumieren sollen.

Für den 17-Jährigen gilt bis zu einem rechtskräftigen Gerichtsurteil die Unschuldsvermutung – und was in der Nacht zum Samstag vor der Shisha-Bar in der Fritz-Arnold-Strasse genau geschah, ist weiter nicht vollständig geklärt. Andreas Mathy, der Sprecher der Konstanzer Staatsanwaltschaft, sagte, für die Rekonstruktion des genauen Ablaufs würden noch weitere Zeugen vernommen. Geständnisse haben demnach bis Mittwochnachmittag bisher weder der 17-Jährige noch der mutmassliche Mittäter abgelegt. Beide sitzen in Untersuchungshaft. Wo, gibt die Staatsanwaltschaft aus grundsätzlichen Erwägungen nicht bekannt.

Syrischer Mittäter stand bereits im Fokus der Polizei
Auch der 21-Jährige, den die Ermittler für den Mittäter halten, lebte zeitweise in Konstanz. Nach seiner Flucht aus Syrien kam er 2015 hierher, zuletzt galt er als ohne festen Wohnsitz. Die Festnahme erfolgte in einer Wohnung in Singen. Auch er stand bereits im Fokus der Polizei, unter anderem wegen Sachbeschädigung. Ob sich die beiden Tatverdächtigen schon vor dem Besuch der Shisha-Bar kannten, ist unklar.

In Schaffhausen wurde am Mittwochnachmittag Sony S. beigesetzt. Seine Familie hatte auf Facebook zur Teilnahme an seinem Begräbnis aufgerufen. Nicht nur bei seinen Verwandten und Freunden ist die Trauer gross. Wie auf einem Bild der «Schaffhauser Nachrichten» zu sehen ist, nahmen mehrere hundert Menschen Abschied von dem jungen Mann.

Auch der Wirt der Shisha-Bar «Pasha of Dubai» zeigt sich in einem Videobeitrag auf Facebook erschüttert über den Tod des 19-Jährigen, der bei einem Baubetrieb beschäftigt war. Man habe Sony S. immer gern zu Gast gehabt, sagt in dem Video Hamsher Dakouri. Er betont mehrfach, die Tat sei vor seiner Bar geschehen, an einem Ort, über den er und sein Personal keine Aufsicht gehabt hätten. «Das ist ausserhalb unserer Kontrolle passiert», sagt Dakouri. Zugleich verurteilte er den Täter als einen «ehrlosen Mann».

Mord oder Totschlag

Die beiden Tatverdächtigen des tödlichen Messerangriffs in der Nacht von Freitag auf Samstag sitzen unter dem Vorwurf des Totschlags in Untersuchungshaft, nicht wegen des Verdachts des Mordes. Ein Mord liegt vor, wenn sogenannte Mordmerkmale erfüllt sind. In Paragraf 211 des Strafgesetzbuches heisst es dazu: «Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet.» Trifft keines dieser Merkmale zu, wird die vorsätzliche Tötung eines Menschen als Totschlag verfolgt. (rau)