KONFLIKT: Dichtestress am Berg

Über Stock und Stein, das gilt längst nicht mehr nur für Wanderer. Auf dem gut ausgebauten Schweizer Wanderwegnetz sind immer mehr Mountainbiker unterwegs. Nicht zur Freude der Wanderer.

Regina Grüter
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Auch ohne «Trail Bells» – spezielle Glöckchen an der Lenkstange – können Biker und Wanderer die gleichen Wege benutzen. (Bild: Getty)

Auch ohne «Trail Bells» – spezielle Glöckchen an der Lenkstange – können Biker und Wanderer die gleichen Wege benutzen. (Bild: Getty)

Regina Grüter

Wandern und Biker wollen das Gleiche: Sich in der Bergwelt ­bewegen, die einen schneller, die anderen langsamer – und da fängt das Problem schon an. Die einleitenden Worte auf der Web­seite des 2010 gegründeten Vereins Züri­trails veranschaulichen den Konflikt gut: «In den vergangenen Jahren kam es auf dem Uetli­berg immer wieder zu Streitigkeiten zwischen Spaziergängern, Bikern und der Stadt Zürich als Eigentümerin.» Als Lösung hat die Stadt zwei offizielle Biketrails gebaut. Damit sollte der Bau illegaler Strecken verhindert werden, Ruhezonen für das Wild erhalten bleiben und Spaziergänger auf den Waldwegen geschont werden.

Manch krisengeschüttelte Bergregion wittert es, das Sommergeschäft mit den Bikern, die mehrmals mit der Bahn hoch­fahren und dann den Flowtrail runter. Tatsache ist aber, dass nicht nur Pro Natura oder der WWF den Flowboom, also den Bau von speziellen Mountainbike-Abfahrten, kritisch sehen. «Wir brauchen nicht noch mehr Trails!», schreibt auch Thomas Giger, Herausgeber des Mountainbike-Magazins «Ride»: «Mountainbiker sind naturaffiner als die Gäste auf der Skipiste. Sie haben einen grösseren Aktionsradius. Und sie sind nicht zwingend auf Bergbahnen angewiesen.» Und weiter: «Künftig werden im Mountainbikesport nicht jene Regionen erfolgreich sein, welche die meisten Flowtrails in den Berg geschaufelt haben. Es werden jene sein, die den Wegunterhalt auf ihrem gesamten Wegnetz im Griff haben.»

Reklamationen halten sich in Grenzen

Einer der Kantone, der massiv in eine nachhaltige Mountainbike-Infrastruktur investiert hat, ist Graubünden. Das 17 000 Kilometer lange Wegnetz steht allen offen. Es gilt das Konzept der «Trail Toleranz», welches auf verschiedenen Ebenen kommuniziert wird: auf gedrucktem Material wie Broschüren und Panoramakarten für Biker und Wanderer, auf allen Online-Kanälen und nicht zuletzt auf den Trails und Wanderwegen selbst. Und es wird auf eine «Entflechtung» von Bike- und Wanderwegen hingearbeitet: «Gemäss unserem Bike-Masterplan sollen primär nur die Wege mit einer besonders hohen Frequenz von Bikern und Wanderern entflechtet werden», sagt Marlen Schwarz, Medienverantwortliche der Bike-Region Arosa-Lenzerheide. «Den Austausch mit den Naturschutzverbänden pflegen wir proaktiv und offen.»

Wie sieht das Verhältnis zwischen Wanderern und Bikern auf der Lenzerheide in der Praxis aus? «Es gibt immer mal wieder Konflikte und negative Rückmeldungen – von beiden Seiten», meint Schwarz. «Die Gästerückmeldungen, welche zu uns ge­langen, beziehen sich hauptsächlich auf die Häufigkeit und die teilweise hohe Geschwindigkeit der Biker, was insbesondere an unüberschaubaren oder schmalen Stellen von den Wanderern als gefährlich eingestuft wird». Rücksicht und Verständnis auf beiden Seiten sei gefragt. Durchwegs positive Rückmeldungen von Wanderern und Bikern würden sie auf die «Trail Bells» erhalten. Die kleinen Schellen werden an den Bikes befestigt, sodass die Biker auf hoch frequentierten und unübersichtlichen Wegen schon frühzeitig von den Wanderern gehört werden.

Neben der Trail-Toleranz gibt es aber noch andere Massnahmen, um das Konfliktpotenzial zu ­minimieren. So sind beispielsweise auf der Talseite Scalottas/Heidbüel Downhill-Bikes (mehr als 160 Millimeter Federweg) sowie Protektoren-Jacken und Integralhelme nicht zugelassen. Schwarz: «Die ‹Spielwiese› für die Downhill-Biker liegt auf der Talseite Rothorn, wo sich auch der Lenzerheide-Bikepark mit den fünf Abfahrtsstrecken in ­verschiedenen Schwierigkeitsgraden befindet.»

Sandra Gredig, Projektleiterin Mountainbike-Infrastruktur Davos, antwortet auf die Frage nach Konflikten zwischen Wanderern und Mountainbikern: «Wir erhalten viele Reaktionen, wie freundlich die Biker seien. Manche ärgern sich fast ein wenig, dass ihnen die Gelegenheit genommen wird, sich aufzuregen. Aber natürlich gibt es auch Reklamationen.» An den wöchent­lichen Sitzungen der Trailcrew sei auch die Wanderweggruppe dabei, sagte sie dem Magazin «Ride». Ein einfaches, aber effektives Mittel für ein sinnvolles Miteinander.

Biker suchen den Adrenalinkick

Während man fürs Wandern nicht viel mehr als gute Schuhe benötigt, ist Biken ein materialintensiver Sport. Gute Wanderschuhe versus gutes Bike, da rechnet man gut und gerne mal Faktor 18 in Franken. Für viele Biker ist ihr Sport schon fast eine Art Religion und sie können stundenlang über Reifendicke, Federweg, Gewicht, Technik und die flowigsten Trails philosophieren. Die Verbesserung der individuellen Fahrtechnik kombiniert mit einer immer raffinierten Technologie führen dazu, dass Wanderer und Biker auch in Höhen von über 3000 Meter über Meer aufeinandertreffen. Oft haben Wanderer für solche «Spinner», die ihr Gefährt die letzten paar hundert Meter bis zum Gipfel auf dem Rücken hochtragen, nur Kopfschütteln übrig. Mountainbiken ist, wenn man so will, der «wildere» Sport. Immer weiter zu gehen, Mut zu beweisen und seine Grenzen zu spüren, gehört dazu. Das macht den anderen Reiz des Bikens aus: der Kick, sprich Adrenalin, das ausgeschüttet wird.

Schwarze Schafe gibt es überall

Wobei es auch bei den Bikern, ganz verschiedene Anspruchs­typen gibt. Da gibt es den Flowtrail-Fun-Fahrer, er fährt gerne auf eher einfachen, breiteren Wegen, analog dem Pistenskifahrer im Winter. Dann gibt es den Biker, der gerne die ursprünglichen ­Pfade etwas abseits der grossen Wege nutzt, dem Skitourengänger nicht unähnlich. Die Grenzen sind natürlich fliessend, und das eine schliesst das andere nicht aus. Doch könnte man sagen, die Skitour ist im Winter Ersatz für Wandern und Biken. An einem schönen Wintertag bewegen sich Karawanen auf die beliebten Gipfel und die Abfahrten sind entsprechend verfahren. Regt man sich da auf? Es ist das Privileg des Schweizers, dass er über genügend Freizeit verfügt und über genug Geld für teure Hobbys.

Es tut immer gut, etwas aus beiden Perspektiven zu betrachten. Ja, die Wanderwege leiden unter der intensiven Nutzung durch Biker. Das erfordert, dass man die bestehenden gut instand hält.

Und ja, es gibt rüpelhafte Biker. Schwarze Schafe gibt es überall, auch auf Seiten der Wanderer. So sind es dieselben, die reklamieren, wenn in der Stadt ein Velofahrer im Schritttempo eine kurze Strecke auf dem Trottoir fährt, wie wenn ein Mountainbiker in massvollem Tempo auf dem Wanderweg passiert. Und nochmals dieselben sind es, die sich über die Bikes im Zug oder die Kinderwagen im Bus auf­regen. Mit ein bisschen Toleranz und gegenseitigem Respekt ist das eigentlich alles gar kein Problem. Und eines darf man nicht aus den Augen verlieren: die Wertschätzung für die Natur. Sie ist es, die alle vereinen sollte, die die Bergwelt geniessen wollen.