König der Herzen

Nach kurzem Unwohlsein ist im Tessin im 81. Lebensjahr der Clown Dimitri gestorben. Noch tags zuvor hat er auf der Bühne gestanden – zusammen mit seiner Familie. Dimitri war ein Meister einer stillen, aber völkerverbindenden Kunst.

Rolf App
Drucken
Teilen

Das letzte Mal getroffen haben wir uns Mitte März in Rapperswil bei der Premiere des Circus Knie. Masha, seine Tochter, war da. Pic, der wunderbare St. Galler Clown. Und, nachdem er sich abgeschminkt hatte, David Larible, der Star des diesjährigen Programms. Das natürliche Zentrum aber bildete er, Dimitri, der die Familie Knie sehr lebhaft dafür lobte, dass sie einem klassischen Clown wieder einmal so viel Raum gab.

Gegenüber ist das Theater

Ein klassischer Clown war auch er selber, der jetzt, überraschend, im 81. Lebensjahr verstorben ist und bis zuletzt seinem Metier nachging: Die Menschen fröhlich zu stimmen und ihnen zu denken zu geben. Denn auf seine subtile Weise vermag der Clown beides, deshalb ist er auch so unentbehrlich für die Menschheit. Unentbehrlicher als manche Erfindung, unentbehrlicher als viele Politiker. Denn sie sind Könige der Herzen, die Clowns.

Als Sohn eines Bildhauers und Architekten und einer Kunsthandwerkerin kommt Dimitri Jakob Müller am 18. September 1935 um 9.30 Uhr in Ascona zur Welt – gegenüber dem Marionettentheater und seiner späteren ersten Bühne. Fünf Jahre später erbt der Vater ein kleines Vermögen und kauft am nordöstlichen Abhang des Monte Verità ein Haus in unmittelbarer Nachbarschaft des Teatro San Materno. Hier kommt das Kind noch vor dem Kindergarten in Kontakt zum Ausdruckstanz. Zwei Jahre darauf sieht er im Circus Knie den Clown Andreff. Ihm wird bewusst, dass Clown ein Beruf ist.

Komisch und voller Poesie

«Von da an wollte ich Clown werden», erzählt er in einem Gespräch im März 2013, als er auch in St. Gallen Station macht mit seinem zauberhaften Soloprogramm, das Highlights aus 55 Jahren bringt. Kisten, eine Garderobe, ein Liegestuhl, mehr braucht Dimitri nicht auf der Bühne. Er öffnet die Kisten, zieht Instrumente heraus und manchmal aus ihnen wieder Baby-Instrumente. Erzählt Geschichten mit knappen Bewegungen und folgt den absurdesten Einfällen. Manchmal ist das zum Schreien komisch, manchmal reinste Poesie. Und immer ist es grosse Kunst.

Früh fängt die Leidenschaft für diese Kunst an. Früh beginnt auch etwas anderes: Als Zwölfjähriger verliebt sich Dimitri ein erstes Mal in seine spätere Frau Gunda, allerdings noch sehr heimlich. Erst 1960 wird daraus eine lebenslange Liebe.

Rascher voran geht es mit der Liebe zum Clown. Parallel zu einer Töpferlehre nimmt er Schauspielunterricht, spielt komische Rollen auf Studentenbühnen und sieht in Bern zum ersten Mal Marcel Marceau. Zu den prägenden Eindrücken gehört 1951 auch der Auftritt von Clown Grock in seinem eigenen Zirkus auf der Berner Allmend.

Das erste Soloprogramm

Marceau lädt ihn 1958 ein, in seiner Truppe mitzuarbeiten. Mit ihm tritt Dimitri in zwei Pantomimen auf, dann geht er mit dem Cirque Medrano auf Tournée. Dimitri ist mittlerweile auch zum vielseitig begabten Artisten geworden. Als die von seinem Vater gegründete Vereinigung «Amici delle belle arti» ihn um einen Auftritt in Ascona bittet, stellt er ein abendfüllendes Programm zusammen, zieht eine alte Leinenjacke des Vaters an und schminkt sich weiss.

Zunächst tritt er nun in Theatern auf, 1969 geht er ein erstes, 1973 ein zweites Mal, 1979 ein drittes Mal mit dem Circus Knie auf Tournée. Er gründet in Verscio die Scuola Teatro Dimitri, tritt in Hongkong und New York auf und an vielen anderen Orten dieser Erde. Denn, sagt er, «meine Kunst erfordert ja keine Worte. Und die Menschen reagieren überall gleich. Man könnte mich irgendwo absetzen, und ich würde dem Publikum nicht anmerken, wo ich gerade bin.» Dieses Publikum jeden Abend neu zu gewinnen, das ist eine Kunst, die er bis zuletzt ganz wunderbar beherrscht. Viel Poesie steckt in seinen Auftritten, leise Zwischentöne – und ein herrlicher Schuss Anarchie.

Immer wieder etwas Neues

Und Arbeit. «Besser werden», das bleibt sein Ziel. Denn ein Clown ist nie fertig. Immerzu denkt er an Neues. Er führt Regie, kreiert für die Luzerner Musikfestwochen «L'homme orchestre» – und erringt zusammen mit seinen Töchtern Masha und Nina, mit Sohn David und Schwiegersohn Kai Leclerc mit der burlesken Show «La Famiglia Dimitri» sogar am Broadway einen Grosserfolg. Dimitri, der Solokünstler, ist auch und vor allem Familienmensch.

Doch seine ganze Familie, das sind alle Menschen. In einem Buch über ihn erzählt der Journalist Hanspeter Gschwend, wie Dimitri und seine Tochter Masha 1985 auf einer China-Tournée zusammen mit anderen Menschen einem Mann zuhören, der in einem komplizierten, fesselnden Rhythmus eine Geschichte erzählt, begleitet von kurzen Trommelwirbeln. Fast pausenlos brechen die Zuhörer in hemmungsloses Lachen aus – Dimitri und Masha lachen mit, obschon sie kein Wort verstehen. Denn Komik braucht keine Worte. «Dieser Mann, die Trommel und das Volk ringsum, das ist die Ursituation des Komödianten», sagt Dimitri. Mit Humor könne man alles sagen. Das habe auch Shakespeare gewusst, «der zwischendurch einen Narren auftreten lässt oder einen Totengräber, der lustige Begebenheiten erzählt».

«Er hat uns alle beglückt»

«Il Clown è morto – evviva il Clown!» (Der Clown ist tot, es lebe der Clown!) war 1975 Dimitris erstes Stück überschrieben. Am Dienstagabend ist Dimitri nach kurzem Unwohlsein gestorben, noch am Montag hatte er mit seiner Familie in «DimiTRIgenerations» auf der Bühne gestanden. Ein grosser Clown lebt nicht mehr, der von sich gesagt hat: «Man muss bescheiden bleiben.» Der Clown ist tot, es lebe der Clown. Seine Kunst ist flüchtig, aber am Ende bleiben wundervolle Erinnerungen an einen einzigartigen Menschen. Oder, wie es gestern Bundesrat Alain Berset ausgedrückt hat: «Er hat uns alle beglückt.»