Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

KNIGGE: Pro und Contra: Siezen Sie noch oder duzt du schon?

Wer siezt, ist alt, steif, irgendwie scheintot. Oder zeigt er Respekt und Anstand? Die Wahrheit über das Siezen oder Duzen liegt in der Mitte.
Redaktorin Jolanda Riedener und Redaktionsleiter Rudolf Hirtl. (Bild: pd)

Redaktorin Jolanda Riedener und Redaktionsleiter Rudolf Hirtl. (Bild: pd)

In vielen Situationen fällt es uns gar nicht so leicht zu entscheiden, wann ein Du und wann ein Sie angebracht ist. Siezen kann auch ablehnend wirken. Und duzen kann auch nicht gewollte Nähe schaffen. So oder so, im privaten wie auch im beruflichen Umfeld treten wir mit der falschen Anrede ganz schnell in das sprichwörtliche Fettnäpfchen.

Pro: "Du heisst nicht, keinen Anstand und Respekt zu kennen"

(Jolanda Riedener, Redaktorin)

Geduzt wird man vor allem dort, wo man sich wohlfühlen soll. Wer in der Arbeitswelt mit dem Du auskommt, kommuniziert auf Augenhöhe. Das heisst aber nicht, dass der Respekt füreinander verloren geht. Die Höflichkeitsform ist jedoch veraltet und gehört deshalb abgeschafft. In städtischen Kaffees, Bars oder hippen Kleiderläden wird man selbstverständlich mit Hoi und Du angesprochen. Bei «Starbucks» fragt der Barista nach dem Vornamen – nie würde man Frau Müller auf dem Pappbecher lesen. So fühlt man sich persönlich angesprochen und auf Augenhöhe wahrgenommen. Freundliches Personal ist auch für jene wichtig, die verkaufen wollen. Wo man sich als Teil der Community fühlt, gibt man sein Geld gerne aus und kommt wieder.

Unter Handwerkern ist das Du ebenfalls gang und gäbe. Auf dem Bau konzentriert man sich auf die Sache, als Arbeiter sitzt man im glei- chen Boot, auf ein Geschwurbel von Höflichkeitsformen verzichtet man nur allzu gerne. Ganz anders bei der Bank, wo strikte Kleidervorschriften herrschen und auch auf das Sie besonders Wert gelegt wird. Die Banken täten vermutlich gut daran, ihr Konzept zu überdenken. Wer sagt, dass man in Jeans nicht genauso gut Finanzgeschäfte beraten kann? Angemessene Sprache und weniger Steifheit käme insbesondere bei jungen Kunden gut an.
Kinder müssen mit der Lehrerin oder dem Lehrer ein Vertrauensverhältnis aufbauen, um lernen zu können. Bestimmt würde das Du zu einem Abbau der Hierarchien beitragen und den Lernprozess begünstigen.

Die boomende Wirtschaft und die guten Sozialleistungen sind nur zwei Bereiche, in denen Schweden eine europaweite Vorreiterrolle hat. Auch die Höflichkeitsform gibt es im nordischen Land nicht. In vielen Teilen der USA ist man sprachlich lockerer. «Darling» oder «Honey» wird man auch von der fremden Serviererin im Diner liebevoll genannt. Ein Dilemma ist vor allem nicht recht zu wissen, wann das Duzen oder Siezen angemessen ist. Uneinigkeit gibt es auch bei der Frage, wer nach dem Du fragen darf. Den Schweizerinnen und Schweizern, die Fremden gegenüber ohnehin etwas distanzierter begegnen, würde es sicher gut tun, mehr zu duzen. Denn ein freundliches, warmes Du kommt respektvoller daher als ein kaltes, gehässiges Sie.

Contra: "Siezen, bis sich beide Seiten wirklich sicher sind"

(Rudolf Hirtl, Redaktionsleiter Rorschach)

Man muss nicht antiquiert sein, um bei privaten oder beruflichen Erstkontakten erst mal beim Sie zu bleiben. Es bietet einige Vorteile, wie respektvollen Umgang, sachliche Diskussionen oder eine Hemmschwelle für verbale Ausrutscher. Das Du muss nicht am ersten Tag sein.

Zugegeben: Es gibt wirklich handfeste Gründe für das Du. Stellen Sie sich vor, abends im Sportverein. «Geschätzter Herr Ramseier, wären Sie so gütig und machen nochmals zehn Liegestütze, aber diesmal bitte mit korrekter Körperhaltung» – Damit wäre Ruedi – so heisst der Herr Ramseier mit Vornamen – von seinem Trainer vermutlich nicht wirklich aus der Reserve zu locken. Um Sportler etwas über ihren normalen Laktatwert zu treiben, ist eine etwas persönlichere, direktere Sprache wirkungsvoller. Etwa so: «Nochmals zehn, den Hintern nicht durchhängen lassen, mehr Körperspannung, sonst macht ihr nochmals zwanzig.» Das musste übrigens auch Louis van Gaal lernen, der sich 2010 von seinen Spielern beim FC Bayern siezen liess. Die Münchner haben sich denn auch rasch von ihm getrennt. Und auch auf der Baustelle ist das Du normal. Kaum ein Handwerker fordert seinen Kollegen auf: «Herr Meier, können Sie mir bitte mal den Hammer reichen?»

Aber, auch wenn es in der Freizeit, beim Sport oder in der Szenekneipe üblich ist, sich ohne Umschweife zu duzen, die Standardanrede unter Erwachsenen sollte nach wie vor das Sie sein. Das Siezen hat nämlich gewichtige Vorteile, auch wenn diese Zeilen ein Journalist schreibt, in dessen Branche das Du üblich ist. Das Siezen erleichtert sachliche und kritische Diskussionen, es schafft die nötige Distanz für professionelles Arbeiten und es erhöht den Respekt und dadurch auch die Hemmschwelle für verbale Ausrutscher.

Wer einen anderen siezt, kann mit dem genauso vertrauensvoll zusammenarbeiten wie mit einem, den man duzt. Kommt man in der Firma aber am Duzen nicht vorbei, so sollte man konsequent sein. Wer die meisten Arbeitskollegen nämlich duzt und nur einige wenige siezt, der bringt gewollt oder ungewollt zum Ausdruck, dass er mit letzteren nicht sonderlich gut klar kommt. Am Ende ist die Sache mit dem Duzen oder Siezen eigentlich viel einfacher, als sie auf den ersten Blick scheint. Mit den Worten des deutschen Politikers Herbert Wehner: «Das können Sie halten, wie du willst.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.