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KINO: Mit wilder Lebenslust gegen Aids

Mit «120 BPM (120 battements par minute)» setzt Robin Campillo Frankreichs ersten Anti-Aids-Aktivisten ein filmisch packendes Denkmal.
Nachgespielte Szene einer bunten Act-Up-Demo. (Bild: Agora Films)

Nachgespielte Szene einer bunten Act-Up-Demo. (Bild: Agora Films)

Irgendwann blendet Robin Campillo in «120 BPM» eine alte Zeitungsseite ein. Sie zeigt zwei ­Bilder des «ersten» Aids-Opfers, des Amerikaners Kenny und ­seines Freundes. Auf der ersten Foto sind die beiden strahlend ­gesund und jung. Auf der einige Jahre später entstandenen zweiten Foto, ist Kenny schwer von der Krankheit gezeichnet. Es sind diese Bilder ein dokumentarisches Moment in einem Film, der auf historischem Hintergrund eine fiktive Geschichte erzählt. Sie ­haben etwas Gespenstisches an sich. Und spukhaft ist Aids damals tatsächlich über die Gesellschaft hereingebrochen: Anfang der 1980er-Jahre, in der nach der sexuellen Befreiung, nach 1968, den Hippies, dem Aufbruch von Frauen und Homosexuellen ­entfesseltste Zeit des 20. Jahrhunderts.

Die Epidemie verläuft schleichend. Doch zehn Jahre später schlagen die am stärksten Be­troffenen – Homosexuelle, Prosti­tuierte, Drogensüchtige – Alarm. Es bilden sich Anti-Aids-Bewegungen. Man geht auf die Strasse. Verlangt Aufklärung, kämpft gegen Ausgrenzung, fordert die Politik auf, zu handeln.

Robin Campillo, 1962 in Marokko geboren, seit 1983 studienhalber in Paris, bekommt alles hautnah mit. Er ist Mitglied von «Act Up-Paris», einer der heftigsten Aktivisten-Gruppe; legendär ist das pinke Kondom, das Act Up 1993 dem Obelisk des Place de la Concorde überstülpte. In «Act Up»-Kreisen spielt nun auch «120 BPM». Er verfolgt die Arbeit von Act-Up-Aktivisten, rückt ihre wöchentlichen Treffen sowie einige ihrer Aktionen ins Bild. Das Concorde-Kondom fehlt, aber einmal färbt sich, mindestens so beeindruckend, die Seine blutrot. Man stürmt die Büros einer Pharma-Fabrik, verteilt in Schulhäusern Flyers und nimmt an Gay Prides teil.

Wilde Party geht in Mikroaufnahmen von Viren über

Einmal laufen die Act-Up-Mitglieder als Cheerleader ver­kleidet mit. «Knowledge is a ­weapon», steht auf ihrem laut wummernden Wagen: Es ist eine wilde, vom Beat des Techno bestimmte Zeit: Campillo trägt ihren Geist ins Kino. Lässt seine Protagonisten zwischendurch minutenlang ­tanzen, die Leinwand beben, um aus der wilden Entfesselung ­gleitend in bild­hafte Poetik zu ­finden, den aufgewirbelten Dancefloor-Staub in faszinierend schöne Mikro­aufnahmen von Viren zu ver­wandeln: Die puzzleartige Erzählweise verpasst «120 BPM» einen packenden Sog. Campillo präsentiert die Geschichte von Act Up durchwoben von den Schicksalen einiger befreundeter Aktivisten: des Präsidenten Thibault (Antoine Reinartz), der aufmüpfigen Sophie (Adèle Haenel).

Vor allem aber fokussiert er auf Nathan (Arnaud Valois) und seine Geschichte mit dem quir­ligen Sean, der sich 15-jährig beim ersten Liebesakt ansteckte und leidenschaftlich gespielt von Nahuel Pérez Biscayart die schöne Seele dieses Films ist. «120 BPM» ist laut, heftig, schnell, findet aber immer wieder ebenso zu zärtlicher Intimität. Er lässt das Sterben nicht aus, strotzt gleichwohl aber von Lebenslust und vermittelt in betörender ­Weise, worum es bei dieser Sache immer auch geht: sich zusammen fürs Leben zu wehren.

Irene Genhart

ostschweizerkultur@tagblatt.ch

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