KINO: Ein letztes Goodbye

Eine wunderschöne Liebeserklärung an die fast vergessene grosse Hollywood-Schauspielerin Gloria Grahame.

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Es ist eine dieser kleinen, feinen, verrückten Geschichten, wie sie so schön nur das Leben und ­Hollywood zusammen schreiben können. Im Jahr 1979 begegnen sich im «Primrose Hill»-Hotel in London der Engländer Peter Turner und die Amerikanerin Gloria Grahame. Grahame, geboren 1923, hat in den 1940ern und 1950ern in Hollywood einige Triumphe gefeiert und war, meist als Femme Fatale besetzt, zweimal für den Oscar nominiert. 1953 hat sie die begehrte Trophäe als beste Nebendarstellerin in Vincente Minellis «The Bad and the Beautiful» mit nach Hause genommen. Danach allerdings ging es mit ihrer Karriere bergab.

Peter Turner, 29 Jahre nach ihr geboren, hat keine Ahnung, wen er vor sich hat, als Grahame ihn in der Hotellobby anspricht. «You’re the next door guy, right?», fragt sie und er, nicht auf den Mund gefallen, antwortet keck: «Das macht dich zum Mädchen von nebenan.» Sie lädt ihn auf einen Drink und fragt, ob er mit ihr eine Tanzszene übe. Für einen Drink, sagt er, würde er gar ihr Bad putzen, und folgt ihr aufs Zimmer. Er ist federleicht, dieser Dialog, anschliessend bringt Turner – gespielt von «Billy Elliot»-Star Jamie Bell, der noch immer ein toller Tänzer ist – Grahame zur Musik von «Saturday Night Fever» Disco-Dancing bei. Allmählich erst entdeckt er, von ­anderen darauf aufmerksam gemacht, wer Grahame wirklich ist. Bald flammt zwischen den beiden die Liebe lichterloh. Turner folgt Grahame nach Hollywood, zieht mit ihr – trotz Warnungen ihrer Mutter und Schwester – nach New York.

Er küsst ihr die Angst vor Alter von den Lippen weg

Doch «Film Stars Don’t Die in Liverpool» setzt Monate später erst ein. Peter, nach einem heftigen Streit nach England zurückgekehrt, steht in Liverpool auf der Bühne. Er hat von Gloria seit Monaten nichts gehört, als sie ihn aus London anruft und ihn um Unterschlupf in seinem Elternhaus bittet. Er kann es der gesundheitlich offensichtlich Angeschlagenen nicht abschlagen. Es liegt viel Zärtlichkeit, aber auch eine diffuse Sentimentalität in dieser von Erinnerungen durchbrochenen letzten Begegnung des ungleichen Paares, dessen Beziehung von ihrer Fragilität, ihrer Angst vor Alter und Zerfall so geprägt ist wie von der bodenständigen Unbekümmertheit, mit der er ihr diese von den Lippen wegküsst.

Mit Jamie Bell und Annette Bening in den Hauptrollen und der echten Gloria Grahame, die man in kurzen Einspielungen aus ihren Filmen auch zu sehen ­bekommt, ist Paul McGuigan ­geschmeidig inszeniertes Biopic eine wunderschöne Liebeserklärung an eine fast vergessene, grosse Schauspielerin.

Irene Genhart