Kindergarten mit Laptop

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Bernard Thurnheer
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Informationen werden heutzutags nicht mehr nur in den Zeitungen auf Papier verbreitet, sondern auch via Internet. Die Zahl der Anbieter ist damit sprunghaft angestiegen, und die bange Frage, die im Raum steht, ist die, wer denn das alles bitte schön noch lesen soll. Zeitungen liegen manchmal herum und werden von Menschen, denen es im Moment gerade langweilig ist, etwa beim Zugfahren, zur Kenntnis genommen. Informationen im Internet haben nebst vielen Vorteilen diesen einen Nachteil: Sie kommen nicht von selbst zum Menschen, dieser muss sie aktiv anklicken. Ein Detail? Überhaupt nicht! Daran geht derzeit der ganze Journalismus zu Grunde!

Wer mehr Klicks hat, gewinnt. Klicks haben und gelesen werden ist aber überhaupt nicht dasselbe. Damit ich möglichst viele Klicks bekomme, brauche ich entweder einen knalligen Titel, oder ich muss der Erste sein. Was dann unter dem Titel steht, das heisst der Inhalt, ist völlig egal, mit dem Anwählen der Seite ist der Erfolg des Redaktors bereits gesichert. Übertrieben? Leider nein! Es gibt Medienhäuser, die zahlen ihren Journalisten einen Bonus aus, wenn der es ordentlich hat klicken lassen! An den Olympischen Spielen in Rio im letzten Jahr wurde ich als Fernsehreporter selbst einmal interviewt. In den ersten neun Fragen ging es um Klima, Arbeitsbedingungen, Leistungen des Schweizer Teams usw. Ganz zum Schluss kam noch folgende Frage: «Da dies die letzten Spiele sind, an denen Sie kommentieren, werden Sie jetzt nach der Rückkehr Ihre Partnerin heiraten?» Meine Antwort: «Meine Partnerin hat mir beigebracht, dass ich nicht jede Frage beantworten muss.»

Genau so erschien dann das Interview auch, inklusive des Schlusses. So weit, so gut. Wie aber lautete der Titel des Interviews? «Beni Thurnheer über seine Heiratspläne!» Klick! Klick! Klick! Wahrscheinlich ist der betreffende Journalist für seine Mogelpackung noch gelobt worden. Ich aber frage mich: Ist das noch Journalismus? Ist das die vielbeschworene unverzichtbare vierte Gewalt im Staat, die unbedingt nötig ist, damit die Demokratie gewahrt ist? Konkurrenz mag ja in der freien Marktwirtschaft das Geschäft beleben, in diesem Fall führt sie es ad absurdum. Ein zweiter Killer ist die sogenannte Primeur-Jagd. Das höchste aller Gefühle für den Online-Journalisten ist es, mit einer Meldung der Erste zu sein. Das wäre tatsächlich eine gute Leistung, wenn es sich dabei um etwas Wissenswertes handeln würde. Bedauerlicherweise ist «der Erste sein» inzwischen ein Wert an sich geworden und der Inhalt der Meldung völlig unwichtig.

Ich habe das gerade selber wieder erlebt, als durchsickerte, dass ich ein Buch herausgeben würde. Zahlreiche Journalisten waren äusserst interessiert, allerdings unter einer Bedingung: Sie mussten das Buch als Erste bekommen. «Ich schicke es aber allen gleichzeitig.» – «Dann interessiert es mich überhaupt nicht mehr.» Diese (Online-)Journalisten interessierte der Inhalt des Buches gar nicht, sondern nur die Möglichkeit, sich selbst als Erste zu profilieren, natürlich mit einem aufsehenerregenden Titel. Ich befürchtete schon die Schlagzeile «Beni rechnet mit dem Fernsehen ab», auch wenn es im Buch gerade nicht darum geht ... Einer war derart beleidigt, nicht bevorzugt behandelt zu werden, dass er einen Kommafehler zum Hauptbestandteil seiner Buchkritik machte (übrigens zu Unrecht). Kein Witz, sondern Online-Journalismus 2017! Neulich las ich in einer Zeitung tatsächlich folgende Meldung: «Was wir gestern in unserer Online-Ausgabe bereits um 13.15 Uhr berichteten, wurde um 16 Uhr an der Pressekonferenz bestätigt: Spieler XY wechselt von A nach B.»

Für wen wurde dieser Satz geschrieben? Für den Chef? (Botschaft: War ich gestern gut!) Für die Kollegen der anderen Zeitungen? (Botschaft: Ätsch, ich war schneller als du!) Als Konkurrent hätte ich gekontert (ätsch, es hat dir aber nicht viel gebracht!). Die Replik wäre nicht ausgeblieben (jetzt aber schon!). Nochmals: Für wen wurde dieser Satz geschrieben? Für den Leser sicher nicht. Auf dieser Stufe ist Online-Journalismus wirklich nur noch Kindergarten mit Laptop!

Bernard Thurnheer

Sportreporter und Moderator