«Kinder wollen inspiriert werden»

Steffen Kirchner coacht Spitzensportler mit Mentaltraining und schreibt Bücher über Motivation. Von «Dressur» in Bildung und Erziehung hält er nichts. In zwei Wochen ist Kirchner zu Gast beim St. Galler Elternforum.

Bettina Kugler
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Spielerisch wachsen: Mannschaftssport stärkt und motiviert Kinder. Sie erfahren Wirksamkeit und Zugehörigkeit – unabhängig vom Resultat. (Bild: Urs Bucher)

Spielerisch wachsen: Mannschaftssport stärkt und motiviert Kinder. Sie erfahren Wirksamkeit und Zugehörigkeit – unabhängig vom Resultat. (Bild: Urs Bucher)

Herr Kirchner, Sie haben als Coach und Redner in Unternehmen und Schulen eine volle Agenda. Was motiviert Sie selbst am stärksten?

Steffen Kirchner: Erstens bin ich ein neugieriger Mensch; ich will immer besser verstehen, wie die Dinge laufen. Zweitens erlebe ich meine Arbeit als gestaltbar, ich kann frei und kreativ sein. Drittens ist sie sinnhaft, sie geht über mich hinaus, ich kann damit andere erreichen. Jeder Mensch möchte doch die Welt ein bisschen besser machen.

Worin sehen Sie denn Ihren persönlichen Beitrag dazu?

Kirchner: In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat sich die Leistungsgesellschaft erfolgreich durchgesetzt. Jetzt aber merken wir zunehmend: Die bewährten Systeme bröckeln, ob nun in der Politik, im Finanzwesen oder der Erziehung und Bildung. Die Welt verändert sich gerade enorm, und das schneller, als wir es bislang kannten. Veränderung ist Stress für das Gehirn. Wir werden uns ebenfalls ändern und neue mentale und emotionale Fähigkeiten erwerben müssen; das kann ich als Motivationstrainer unterstützen und begleiten.

Angenommen, Sie wachen morgens auf und haben überhaupt keine Lust dazu. Was tun Sie?

Kirchner: Ich lege mich wieder hin! Das hört sich jetzt lustig an, ist aber so. Allerdings kommt das höchstens zweimal im Jahr vor. Das hat etwas mit der schon angesprochenen Freiheit und Gestaltbarkeit zu tun. Man sollte sich sein Leben so einrichten, dass das die Ausnahme ist. Wer vier Wochen lang am Stück ferienreif ist, der lebt falsch. Mich treibt mehr an als Motivation, also die Energie, die einen durch den Tag bringt. Es braucht Inspiration, eine langfristige Lebensorientierung, die trägt. Wenn auch nicht jeden Tag gleich stark.

Einer Ihrer Lieblingssätze lautet: In jedem Mensch steckt Leistungsfreude. Was steht ihr im Weg?

Kirchner: Zum einen unsere innere Welt, zum anderen äussere Einflüsse; die Jammerer und Bremser in unserem Umfeld, die selbst keine Träume haben. Auf Dauer wird man zum Durchschnitt der fünf Menschen, denen man die meiste Aufmerksamkeit schenkt. Diese Umstände kann man aber auch überwinden mit innerer Stärke – ich denke da etwa an den Psychiater und KZ-Überlebenden Viktor E. Frankl und sein Buch «Trotzdem Ja zum Leben sagen». Die grössten Energiekiller sind ungestillte emotionale Grundbedürfnisse.

Können Sie das näher ausführen?

Kirchner: Wir brauchen Sicherheit, aber auch Abwechslung, wollen Wachstum erfahren und Bedeutsamkeit, Wertschätzung. Wichtig ist auch, sich zu einem Menschen oder einer Gruppe zugehörig zu fühlen und mitwirken zu können. Wenn uns etwas davon fehlt, suchen wir Ersatzbefriedigungen – bei Männern ist es oft die Arbeit, bei Kindern sind es die elektronischen Medien und Facebook. Die Motivation leidet. Wir sollten diese Grundbedürfnisse kennen und darauf achten, dass sie erfüllt werden, sonst werden wir krank.

Am St. Galler Forum halten Sie einen Vortrag zum Thema «Schluss mit der Dressur» halten. Was verstehen Sie darunter?

Kirchner: Die Erziehung durch Belohnung oder Strafe, wie beim Esel, der nicht laufen will. Ein Kind, das nicht hören wollte, bekam früher Hausarrest; man hat es unter Druck gesetzt. Das ist zum Glück aus der Mode gekommen. Das «Führen durch Möhren» aber nicht, obwohl es ebenfalls Dressur ist: lediglich ein äusserer Anreiz, etwas zu tun oder zu lassen. Es braucht intrinsische Motivation, um etwas gern und gut zu machen.

Soll man Kinder also nicht loben?

Kirchner: Lob kann motivieren, es sollte aber sehr dosiert eingesetzt werden, überraschend und persönlichkeitsbezogen sein. Ich muss das Kind also genau kennen und mich fragen: Worüber freut es sich, wie kann ich es begeistern? Es braucht Beziehung.

Kindern kann man nicht mit tollen Vorträgen Beine machen. Sie müssen viele Dinge tun, zu denen ihnen der innere Antrieb fehlt. Wie können Eltern sie dazu motivieren?

Kirchner: Kinder muss man inspirieren; sie zu «erziehen» bringt nichts. Sie wollen Erfahrungen machen, Geschichten hören. Man könnte überlegen: Welche Vorbilder haben Kinder? Es sind Sportler, Musiker, Menschen, die etwas bewegen. Schaut man sich ihre Biographien an, stellt man fest: Sie sind nicht mit dem Mikro in der Hand geboren, standen nicht immer auf dem Treppchen. Viele von ihnen haben mehr Erfahrung mit dem Scheitern als die Erfolglosen. Kinder, die solche Geschichten lesen, lernen, worauf es ankommt. Eine wunderbare Lebensschule ist der Sport – am besten ein Mannschaftssport.

Was halten Sie davon, wenn schon Primarschüler ihre Lernerfolge reflektieren sollen? Sind Wochenpläne und Zielvereinbarungen ein guter Weg, aus eigener Motivation heraus Leistung zu erbringen?

Kirchner: Dagegen spricht nichts, so lange es spielerisch ist. Kinder sind nicht ergebnis-, sondern erlebnisorientiert. Es geht ihnen ums Tun, ums Ausprobieren. Sie messen sich auch gern mit anderen. Mit der Zeit lernen sie, sich selbst einzuschätzen. Aber erst einmal müssen sie gute Beziehungen haben und glücklich sein. Das sollte man nie auf später verschieben und an erreichte Ziele koppeln.

Steffen Kirchner Mentalcoach und Motivationstrainer (Bild: pd)

Steffen Kirchner Mentalcoach und Motivationstrainer (Bild: pd)