Kinder am Handy

Zwei aktuelle Studien zum Medienverhalten von Jugendlichen und Kindern belegen eindrücklich, wie zentral das Handy in deren Lebenswelt ist. Die Rolle der Eltern in dieser Entwicklung ist entscheidend.

Michael Hasler
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Vor einigen Tagen ist die mittlerweile vierte James-Studie zum Medienverhalten von Schweizer Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren erschienen. Das Resultat: Die Jugendlichen verbringen im Vergleich zu den letzten drei Studien noch einmal mehr Zeit im Internet. Und sie benutzen statt Facebook lieber alternative soziale Netzwerke wie Snapchat. Gregor Waller, Co-Leiter der Fachgruppe Medienpsychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, sagt, dass er als Mittvierziger der bewusst infantil-trashig gehaltenen Ästhetik von Snapchat wenig abgewinnen könne. Er kann sich indes aber den Grund für den Erfolg der Applikation erklären: «Snapchat spielt mit der Magie des Flüchtigen, was die Inhalte authentischer und echter macht.» Dies passe zum Zeitgeist von heute. Fotos oder Videos sind bei dieser App ja nur ganz kurz verfügbar und verschwinden dann wieder. Gesprächsverläufe und Bilder werden nicht protokolliert. «Die Kommunikation erfolgt im Jetzt und liegt so auch näher bei der Alltagskommunikation der Jungen», sagt der Mitverfasser der James-Studie.

Erstmals die Eltern im Visier

Deutlich weniger Aufmerksamkeit als die James-Studie erregte in der Ostschweiz bisher die 2015 erstmals durchgeführte Mike-Studie, welche das Mediennutzungsverhalten von in der Schweiz lebenden Kindern im Primarschulalter untersucht. Zudem wurde bei der Mike-Studie auch das Mediennutzungsverhalten der Eltern untersucht. Die Ergebnisse belegen den Verdacht, wonach das mediale Verhalten der Eltern stark mit dem Medienverhalten der Kinder im Primarschulalter korreliert. Oder wie es in der Studie heisst: Das Sprichwort «Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm» treffe auch auf die Mediennutzung von Eltern und ihren Kindern zu. Eltern und Kinder beeinflussen sich in ihrer Mediennutzung gegenseitig und nutzen oft die gleichen Medien ähnlich häufig (siehe Grafik). Die Lieblingsapps der Kinder sind übrigens Youtube, gefolgt von Whatsapp und Instagram.

Aber was folgern die Studienverantwortlichen aus den erstmals verfügbaren Zahlen? «Natürlich haben wir als Autoren der Studie damit gerechnet, dass die Kinder das Medienverhalten ihrer Eltern spiegeln, aber die Verknüpfung ist erstaunlich stark», sagt Gregor Waller. Was in der Konsequenz wohl heisst, dass Eltern ihr eigenes Medienverhalten überdenken sollten. «Das kann man so sehen. Die Befunde aus der Studie müssten Eltern darin bestärken, ihr eigenes Medienverhalten auch mit Blick auf ihre Kinder zu hinterfragen und, wenn nötig, bewusst zu steuern», sagt Medienpsychologe Waller.

Handy toppt bei Kindern den Fernseher

Ähnlich wie bei den 12- bis 19-Jährigen, übt das Handy auch auf die Primarschülerinnen und Primarschüler bereits eine schier magische Faszination aus. Auf die Frage nach den liebsten Medien toppt das Handy in der Studie sogar den Fernseher, gefolgt von Büchern, und erst auf Platz vier folgt das Internet. Dies überrascht umso mehr, als dass lediglich ein Teil der Primarschülerinnen und Primarschüler ein eigenes Handy besitzt. Fast jedes fünfte Kind dieser Altersgruppe besitzt bereits einen Internetzugang im eigenen Zimmer. Die Mike-Studie belegt, dass die Schweizer Haushalte extrem üppig mit Smartphones, Computer/Laptops, Internet und TV-Geräten bestückt sind. Die Werte liegen zwischen 95 und 98 Prozent. Allerdings werden die Geräte je nach sozioökonomisch unterschiedlichem Status und Bildung unterschiedlich eingesetzt. So befinden sich bei Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status häufiger ein Fernsehgerät und eine feste Spielkonsole im Kinderzimmer als bei Familien mit hoher Bildung.

Die Hälfte der 8- bis 9-Jährigen besitzt ein Handy

Die Mike- und die James-Studie belegen imposant, dass für Eltern und Kinder der Übertritt in die Oberstufe mit Blick auf das Handy ein Quantensprung ist. Rund die Hälfte der 8- bis 9-Jährigen besitzt ein Handy, ein Jahr später sind es bereits fast 70 Prozent. Ab Beginn der Oberstufenzeit sind es nahezu 100 Prozent. «Wir reden hier von einem Umkipp-Punkt . Gut möglich, dass die Eltern mit den längeren Schulwegen wollen, dass ihre Söhne und Töchter besser erreichbar sind. Und natürlich wird auch der Wunsch der Jugendlichen nach einem Handy immer grösser», sagt Gregor Waller. In der Primarschulzeit sind Fernsehen, Musik hören und Bücher lesen die liebsten Medientätigkeiten der Jugendlichen und werden erstaunlich häufig gemeinsam mit den Eltern ausgeübt. Obwohl die klassische Bücher-Lesezeit im Oberstufenalter sinkt, ist Gregor Waller dennoch optimistisch: «Ich glaube, dass die Jugendlichen heutzutage insgesamt viel mehr lesen als früher, aber natürlich viel kürzere Texte und Nachrichten.» Gerade beim Übergang in die Oberstufe bestehen bei den Eltern viele Unsicherheiten. So melden die befragten Eltern zurück, dass nebst den Medieninhalten – namentlich Gewalt und Pornographie – das Finden der eigenen Elternrolle die grösste Sorge im Bereich der Mediennutzung sei.