Kesb schuldlos an Kindstötung

Zwei Gutachten zum «Fall Flaach» lassen den Schluss zu: Die Kesb trägt keine Schuld an der Kindstötung. Sie hätte aber besser kommunizieren sollen.

Deborah Stoffel
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Nino Cozzio St. Galler Stadtrat Direktor Soziales und Sicherheit (Bild: pd)

Nino Cozzio St. Galler Stadtrat Direktor Soziales und Sicherheit (Bild: pd)

Der Auftritt der Zürcher Justizdirektorin Jacqueline Fehr (SP) liess erkennen, wie viel Gewicht sie dem Thema beimisst. Zusammen mit ihr stellten drei Experten und zwei Behördenmitglieder die Erkenntnisse und Lehren aus der als «Fall Flaach» bekannt gewordenen Kindstötung vor. Grundlage für diese Erkenntnisse sind je ein Gutachten über das Handeln der zuständigen Kesb und über die Mutter der getöteten Kinder sowie eine interne Überprüfung der Untersuchungshaft der Mutter.

Fall löste massive Kritik aus

Die 27-Jährige hatte am Neujahrstag 2015 ihre zwei kleinen Kinder getötet. Der Fall erschütterte die Öffentlichkeit und zog harsche Kritik gegenüber der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) nach sich. Nach wie vor steht der Vorwurf im Raum, bei der Kesb würden Juristen und Psychiater realitätsferne Entscheide fällen, ohne die privaten Umstände der Betroffenen wirklich zu kennen. Kritiker idealisieren das Vormundschaftswesen der Gemeinden, das 2013 durch die Kesb abgelöst wurde.

Die Kesb hatte diese Massnahme im «Fall Flaach» angeordnet, zwei Monate vor dem Tötungsdelikt, weil die Eltern damals verhaftet wurden. Die Mutter durfte nach Entlassung aus der Untersuchungshaft die Kinder über die Weihnachtstage vorübergehend zu sich nach Hause nehmen. Ihr Antrag beim Bezirksrat, sich auch nach den Festtagen vorläufig selber um die Kinder zu kümmern, scheiterte jedoch. Am Neujahrstag informierte die Anwältin ihre Mandantin per E-Mail über diesen negativen Entscheid. Am Abend desselben Tages beging die Mutter die Tat, die sie später gestand. Im August 2015 nahm sich die angeklagte Frau in Untersuchungshaft das Leben.

«Vertretbar gehandelt»

Angesichts der Tragweite des Falls gab die Zürcher Justizdirektion eine unabhängige Untersuchung in Auftrag. Das Resultat haben die Gutachter Kurt Affolter, Fürsprecher und ehemaliger Leiter des Vormundschaftsamts der Stadt Biel, und der Kinder- und Jugendpsychologe Martin Inversini gestern vorgestellt. Das Fazit: Die Kesb Winterthur-Andelfingen habe vertretbar gehandelt, als sie den Eltern die Obhut der Kinder entzogen und diese in einem Heim plaziert hatte. «Die Tat der Mutter war nicht vorhersehbar», sagte Inversini.

Gleichzeitig weist die Untersuchung des behördlichen Vorgehens aber auch auf drei Mängel hin. Zum einen habe die Kesb eine Vertretung der Kinder durch einen Anwalt nicht überprüft. Weiter hätte die superprovisorische Massnahme des Obhutsentzugs früher in eine ordentliche vorsorgliche Massnahme umgewandelt werden müssen. Das hätte der Mutter eher klar gemacht, dass sie die Kinder vorläufig nicht selber betreuen kann.

Mutter lebte in Scheinwelt

Zudem anerkennt das Gutachten, dass die Behörden den Eltern und Grosseltern das Vorgehen der Kesb besser hätten erklären müssen.

Ein zweites Gutachten erstellte der Gerichtspsychiater Frank Urbaniok überdie Mutter der getöteten Kinder. Ihr Verhalten sei geprägt gewesen von einem «instabilen Realitätsbezug»: Wahrsei für sie gewesen, was sich gut angefühlt habe. Sie habe sich in eine Scheinwelt zurückgezogen. Der Obhutsentzug durch die Kesb habe sie mit der Realität konfrontiert. Weil sie den Machtkampf mit der Behörde zu verlieren befürchtete, habe sie nur einen Ausweg gesehen: die Kinder zu töten.

«Die Kesb hatte aus meiner Sicht keine Chance, diese Persönlichkeitsmerkmale der Mutter wahrzunehmen.» Als besonders tragisch, wenn auch nachvollziehbar, bezeichnete Urbaniok, dass die Kesb die Kinder nicht den Grosseltern gab. Sie seien bereitgestanden, quasi als Reserve-Eltern.

Verbesserungen bei Untersuchungshaft

Das Amt für Justizvollzug hatte die Umstände der Untersuchungshaft der Mutter nach ihrem Suizid im August 2015 überprüft. Es will folgende Bereicheverbessern: Zusätzliche Arbeits- und Aufenthaltsräume für Inhaftierte; ihre Angehörigen sollen sie nicht nur durch eine Glaswand getrennt besuchen können und das gesamte Aufsichtspersonal soll im Bereich Suizidprävention geschult werden.

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