Keine Playboy-Brüste

«Nicht die Modemagazine entscheiden, was schön ist. Auch nicht die Männer. Das weiss ich aus Erfahrung. Seit dreissig Jahren arbeite ich als Facharzt für plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie. Nie brachte eine Patientin ein Foto mit und sagte: <So will ich es haben.

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Jan Poëll, Facharzt für plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie, in seiner Praxis in St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Jan Poëll, Facharzt für plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie, in seiner Praxis in St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

«Nicht die Modemagazine entscheiden, was schön ist. Auch nicht die Männer. Das weiss ich aus Erfahrung. Seit dreissig Jahren arbeite ich als Facharzt für plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie. Nie brachte eine Patientin ein Foto mit und sagte: <So will ich es haben.> Und in all den Jahren suchten mich nur zwei Patientinnen auf, deren Gatten sie zu Facelift und Brustvergrösserung drängten. In solchen Fällen operiere ich nicht. Ich rate, den Mann zu wechseln.

Zuerst lasse ich die Patienten reden. So lässt sich verhindern, dass ich jemanden auf seine Nase anspreche, obwohl er wegen eines Knöllchens am Ohrläppchen einen Termin vereinbart hat. Er ginge mit zwei statt einem Problem nach Hause. Dieses Beispiel zeigt, wie individuell Schönheit ist. Es gibt keine Norm – dafür viele Vorurteile. So mag es erstaunen, dass ich Brüste häufiger verkleinere als vergrössere. Andere Patienten lassen sich die Bauchdecke straffen, nachdem sie stark abgenommen haben. Und wiederum andere kommen wegen einer Narbe zu mir, die weg muss – weil sie eine Geschichte erzählt, die sie nicht mehr ertragen. Manchmal stört sich eine Frau an zu grossen Schamlippen. Oft ist das ein mechanisches Problem. Ragen die Schamlippen zu weit hervor, verklemmen sie sich in der Hose.

Es gibt kulturelle Unterschiede. Ein Arbeitskollege von mir wohnt in Brasilien. Die Hälfte seiner Patientinnen lässt sich das Gesäss vergrössern. Rund und prall muss es sein. In Istanbul hingegen lassen sich viele ihre Hakennase korrigieren. Im Gesicht gilt der Goldene Schnitt als ideal, ein bestimmter Abstand von Auge zu Auge und Auge zu Mund. Er interessiert mich nicht. Ich empfinde ein leicht asymmetrisches Gesicht als spannender.

Ein Drittel der Leute, die mich aufsuchen, schicke ich wieder nach Hause. Weil die Chemie nicht stimmt, weil sie sich eine Brust wie aus dem Playboy-Magazin wünschen. Gute ästhetische Chirurgie sieht man nicht.

Wenn eine Frau bei Blickkontakt nicht sofort wegschaut, wenn sie sich elegant bewegt, so ist das schön. Die Augen machen viel aus. Schönheit kommt von innen, nicht von aussen. Das zeigt sich bei Schwangeren. Auch wenn ihr Körper unförmig ist: Ich habe noch keine Schwangere gesehen, die nicht schön ist. Sie strahlt etwas Besonderes aus.

Ob ich mich schön finde? Ich bin zufrieden. Innere Balance ist eine der Grundlagen für Schönheit. Ich bemühe mich darum – etwa indem ich viel Sport treibe. Mein Tip: Nicht übertreiben, nicht zwangsmässig auf etwas verzichten, was das Leben bietet.» Notiert: Diana Bula

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