«Keine Menschen im Abseits»

Der Psychiater Udo Rauchfleisch ist der Ansicht, dass Homosexualität heute wesentlich besser akzeptiert wird. Dennoch akzeptieren viele Eltern immer noch nur schwer, wenn ihr Sohn schwul oder ihre Tochter lesbisch ist.

Rolf App
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Schwieriges Verhältnis. (Bild: Trix Niederau)

Schwieriges Verhältnis. (Bild: Trix Niederau)

Herr Rauchfleisch, die Rechtskommission des Ständerates will die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare öffnen. Diese Nachricht kommt kurz nach kritischen Aussagen des Churer Bischofs zur Homosexualität. Kann man daraus schliessen, dass Schwule, Lesben und Bisexuelle heute in breiteren Kreisen der Gesellschaft akzeptiert werden als früher, Herr Rauchfleisch?

Udo Rauchfleisch: Ja, das kann man. Dass gesamtgesellschaftlich mehr Akzeptanz besteht, zeigen zum einen die gesetzlichen Regelungen – und zum andern die Reaktionen in der Öffentlichkeit auf die Aussagen des Churer Bischofs Vitus Huonder. Auch von Seiten der Kirchen.

Umgekehrt hat Bischof Huonder aus konservativ-bibeltreuen Kreisen viel Unterstützung erhalten. Warum gerade aus dieser Ecke?

Rauchfleisch: In konservativen und sogenannt bibeltreuen Kreisen geht es nicht in erster Linie um Homosexualität, sondern um die Sexualmoral insgesamt. Sie hegen die Befürchtung, die gesamte Sexualmoral würde sich auflösen, wenn man in der Homosexualität irgendwelche Zugeständnisse machen würde. Gerade in katholischen Kreisen ist die Angst nicht unbegründet, dass alles nachrutscht, wenn man da an einem Fädchen zieht, um es einmal so auszudrücken. Da geht es nicht mehr um Homosexualität, sondern um Sexualmoral generell, um Verhütung, um Frauenordination. Nur bringt es nichts, wenn man sich an das Alte klammert. Auf die Dauer kann das nicht gut gehen.

Wie steht es denn um den Umgang mit Bisexualität?

Rauchfleisch: Das ist ein interessantes Phänomen. Bisexuelle stehen unter Beschuss von beiden Seiten. Heterosexuelle sagen ihnen: Nun hört doch auf mit euren Eskapaden und gebt zu, dass ihr heterosexuell seid. Von lesbisch-schwuler Seite müssen sie sich dagegen die Aufforderung gefallen lassen, sie sollten sich nicht verstecken hinter heterosexuellen Beziehungen. Beides wird bisexuellen Menschen absolut nicht gerecht. Die Grösse dieser Gruppe ist schwer zu eruieren, aber ihre Zahl dürfte nicht klein sein.

In Ihrem Buch «Schwule – Lesben – Bisexuelle» deuten sie die Abwehr von Homosexualität als einen Ausdruck von Angst. Warum sitzt diese Angst so tief?

Rauchfleisch: Der eine Grund für die Angst liegt darin begründet, dass eigene homosexuelle Orientierung abgewehrt wird. Das spielt gerade im Fall der katholischen Kirche oft eine Rolle. Ein weiterer Grund hängt mit der Emotionalität zusammen: In die gleichgeschlechtliche Beziehung fliesst viel Emotionalität ein. Es wird da eine Zärtlichkeit gelebt, die traditionellen Männerrollen entgegensteht. Rollenvorstellungen werden auf den Kopf gestellt, und mit ihnen auch die Familienbilder. Wenn dann die Forschung noch ergibt, dass das Leben in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften oft befriedigender ist als in heterosexuellen, dann hängt das damit zusammen, dass diese Paare ihre Rollen egalitärer leben als traditionelle heterosexuelle Paare.

Gerade junge Männer entwickeln manchmal eine scharf ablehnende Haltung gegenüber Homosexuellen. Warum ist das so?

Rauchfleisch: Am ablehnendsten verhalten sich junge Männer aus fundamentalistischen Familien – etwa vom Balkan und aus islamischen Staaten. Für sie stellt es auch ein enormes Risiko dar, wenn sie sich als homosexuell outen. Jugendliche rufen einander auch durchaus «schwule Sau» nach, selbst in einem Alter, da sie noch gar nicht wissen, was das ist. Aber es gibt auch starke Strömungen, welche etwa in der äusseren modischen Erscheinung die Unterschiede zwischen Hetero- und Homosexualität verwischen.

Man hat den Eindruck, dass immer weniger Schwule und Lesben ihre Neigungen verheimlichen. Nicht selten sind es Prominente, die dies bei sich öffentlich machen. Was löst das aus in der Gesellschaft?

Rauchfleisch: Ganz sicher hat das einen positiven Effekt. Lesben und Schwule sind keine Menschen im Abseits, sondern es sind Menschen wie du und ich. Je mehr von ihnen sichtbar werden, umso stärker normalisiert sich das Bild von ihnen.

Kann man aus dieser Normalisierung den Schluss ziehen, dass es heutigen Eltern leichter fällt, zu akzeptieren, wenn ihr Sohn schwul oder ihre Tochter lesbisch ist?

Rauchfleisch: Nicht generell. Man könnte zwar angesichts der Popularität von Homosexualität und Bisexualität annehmen, dass Eltern sich damit nicht so schwer täten. Aber Untersuchungen zeigen, dass ein Coming-out für Jugendliche immer noch enorm schwer ist. Depressivität und Angststörungen, auch Suizidalität sind unter gleichgeschlechtlichen Jugendlichen nach wie vor höher als unter heterosexuellen. Das Verhalten der Eltern hängt sehr davon ab, welche Haltung sie gegenüber Homosexualität haben. Sie machen das Coming-out ja mit ihren Kindern zusammen durch. Da kann es enorme Ängste geben. Deshalb habe ich auch einen Ratgeber für sie geschrieben.

Werfen Sie einmal einen Blick in die Zukunft: Wird sich die Einstellung gegenüber schwulen Männern, lesbischen Frauen und bisexuellen Männern und Frauen weiter entspannen?

Rauchfleisch: Ich will mal vorsichtig sein. In den letzten zwanzig Jahren ist es wesentlich besser geworden hinsichtlich Akzeptanz. Aber es kann durchaus Umstände politischer oder ökonomischer Art geben, in denen das Pendel auch wieder zurückschlagen kann.

Udo Rauchfleisch Emer. Professor an der Uni Basel für Klinische Psychologie (Bild: pd)

Udo Rauchfleisch Emer. Professor an der Uni Basel für Klinische Psychologie (Bild: pd)