(K)ein Volk von Skifans

Bis aus den Schweizern wenigstens für ein paar Jahre eine echte Ski-Nation wurde, brauchte es zwei Weltkriege, einen skibegeisterten General und viele Medaillen.

Katja Fischer De Santi
Merken
Drucken
Teilen
Sie bauchfrei, er im Hemd und mit pinken Ski, so warb Stöckli während des Ski-Booms Ende der 60er-Jahre. (Archivbild: Stöckli Swiss Sports AG)

Sie bauchfrei, er im Hemd und mit pinken Ski, so warb Stöckli während des Ski-Booms Ende der 60er-Jahre. (Archivbild: Stöckli Swiss Sports AG)

Mit drei übten wir die ersten Schwünge zwischen Vaters Beinen, mit sechs wurden wir in die Skischule geschickt, mit zehn ins Skilager – und hiess es «Pulver gut» dann quetschte sich die Familie morgens um sechs ins Auto, um spätestens um halb neun in der Schlange an der Talstation zu stehen. Fürs Skifahren reichte das familiäre Budget in den 1980er-Jahren irgendwie immer. Gespart wurde an den Sommerferien. Da war nix mit Meer, nix mit all-inclusive in Tunesien. Eine Schweizerin kann Ski fahren. Daran pgab es in meiner Kindheit keinen Zweifel.

Das ist 25 Jahre her und entspricht nicht mehr ganz der Realität. Zwar gibt gut ein Drittel der Schweizerinnen und Schweizer an, Ski zu fahren, doch sie tun dies weniger oft und gerne auch im Ausland.

Die Tourismusbranche jammert denn auch seit Jahren, dass Familie Schweizer zu wenig Wintersport betreibe und dass Immigrantenkinder ohne Skilager-Obligatorium dem Ski-Virus niemals erlägen und lieber Fussball spielen würden. Dies obwohl der Anteil einheimischer Wintergäste in den Alpen steigt (54 Prozent im Jahr 2012/2013). Doch gerade in Zeiten des schwächelnden Euro und der fehlenden ausländischen Gäste sollen Schweizer Skifahrer dem regionalen Tourismus den Rücken stärken. Wer etwas in den Geschichtsbüchern blättert, dem kommen solche Sprüche bekannt vor.

Die Österreicher waren zuerst

Denn die Schweiz ist nicht etwa seit der Faltung der Alpen eine Ski-Nation, sie wurde mit viel Propaganda zu einer gemacht. Bis um 1930 war der Unterländer «gottenfroh», hatte er des Winters nichts mit diesen Bergen zu tun. Dort drohten nur Lawinen, beissende Kälte und permanente Rutschgefahr.

Es brauchte schon die für ihre sportliche Extravaganz bekannten Briten, um die neuartigen Alpinski (Made in Österreich!) in den 1920er-Jahren an den hiesigen Hängen zu testen. So gilt etwa der Engländer Sir Arnold Lunn als Vater der Slalom- und der Abfahrtsdisziplin. 1922 steckte er den ersten offiziellen Slalom der Skigeschichte am Lauberhorn – notabene für die britische Skimeisterschaft. Als es Lunn 1930 gelang, Slalom und Abfahrt als Skidisziplinen beim FIS-Kongress in Oslo anerkennen zu lassen, und er den ersten Alpinen-Weltcup ins Berner Oberland holte, erwachte die Ski-Nation Schweiz langsam aus ihrem Winterschlaf.

Die armen, blassen Kinder

Doch es brauchte den Ersten und den Zweiten Weltkrieg, geschlossene Grenzen, Weltwirtschaftskrisen und immer mal wieder einen zu starken Franken, bis die Schweizer Fremdenverkehrsindustrie das Potenzial der Einheimischen erkannte.

In der Broschüre der Vorläuferorganisation von Schweiz Tourismus wurden Eltern 1936 aufgefordert, ihre Kinder vom «Segen des Bergwinters» und der «reinen Luft» profitieren zu lassen. «Wer seine elterliche Pflicht wahrnehme, könne miterleben, wie blasse, schwache Kinder aufblühten und bald braungebrannte Pausbacken hätten», fasst Autor Michael Lütscher, in seinem Buch «Schnee, Sonne und Stars», die damalige Propaganda zusammen.

Heizferien in den Bergen

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach und ausländische Touristen, aber auch Benzin und Kohle Mangelware wurden, führte der Bund «Heizferien» ein. Menschen, die wegen des Kohlemangels nicht arbeiten können, sollen in die Berge fahren und sich von der Sonne heizen lassen. «Macht Ferien! Schafft Arbeit!», rief Bundesrat Enrico Celo 1940 der Bevölkerung zwecks geistiger Landesverteidigung zu.

Es war dann aber ein anderer Schweizer, der das Skifahren zum Nationalsport machte. General Henri Guisan erklärte 1940 das Skifahren als ideale Tätigkeit, um physisch und moralisch Kräfte zu tanken, die es zur Landesverteidigung brauche. Kleines Detail am Rande: Henri Guisans Sohn war zu eben diesem Zeitpunkt Präsident des Schweizerischen Skiverbandes (SSV), Guisans Frau leitete 1943 eines der frühen Jugendskilager in Engelberg.

Eine patriotische Pflicht

Tourismusbranche und Armee hatten nun ein gemeinsames Ziel: Skifahren soll zur patriotischen Pflicht werden. Es lenkt ideal von den Kriegswirren ab, stärkt die schwachen Bergregionen, sorgt für patriotischen Zusammenhalt und ist auch noch gesund (von der hohen Unfallquote einmal abgesehen).

Was nun folgte waren die wohl erfolgreichsten Werbekampagnen in der Schweizer Tourismusgeschichte. «Gesunde Jugend, wehrkräftiges Volk durch Wintersport», heisst es auf einem Werbeplakat aus dieser Zeit. Der Tourismusverband liess einen Film mit dem Titel «Ein Volk fährt Ski» drehen. 100 000 Menschen sahen ihn in den Kinos. Der Skiverband startete zeitgleich mit den ersten Jugendskilagern und verteilte gratis Skiausrüstungen an arme Familien.

Die Propagandawelle wirkte. Auch ohne ausländische Gäste hatten die Hotel- und Kurbetriebe im Winter 1943/44 fast 90 Prozent der Frequenzen der Vorkriegsjahre erreicht. Was auch daran gelegen haben könnte, dass das kriegerische Ausland nicht gerade zum Ferienmachen einlud.

Ski-Virus erfolgreich injiziert

Ganz bestimmt aber klang der damalige Slogan «Das ganze Volk fährt Ski» noch bis weit in die Nachkriegsjahre hinein nach. Der Ski-Virus war erfolgreich injiziert. Obligatorische Skilager (via Jugend+Sport vom Bund subventioniert) und ein grosszügiger Infrastrukturausbau in den Bergregionen trugen dazu bei, dass in den 1970er-Jahren scheinbar fast die ganze Schweiz Ski fuhr.

Wer es nicht tat, der verfolgte zumindest zu Hause am Bildschirm wie Bernhard Russi, Marie-Theres-Nadig, Pirmin Zurbriggen, Vreni Schneider und Maria Walliser auf ihren Latten der Welt davonfuhren. Zehn Medaillen an den olympischen Winterspielen in Sapporo und sagenhafte 15 Medaillen 1988 in Calgary machten aus dem Land mit den vielen Bergen eine Nation, die weiss, wie man von diesen am schnellsten herunterfährt.

Und dann kam Albertville

Der alpine Skisport prägt ein zweites Mal das Nationalgefühl. Doch dann kamen Albertville (drei Medaillen!), die Snowboarder, Billigflüge nach Tunesien, ein gerissenes Kreuzband, grüne Winter, andere Hobbies. Die Ski begannen im Keller zu rosten, die Ferienwohnung wurde verkauft. Doch an besonders nebligen Tagen im Flachland ertappt man sich beim Gedanken, dass der General schon Recht hatte mit dem «Segen des Bergwinters». Und dass man seinen blassen Kindern die Sonne, aber auch die kalten Hände, die feuchten Socken und das unglaubliche Gefühl, im Tiefschnee die ersten Schwünge zu ziehen, nicht vorenthalten sollte.