Kein Staub, aber Patina

Buch Die Schweiz ist reich an historischen Hotels. Heute sind sie Zufluchtsorte für Menschen mit Musse und Sinn für Kultur und Geschichte.

Markus Rohner
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Das Waldhaus in Sils: Eines der 47 historischen Hotels der Schweiz, die im Buch vorgestellt werden. (Bild: Ralph Feiner)

Das Waldhaus in Sils: Eines der 47 historischen Hotels der Schweiz, die im Buch vorgestellt werden. (Bild: Ralph Feiner)

Wie ein Monolith aus längst vergangenen Zeiten steht das Hotel Waldhaus in Sils Maria in der Oberengadiner Seenlandschaft. Eine Hotelburg im Wald über dem Dorf, die seit Eröffnung vor über 100 Jahren im Besitz der gleichen Familie ist. «Raum und Zeit sind unser Luxus», sagt Felix Dietrich-Kienberger von der Besitzerfamlie. Und er meint das nicht einmal esoterisch, sondern aus voller Überzeugung.

Das Waldhaus in Sils mit seiner imposanten Hotelhalle, dem eindrucksvollen Treppenhaus, den zahlreichen Jugendstilleuchten und den Hotelzimmern, die jeden Gast auf eine historische Zeitreise mitnehmen, ohne ihm modernen Komfort vorzuenthalten, ist eines jener altehrwürdigen Hotels, die in der Schweiz nicht der Moderne zum Opfer gefallen sind. 47 dieser Häuser sind seit 2004 in der Organisation Swiss Historic Hotels (SHH) zusammengeschlossen. Vom Grandhotel in der Grossstadt über das Schloss am See und das Holzchalet in den Bergen bis zum Klosterhotel auf der Insel und das Palazzi an der Grenze zu Italien. Jedes von ihnen ist ein Unikat. Aber alle haben das gleiche Motto: «Kein Staub, aber Patina». Das Hotel Wartegg in Rorschach und das Landvogthaus in Nidfurn GL sind zurzeit die zwei Ostschweizer Hotels in der SHH-Gruppe.

Ein Buch als Führer

«Ein Glück, dass sich die Schweiz wieder vermehrt ihrer touristischen Vergangenheit mit den vielfältigen historischen Zeitzeugen besinnt», sagt Felix Dietrich. Auf kleinstem Raum gebe es kulturelle, historische und naturkundliche Schätze zu entdecken. Mit dem Buch «Zeitreisen» hat die SHH jetzt einen reich bebilderten Leitfaden herausgegeben, der die Interessierten zu all diesen Kostbarkeiten quer durch die Schweiz führt. Entstanden sind interessante und abwechslungsreiche Reisen entlang von Flüssen und Seen, hinauf auf Berge und Gletscher, durch Städte und Dörfer – immer mit dem Ziel vor Augen, in einem dieser historischen Häuser abzusteigen. Ein emotionales Erlebnis voller Tradition und Geschichte.

Gespickt ist das Buch mit Geschichten aus der Tourismus- und Kulturgeschichte des Schweizer Alpenraums. So erfährt der Leser, dass der Schweizer Heimatschutz noch 1951 Schoggitaler für die Hotels auf Rigi Kulm verkaufte, nicht um sie zu retten, sondern um sie zu beseitigen. Das heruntergekommene Grandhotel und das Regina Montium waren «Unmöbel», die den Rigi-Gipfel verschandelten.

Historisches zieht Gäste an

Mit 47 Mitgliedshäusern hat die SHH-Gruppe ihren Plafond bald einmal erreicht. «Es gibt in der Schweiz nicht mehr viele Hotels, die zu unserer Gruppe passten», sagt Dietrich. Viele alte Hotels wurden abgerissen, andere zu Tode saniert. Für das Waldhaus in Sils ist die Rechnung aufgegangen. Dietrich: «Bei uns logieren mehr Gäste, die diese historische Substanz suchen. Auch neue, die vorher nicht wussten, dass sie bei uns Geschichte erleben können.»

Mit der Gründung dieser Hotelgruppe haben die Hoteliers den Nerv der Zeit getroffen. Authentizität, Tradition und regionale Verwurzelung sind gefragte Werte. So attraktiv und begehrt Mondänes und Modernes geworden sind, ein Aufenthalt in einem historischen Schweizer Hotel ist für viele Reisende mehr wert als eine Nacht irgendwo in einem modernen Hilton- oder Ramadan-Hotel.

Zeitreisen – Unterwegs zu historischen Hotels der Schweiz. Mattenbach Verlag 2013, 232 S., Fr. 82.–