Kein Schwein ruft mehr an

Noch nie hatten so viele Menschen ein Handy wie heute. Doch telefoniert wird damit immer weniger. Kurznachrichten haben dem Anruf längst den Rang abgelaufen. Doch warum schreiben wir lieber als miteinander zu sprechen?

Katja Fischer De Santi
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Teenager bringen es auf bis zu 70 Kurznachrichten pro Tag! Telefonieren hingegen, das tun sie nur, wenn es dringend ist oder emotional wird. (Bild: ky/Christian Beutler)

Teenager bringen es auf bis zu 70 Kurznachrichten pro Tag! Telefonieren hingegen, das tun sie nur, wenn es dringend ist oder emotional wird. (Bild: ky/Christian Beutler)

Was haben wir früher am Telefonhörer gehangen. Bis das Ohr rot glühte, der Arm schmerzte – oder Mutter durchs Haus rief, dass es jetzt langsam wirklich genug sei, das koste im Fall. Scheint lange her. Damals, als das Telefon noch am Kabel hing und die PTT Telecom alleinige Herrscherin über Drähte und Verbindungen war. Damals, als das Klingeln des Telefons noch etwas bedeutete. Egal, wie angeregt das Gespräch, wie spannend der Film, wie heftig der Streit, das klingelnde Telefon hatte immer Vorrang.

Keine Zeit zum Telefonieren

Und heute? Kein Schwein ruft mehr an. Wenn bei uns zu Hause das Telefon klingelt, dann ist es entweder ein Umfrageinstitut oder unsere Verwandtschaft ersten Grades. Bei beiden überlegen wir uns jeweils gut, ob wir den Anruf annehmen sollen.

Nein, im Ernst; es ist einfach selten der richtige Zeitpunkt, um zu telefonieren. Irgendwas ist immer und die Ruhe weg zum Telefonieren haben wir sowieso erst, wenn die Kinder im Bett sind. Also werden Anrufe oftmals überhört oder ignoriert. Für dringende Fälle gibt es ja den Anrufbeantworter. Sonst tut es meist auch eine SMS oder eine WhatsApp-Mitteilung.

Ausser Haus ist die Sachlage nicht viel besser. Im Zug ist es zu öffentlich, im Auto verboten, am Bahnhof zu lärmig, beim Essen unanständig, während Sitzungen unpassend, beim Einkaufen zu stressig, um das Telefon abzunehmen.

Kommunikation verschriftlicht

Wir sind heute laut Umfragen durchschnittlich zweieinhalb Stunden täglich mit unserem Handy beschäftigt, nur telefonieren tun wir damit immer seltener. Stattdessen texten, chatten, surfen, lesen oder fotografieren wir mit dem Ding, was das Zeug hält. Das Mobiltelefon wird zusehends seiner einstigen Funktion enthoben, unsere Kommunikation verschriftlicht sich. Weltweit werden heute täglich über 41 Milliarden WhatsApp-Nachrichten verschickt. Teenager bringen es auf bis zu 70 Kurznachrichten pro Tag! Telefonieren, das ist für die jüngere Generation etwas Altmodisches. Die jährlich durchgeführte James-Studie der Swisscom zur Mediennutzung der 12- bis 19-Jährigen belegt dies eindrücklich. 2012 haben noch 81 Prozent der Jugendlichen zumindest mehrmals pro Woche telefoniert. Drei Jahre später sind es 15 Prozent weniger. Aber auch die ältere Generation telefoniert immer weniger.

Zu anständige Schweizer

Das passt zu uns zurückhaltenden Schweizern. Lieber jemandem mal kurz eine unverbindliche Nachricht schicken als direkt mit der Tür, ergo mit einem Anruf, ins Haus fallen. Zumal in der Schweiz das Telefonieren im Zug oder Restaurant, ja eigentlich generell im öffentlichen Raum auch nicht gerne gesehen respektive gehört wird.

Belästigung per Telefon

Auch ich getraue mich privat kaum noch jemanden anzurufen. Das könnte ja als Belästigung aufgefasst werden. Ich könnte die Person wer weiss wo erwischen. Und bei Menschen mit Kleinkindern empfiehlt sich das Telefonieren sowieso nie, irgendwer schreit im Hintergrund immer. Besser also eine kurze Nachricht schicken.

Die öffnen wir dann bequem, wann es uns passt – und antworten, wann es uns passt, überlegt und eloquent – oder auch nie. Das ist das grosse Problem der zeitversetzten Kommunikation. Alles kann aufgeschoben werden. «Hab grad keine Zeit, melde mich später.» Alles bleibt offen. Und auf eine Antwort wartet man nicht selten vergeblich. Da hilft dann nur noch der altmodische Anruf.

Zu emotional für eine SMS

Kommunikationsexperten und die ältere Generation weisen denn auch gerne darauf hin, dass ein Telefonat sehr viel verbindlicher sei, persönlicher. Dass man direkt eine Antwort erhalte. Dass ein Anruf viele Missverständnisse vorbeugen und lange E-Mail-Ketten überflüssig machen könne.

Ja, sobald es emotional, kompliziert oder sehr persönlich wird, ist das Telefon tatsächlich die bessere Wahl. Auch wenn eine Antwort dringend ist, ist eine SMS wohl eine schlechte Wahl. Andererseits ist das mit der schnellen Antwort am Telefon ja auch wieder so eine Sache. Zeit zum Überlegen bleibt am Hörer nicht wirklich. Nein zu sagen, fällt sowieso schwer. Also bleibt es oft bei vagen Aussagen. Und eine halbe Stunde später kommt dann die schriftliche Absage, per WhatsApp!

Weitverbreitete Telefonscheu

Mir tut es nicht sonderlich leid um das langsame Ende der Telefonie. Ich hab sie nie besonders gemocht. Ich spreche privat ungern mit Menschen, ohne sie zu sehen. Die ersten Sekunden eines Telefonats finde ich schlicht schrecklich.

Es sieht so aus, als sei ich mit dieser Scheu nicht allein. Mit einer Person zu sprechen, ohne sie zu sehen, ohne zu wissen was sie gerade tut, wo sie gerade ist, das passt vielen Menschen nicht. Ich glaube, die Scheu war schon immer da – und hat sich nun die passenden Kommunikationsformen geschaffen.