Kein Ohr mehr für die anderen

Jeder zwölfte in der Schweiz leidet unter Hörproblemen – im Alter ab 65 Jahren sogar jeder dritte. Doch viele lehnen Hörhilfen ab, obwohl Schwerhörigkeit zu sozialer Isolation führen kann. Implantate können auch helfen.

Andreas Lorenz-Meyer
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Der Prozess ist unumkehrbar. Mit zunehmendem Alter sterben die Haarzellen in der Gehörschnecke ab. Die klassische Ursache für einen Hörverlust. Laut pro audito schweiz ist hierzulande jeder dritte über 65 Jahren schwerhörig. Erste Anzeichen für Altersschwerhörigkeit zeigten sich oft schon zwischen 40 und 50. Zuletzt bestätigte die Eurotrak-Studie 2015, wie verbreitet Schwerhörigkeit in der Schweiz ist, nicht nur bei Älteren. Die repräsentative Befragung ergab, dass jeder zwölfte unter Hörproblemen leidet. Der Anteil der Personen, die etwas dagegen tun, liegt aber nur bei 41 Prozent. Doris Derungs von pro audito: «Betroffene lassen sich im Schnitt rund sieben Jahre zu spät mit Hörsystemen versorgen.»

Schwäche wird verdrängt

Dass sich viele dem Thema nicht stellen, sagt auch Thomas Linder, Chefarzt am Luzerner Kantonsspital: «Eine schleichende Hörverschlechterung wird am Anfang meist verdrängt. Der Patient erlernt selber, sich auf das Lippenablesen zu konzentrieren, meidet lärmige Umgebung und beschuldigt meist die anderen, undeutlich und zu leise zu sprechen. So sind es gerade bei älteren Patienten die Angehörigen, die den Betroffenen am Ende drängen, sein Hörvermögen untersuchen zu lassen. Die zweite Hürde ist dann die Entscheidung für ein Hörgerät. Viele wollen sich nicht damit zeigen.»

Dabei ist mit Schwerhörigkeit nicht zu spassen. Fehlende Versorgung führt zu sozialer Isolation, so Linder. Der Betroffene zieht sich zurück, meidet gesellige Anlässe, ermüdet rascher, weil er sich stark konzentrieren muss, um das Gesprochene zu verstehen. Am Ende kann es sogar zu depressiven Verstimmungen kommen. Eventuell nehmen ohne Hörgerät auch andere kognitive Leistungen früher ab. Linder fasst es so zusammen: «Den Prozess des Hörverlusts kann ein Hörgerät nicht beeinflussen. Aber eine zu späte Versorgung verschlimmert die direkten und indirekten Konsequenzen.»

Unsichtbare Hörgeräte

Phonak ist ein Schweizer Hörgerätehersteller, zur Sonova-Gruppe gehörend. Auch der Geschäftsführer von Sonova Schweiz, Luca Mastroberardino, sieht einen unnötigen Makel, der dem Hörgerät anhaftet. Die Versorgungsrate bei den unter 44-Jährigen ist aber deutlich gestiegen, so Mastroberardino. Was an den unsichtbaren Im-Ohr-Geräten liegt, welche die Akzeptanz von Hörgeräten erhöhen. Die Modelle sitzen ganz diskret im Gehörgang kurz vor dem Trommelfell. Hier müssen die Träger keine Angst um ihr Image haben. Das Im-Ohr-Gerät setzt ein Akustiker ein, eine Operation ist nicht nötig.

Bei ganz schweren Fällen kann ein Cochleaimplantat das Richtige sein. Diese elektronische Innenohrprothese wird an fünf Kliniken in der Schweiz operativ eingesetzt. Das Implantat wandelt den Schall in elektrische Impulse um, welche den Hörnerv im Innenohr (Cochlea) stimulieren. So nimmt der Träger wieder Sprache und Geräusche wahr. Das Implantat sitzt im Ohr, der dazugehörende Audioprozessor mit Sendespule befindet sich wie ein Hörgerät hinter dem Ohr.

Implantat hilft Kindern

Das Implantat kommt für Menschen in Frage, bei denen ein herkömmliches Hörgerät nichts nützt. Das können nach dem Spracherwerb ertaubte Kinder oder Erwachsene sein, genau wie gehörlos geborene oder frühertaubte Kinder. Bei ihnen sollte man jedoch so schnell wie möglich beidseitig operieren, weil der Spracherwerb von frühen Höreindrücken abhängt. Mastroberardino beschreibt die Möglichkeiten der Technik so: «Kinder, die ohne ein Cochleaimplantat taub wären, haben so viel Bewegungsfreiheit mit dem wasserdichten Gerät, dass sie sogar den Schwimmunterricht besuchen können.»

Mit Mikrophon

Im Berufsalltag reicht ein Hörgerät allein manchmal nicht. Konferenzen bringen Schwerhörige mitunter in schwierige Hörsituationen. In diesem Fall kann ein Mikrophon auf dem Konferenztisch die Gespräche einfangen und Hintergrundgeräusche herausfiltern, bevor es das Gesprochene zum Hörgerät weiterleitet. So kommt es klarer beim Empfänger an. Auch für die Freizeit gibt es Hilfsmittel. Hörgeräte lassen sich drahtlos mit dem Fernseher oder der Stereoanlage koppeln. Zudem werden Spezialtelefone für Schwerhörige angeboten. Derungs von pro audito empfiehlt, ein Hörgerät mit einer Telefonspule zu kaufen. Denn nur mit der lässt sich das Telefon auch nutzen.

Ein Hörgerät muss jedoch erst finanziert werden. Je nach Ausführung kostet es zwischen 500 und 3000 Franken oder noch mehr. Bei schwerhörigen Kindern übernimmt die IV in der Regel die Kosten. Bei Erwachsenen sieht es nicht so gut aus. IV und AHV kürzten 2011 die Pauschalen. Jemand, der bei Erstversorgung schon 65 ist, muss mit der AHV-Pauschale auskommen. Diese beträgt 630 Franken, jedoch nur für ein Ohr. Nötig sei aber, so Derungs, eine beidohrige Versorgung. Der Mensch ist schliesslich auf Stereohören ausgerichtet. Wem ein Hörgerät zu teuer ist, der kann sich über die Irma-Wigert-Stiftung Hilfe holen.