«Kassetten fand ich fabelhaft»

Vor 50 Jahren erblickte die Compact Cassette das Licht der Welt. Sie war der praktischste und robusteste Tonträger für Musik – bevor ihr CD und MP3 den Rang abliefen. Einige Erinnerungen von Popstars an die Kassetten.

Reinhold Hönle
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Verheddertes Tonband rollt man mit einem Bleistift schnell wieder auf. (Bild: fotolia)

Verheddertes Tonband rollt man mit einem Bleistift schnell wieder auf. (Bild: fotolia)

Die Einkünfte der Musikindustrie gingen drastisch zurück, nachdem die einfache Möglichkeit, CDs und andere digitale Aufnahmen legal oder illegal qualitativ tadellos zu kopieren, entstanden ist. Heute wünscht sich die Industrie in die Zeit zurück, in der Compact Cassette ihre Blütezeit erlebte. Nach der Erfindung des Grammophons 1880 und der Ablösung der Schellack- durch Vinylplatten 1958 bedeutete die Lancierung der Compact Cassetten durch die holländische Firma Philips 1967 den nächsten Meilenstein in der technologischen Entwicklung.

Der oft auch nur MC (für MusiCassette) oder Kassette genannte Tonträger war von seinem Format (halb so gross wie eine Postkarte) sowie von der Handhabung und Robustheit so viel praktischer als die Konkurrenz, dass sie über zwei Jahrzehnte weltweit sehr erfolgreich wurde.

Schallplatten besitzen zwar trotz der späteren Einführung der Chromdioxidbeschichtung bei den MCs und den Rauschunterdrückungsverfahren Dolby B und C den besseren Klang, Kratzer auf dem Magnetband oder Gleichlaufschwankungen sind jedoch bei Kassettenabspiel- und aufnahmegeräten viel seltener. Die geringeren Abmessungen, das niedrigere Gewicht und die einfache Benutzung waren jedoch insbesondere im Vergleich mit Spulentonbandgeräten ein markanter Wettbewerbsvorteil.

Populär durch den Walkman

Den letzten grossen Popularitätsschub bekam die Cassette 1979, als Sony mit dem Walkman das Abspielgerät minimierte und die Musikhörer dadurch noch mobiler machte. Digitale Speichermedien wie die 1982 eingeführte Compact Disc, Digital Audio Tape (DAT) und Mini Disc, die heute bereits kaum mehr zu kaufen sind, sowie USB-Sticks haben die MC dennoch mittlerweile in den Industriestaaten komplett verdrängt. In Schwellen- und Entwicklungsländern ist die Compact Cassette jedoch wegen ihrer Robustheit heute noch beliebt.

Einige Popstars erzählen, welche Erinnerungen sie mit der Compact Cassette verbinden:

• Katie Melua (29)

«Da die CD-Player in Georgien erst sehr spät auf den Markt kamen, habe ich in meiner Kindheit alle Musik durch Kassetten kennengelernt. Das erste Album, das ich besass, war eine «Best of»-Compilation von Queen. Ich habe mir diese Kassette so oft angehört, dass sie zu Hackfleisch wurde! Ich erinnere mich noch gut, wie ich immer Bleistifte benutzte, um das Band hereinzuziehen, wenn es sich wieder mal verheddert hatte.»

• Cher (67)

«Als die Compact Cassette kam, fand ich das fabelhaft. Vorher gab es 8-Spur-Tonbänder. Wenn du fünf solcher Bänder dabei hattest, war kein Platz mehr, um jemanden im Auto mitzunehmen! Die Compact Cassetten hatten aber auch ihre Tücken. Wenn das dünne Band im Gerät hängen geblieben war und ich einen Bleistift in die Spule stecken musste, um es wieder aufzurollen, stöhnte ich oft: <Oh Gott, ob das Ding je ein Ende haben wird?>»

• Adrian Stern (38)

«Noch vor <Kuschelrock> gab es ein Mix-Tape von Adrian Stern, das <Slow Time> hiess. Da meine Schwester und ich fanden, dass Hardrock-Bands die besten Balladen machen, habe ich alle, die ich kannte, zusammengestellt und vom Plattenspieler und mit einem Doppelkassettenrekorder aufgenommen. Es gab mehrere solcher Tapes. Es war lässig, davor zu sitzen und zu sehen, wie das Band rotiert. Ich erinnere mich auch, dass ich als Kind die Fernsehserie <Ein Colt für alle Fälle> liebte. Da wir keinen Videorecorder besassen, habe ich wenigstens den Ton aufgenommen und die Folgen später nochmals als Hörspiel genossen.»

• James Blunt (39)

«Als ich noch ein Kind war, haben meine Eltern mit einem Kassettenrekorder erste Aufnahmen von mir gemacht, noch gesprochene Worte. Dann habe ich ihn benutzt, um ihre Musik für mich zu entdecken. Die erste Kassette, die ich bei ihnen gefunden habe, war <American Pie> von Don McLean und <Wish You Were Here> von Pink Floyd. Als sehr junger Teenager habe ich auf einem der ersten Kassettenrekorder mit vier Aufnahmespuren meine ersten selbst geschriebenen Lieder aufgenommen. Ich hoffe niemand wird diese Demotapes jemals zu hören bekommen!»

• Howard Carpendale (67)

«An Vinyl-Platten habe ich sehr positive Erinnerungen, aber an Compact Cassetten! Ich weiss nicht, wie oft ich von einer siebentägigen Schreibsession auf Ibiza nach Hause gekommen bin, und die Aufnahmen waren versaut, weil der Kassettenrecorder oder die Compact Cassetten voller Sand waren, da wir beim Komponieren mit der Gitarre am Strand gesessen hatten.

Manchmal war es gänzlich unmöglich, mir die Früchte unserer Arbeit überhaupt anzuhören. Die Kassette war wirklich nicht die beste Erfindung. Ich werde sie sicher nicht vermissen!»

• DJ Bobo (45)

«In meiner Jugend nahm ich mit dem Kassettenrekorder immer die Hitparade auf und hatte dabei dieselben Probleme wie jeder: Kurz vor Schluss hat der Moderator in den Song reingequatscht … Später waren die Kompaktkassetten noch wichtiger, denn ohne sie gäbe es gar keinen DJ Bobo! Als ich noch in Discotheken Platten aufgelegt habe, nahm ich zu Hause Mixkassetten auf und verkaufte sie – über die Jahre etwa 5000 bis 6000 MCs, von denen jede 15 Franken Gewinn eintrug. Von einer solchen Marge kann heute selbst ein Superstar nur träumen! Nur dank diesen Einnahmen konnte ich mir aber die damals noch horrenden Studiomieten leisten und selbst Platten zu machen beginnen.»

DJ BoBo. (Bild: Michael H.Sinn)

DJ BoBo. (Bild: Michael H.Sinn)

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