Kamele als Turngeräte

Randnotiz

Julia Stephan
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Unser Verhältnis zum Tierreich bleibt schizophren. Während traumatisierte Haustiere in Flugzeugen transportiert werden wie Sperrgut, versuchen manche Menschen, mit Hunden, Eulen und Kamelen menschliche Traumata zu lindern. Eine Medienmitteilung über therapeutisches Kamelreiten führte mich kürzlich auf das Angebot eines Hofs in der Nähe von Berlin, der ein Ganzkörper­training auf Kamelen anbietet. «Therakamel» klingt nicht zufällig wie Thera-Band: Die Höcker des Kamels dienen hier tatsächlich als «Übungsgeräte». Ähnlich, wie man im Turn­unterricht über Böcke und Pferde springt.

Während sich ein Teil der männlichen Belegschaft unserer Redaktion auf eine stark sexualisierte Lesart des Therapieansatzes versteifte («das zweihöckrige Trampeltier hat noch einiges mehr zu ­bieten»), staunte ich vor allem über die Indikationen und Kontraindikationen, die therapeutisches Kamelreiten haben soll. Bei beginnender Demenz zwar zu empfehlen, seien Zustände geistiger Verwirrung auf dem Tier oben eher sub­optimal. Und während man sich bei der entzündlichen Nervenerkrankung Multiple Sklerose (MS) bedenkenlos auf den Tierrücken schwingen dürfe, seien entzündliche Prozesse für sich genommen ein klares No-Go.

Da blieb mir nichts anderes übrig, als die Widersprüche mit der Gelassenheit eines Kamels zu ertragen. Das spart Energie.

Julia Stephan