KAMBODSCHA: Sorge um Beatocello

Um Beat Richners Gesundheit ist es schlecht bestellt. Der Arzt und Musiker hat in Südostasien Millionen von Kindern medizinische Behandlungen ermöglicht.

Balz Bruder
Merken
Drucken
Teilen

Balz Bruder

Wie oft er wohl den Cellobogen über sein Instrument gestrichen hat, um für seine Spitäler Geld zu sammeln? Wie oft er wohl seinen Zuhörern erklärt hat, was ihn in seiner Mission für die Gesundheit der Kinder in Kambodscha antreibt? Wie oft er wohl kritische Fragen nach dieser besonderen Art der «Luxusmedizin» im Regenwald beantworten musste? Beat Richner alias Beatocello ist seit den frühen 1970er-Jahren, als er für das Schweizerische Rote Kreuz erstmals nach Südostasien gereist war und die Invasion der Roten Khmer erlebte, allmählich zur helvetischen Institution geworden – geliebt, bewundert, aber immer auch wieder angefeindet, zum Beispiel von der Weltgesundheitsorganisation. Vor allem ab den 1990er-Jahren, als der Kinderarzt, Musiker und Musikclown mit dem Kantha-Bopha-Kinderspital seine Berufung fand.

Er baute das im Krieg von Steinzeitkommunist Pol Pot zerstörte Spital im Auftrag der kambodschanischen Regierung wieder auf, gründete in Zürich seine Stiftung für kambodschanisch-schweizerische Partnerschaft in Pädiatrie und schrieb mit seinen Spendern eine nicht für möglich gehaltene Erfolgsgeschichte.

Alle öffentlichen Auftritte abgesagt

Heute sind die Spitäler in Siem Reap und Phnom Penh Departemente des kambodschanischen Gesundheitsministeriums und haben den Status von Universitätskliniken. Das ist eine eindrückliche Lebensleistung von einem, der etwas «Ewiges» an sich zu haben scheint. So wie es im Film «Beatocellos Schirm» von Georges Gachot aufscheint.

Eine Welt ohne Beat Richner? Ohne Beatocello? Ohne ihn, 2002 erster «Schweizer des Jahres», der gleichsam zum schweizerischen Gutmenschen-Inventar gehört? Kaum vorstellbar. Gleichwohl scheint sich ein Abschied anzukünden. Die Stiftung hat diese Woche mitgeteilt, Beat Richner sei schwer erkrankt und könne seine Funktion als Leiter der Spitäler – zu denen auch eine Maternité für HIV-positive Mütter gehört – nicht mehr ausüben. Laut «Blick» ist er wieder in der Schweiz und wird behandelt.

Zudem müsse er alle öffentlichen Auftritte absagen. In Zürich ebenso wie in Einsiedeln, wo Beatocello erwartet wurde. So weit, so traurig. Doch die Stiftung, die von viel juristischer und medizinischer Prominenz umflort ist, hat vorgesorgt. Sie hat eine Strategie ausgearbeitet, die den Fortbestand des Lebenswerks von Beat Richner «bei einem unerwarteten Ereignis» sichert. Der plötzliche Ausfall des vor gut zwei Wochen 70 Jahre alt gewordenen Vielbegabten trifft die Stiftung demnach nicht unvorbereitet. Allerdings im Bewusstsein, dass Bea­tocello «einmalig und als genialer Fundraiser nicht ersetzbar» sei. Ganz abgesehen davon, dass die Spitäler vor Ort ohnehin in einheimischer Hand sind: Von den 2500 Mitarbeitenden in Kambodscha sind nur zwei Ausländer – Richner als bisheriger Leiter und Denis Laurent als Labor- und Logistikchef. Zudem übernimmt mit dem Mediziner Peter Studer nun ein Vertrauter des Stiftungsgründers ad interim den Leitungspart von Richner.

Wie gross die Bedeutung der Spitäler in Siem Reap und Phnom Penh ist, zeigt im Übrigen die Tatsache, dass schon seit einiger Zeit an einer langfristigen Finanzierung der Kantha-Bopha-Spitäler gearbeitet wird. Jedenfalls wird der Stiftungsrat «in enger Zusammenarbeit» mit der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) und der kambodschanischen Regierung Lösungen suchen. Deren Bedeutung illustriert diese Zahl: In den letzten 24 Jahren wurden 16 Millionen Kinder ambulant und 1,6 Millionen stationär in den «Kantha Bopha Childrens’s Hospitals» behandelt. Kostenlos. Das ermöglichen – neben staatlichen Beiträgen – die jährlich rund 100 000 Spender, die über 40 Millionen Franken in die Kasse spülen.

Der Cellobogen von Beat Richner reicht noch immer weit. Und wird, so viel steht fest, nicht aufhören, die Saiten eines ebenso wohlklingenden wie wohltätigen Instruments zum Klingen zu bringen. Apropos: Kantha Bopha bedeutet «Duftende Blume». Die Spitäler sind nach der jung an Leukämie verstorbenen Tochter von König Sihanouk benannt.