KALLIGRAFIE: Schönschreiben ist wie Yoga

Die stete Präsenz von Handy und Computer wecken das Verlangen nach echten Buchstaben in uns. Deshalb bieten Geschäfte Schreibkurse an und üben Erwachsene Schnürlischrift, bis sie rote Stellen an den Fingern haben. Alles nur zum Ausgleich.

Diana Hagmann-Bula
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Nicht nur Gastronomen, auch Private wollen das Handwerk des Tafelschreibens erlernen – und besuchen dafür Kurse. (Bild: Getty)

Nicht nur Gastronomen, auch Private wollen das Handwerk des Tafelschreibens erlernen – und besuchen dafür Kurse. (Bild: Getty)

Diana Hagmann-Bula

Holprig, zittrig und unperfekt sieht aus, was da aufs Papier gelangt. a. a. a. Noch ein Versuch und noch einer. «Nun kannst du Kilometer abspulen, üben, üben, üben. Du musst das Werkzeug kennen lernen.» Mit «Werkzeug» ist in diesem Fall ein Brush Pen gemeint, ein Filzstift, der einen Pinsel imitiert, mal dünn, mal dick schreibt. Die Frau, die das erklärt, heisst Laila Luisi, kommt aus Lengnau im Emmental. Sie ist Schriften- und ­Reklamegestalterin, beschriftet Tafeln, Schilder, Schaufenster von Hand. Und bringt anderen Menschen bei, wie ihnen das auch gelingt.

Wie in der Schule, nur dekorativer

Noch aber ist der Weg weit zu einer kunstvoll beschrifteten Tafel. Den Stift stossen oder ziehen?, ist man plötzlich unsicher. Und wie nur gelingt dieser Schwung, den die 42-Jährige so mühelos vorzeigt? «Handgelenk und Ellbogen von der Unterlage lösen, den ganzen Arm einbeziehen», sagt Luisi. Eben das müssen die meisten Teilnehmer zuerst wieder lernen. Sie, die viel häufiger auf dem iPhone herumwischen und auf der Computertastatur herumtippen, als zum Stift zu greifen.

Wie ein Kind, das schreiben lernt, kommt man sich vor. In der Schule hat die Schnürlischrift ausgedient, im Privaten kommt sie gerade wieder auf, nur in anderer Form. Dekorativer wirken die Buchstaben, die soeben trainiert werden. Luisi hat zur verbundenen englischen Schreibschrift geraten, weil diese elegant und eine gute Basis ist, mit ihrem Wechsel zwischen schmalen und fetten Linien «schnell kalligrafisch wirkt». Eine Schrift, die an früher erinnert und die wir nicht mehr gewohnt sind. Zu minimalistisch kommen die Buchstaben auf dem Handy-Display daher, auch der Kugelschreiber (sofern er mal zum Einsatz gelangt) bringt nur eine simple Linie zu Papier. Druck im Beruf, zu viele Optionen in der Freizeit, und dennoch gibt es Menschen, die sich am Wochenende mit Schönschreiben abmühen, warum nur? «Das Digitale macht heute einen Grossteil unseres Lebens aus. Da ist den Leuten wieder nach Analogem wie dem Schreiben», sagt Regina Gregory vom Zürcher Geschäft Fabrikat, das gute alte Dinge wie Radiergummis, Schreibfedern, mit Stoff bezogene Notizbücher oder Bostitchs aus Metall verkauft. «Viele Kunden sind wissbegierig. Sie wollen nicht nur die Geschichte hinter den Produkten kennen, sondern auch erfahren, wie man die Artikel korrekt anwendet.» Geboren war die Idee, Schreibkurse anzubieten. An Tischen oder Stellwänden sitzen oder stehen gleichzeitig jeweils zwanzig Menschen, von der Versicherungsangestellten, die Schönschreiben als Hobby zelebriert, bis zum Grafiker, der es beruflich nutzt. Ihre Gemeinsamkeit: Sie erschaffen etwas von Hand, sind zufrieden und erfüllt.

Nicht nur auf Papier, auch auf Tafeln trainieren die Teilnehmer in einigen Kursen. Tafeln, auf denen Gastronomen Säfte, Suppen und Quiches anbieten, auf denen Private ihre Kreativität ausleben. Eine Liebeserklärung an den Partner, dem man nur die Klinke in die Hand gibt, ein Zitat aus dem Lieblingsbuch, die ­Liste für den Einkauf: Alles hat Platz auf dem sogenannten Chalkboard, einem Dekorationselement, ohne das kein Wohnblog, kein Wohnbuch, keine hippe Wohnung mehr auszukommen scheint. «Schönschreiben ist eine andere Art Yoga. Die, die nicht ihren Körper verbiegen wollen, finden hier ihre Meditation», ist Luisi überzeugt. Und man stimmt ihr zu, weil nur schon das Zuschauen beruhigend wirkt. Strich um Strich, nur der ruhige Atem der Fachfrau und das Geräusch, das entsteht, wenn der Stift über die Unterlage gleitet. Ein paar Sekunden später steht in kräftigem Blau Azzuro geschrieben. «Wie schön», reagiert eine Frau, die vorbeigeht.

Handgeschriebene Begrüssung am Kongress

Wer nicht selber schreiben will, kann die Bernerin engagieren. Wie es zu ihrem Geschäft Lettera et cetera gekommen ist, beschreibt Luisi anhand einer Szene, die sie als junge Frau in Irland beobachtet hat: «Ein alter Mann hat in einem Fischerdorf in aller Ruhe eine wunderschöne Tafel vor einem Pub beschriftet. Genau das will ich auch tun, dachte ich damals.» So idyllisch wie auf der Insel stellte sich die Arbeit nicht heraus. Luisi musste Reklametafeln auf dem Bau anbringen, ungesunde Farbdämpfe ein­atmen, am Computer geplottete Folien verkleben, ehe sie ihre Traumstelle fand. Und für die Möbelhauskette Ikea Plakate für die Produkte in den Läden schrieb. «Handschrift vermittelt Wertigkeit und spricht uns stärker an als Computerbuchstaben.» Beides fördert den Verkauf.

Heute schreibt sie zum Beispiel im Auftrag des Finanzdienstleisters Price Waterhouse Coopers Begrüssungen für Kongress-Gäste, gestaltet Willkommenstafeln für Hochzeitsfeste, entwickelt handgeschriebene Logos für Firmen. Für den Liebesanlass wählt sie eine weiche, romantische Schrift, «etwas ­Dekoratives wie das Hochzeitkleid». Als gradlinig, klar, mit Serifen, den feinen Linien, die einen Buchstaben quer zur Grundrichtung abschliessen, beschreibt sie eine für ein Advokaturbüro geeignete Schrift. «Man muss die Psychologie der Typografie einbeziehen.»

Selber freut man sich schon über ­einen Buchstaben ohne Patzer. Üben, üben, üben. Droht ein Durchhänger, motiviert einer von Luisis Sätzen wieder: «Beim Schönschreiben bringt man es nicht nur mit Talent weit, sondern auch mit Fleiss.»