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KABELJAU: Fisherman’s Friend

Bei minus 40 Grad fahren die Lofotfischer in die eisige See hinaus und fischen mit der Handleine Skrei, den norwegischen Winterkabeljau. Jetzt sollte man zugreifen, denn bald ist die Saison vorbei.
Text und Bilder: Ingrid Schindler
Der Skrei hängt zum Trocknen an der Stange. Wegen ihres immensen Kabeljau-Reichtums hiessen die Lofoten früher Stockfischarchipel.

Der Skrei hängt zum Trocknen an der Stange. Wegen ihres immensen Kabeljau-Reichtums hiessen die Lofoten früher Stockfischarchipel.

Text und Bilder: Ingrid Schindler

«Smoke on the water» dröhnt es aus dem Lautsprecher. Mit einer Kanne Kaffee, selbstgedrehten Zigaretten und dem Geröhre der Radiosendung «Nightwishes» sticht Børge Iversen um Mitternacht mutterseelenallein in See. Normalerweise legt er zwischen drei und vier Uhr morgens von Ballstad ab, aber für den nächsten Tag ist Sturm angesagt, also fährt er früher raus. An Land bleiben geht nicht, denn der Skrei ist da. Von Anfang Februar bis Ende April bestimmt der arktisch- norwegische Stamm des Kabeljaus das Leben der Lofotfischer. Das war schon zu Zeiten der Wikinger so. Wenn der Winterkabeljau aus der Barentssee zum Laichen zu den Lofoten zieht, dreht sich alles um den Fisch. Der gilt wegen seines schmackhaften, festen, fetten und saftigen Fleisches als König des Nordatlantiks und ist inzwischen der einzige Kabeljaustamm, dessen Bestände der WWF als stabil und dessen Verzehr er als empfehlenswert einstuft.

So golden wie früher, als sich der Kabeljau in Massen im ­Vestfjord und den Häfen der Lofoten tummelte, liegen die Dinge freilich nicht. Ende des 19. Jahrhunderts lockte der Skreifang Zigtausende Fischer in die Lofotenhauptstadt Svolvær. Man erzählt sich, dass man trockenen Fusses von Boot zu Boot durchs Hafenbecken spazieren konnte. Heute müssen die Berufsfischer auf der rauen Nordseite der Inseln ins Nordmeer hinausfahren. Weil der Hering nicht mehr in den Vestfjord zieht. Und weil der Kabeljau den Hering frisst und der Orca den Kabeljau, kommt auch der Killerwal nicht mehr in den Vestfjord. Deshalb sieht man auf den Orca-Safaris keine Orcas mehr, nur noch Weissschwanzseeadler. Deren grösste Population lebt in den jäh aus dem Meer aufragenden Bergflanken der Lofoten. Mit seiner Leibspeise, tiefgekühltem Hering, locken Walsafari-Guides den Adler aus der Reserve. Der macht sich einen Spass daraus, dicht über die Touristenköpfe zu brausen und im Sturzflug die Beute präzise mit den Krallen aus dem Meer zu fischen.

Kaliber von bis zu 40 Kilogramm

Punktgenau wie der Adler peilt auch Børge, mit Navi, Fishfinder und Echolot, seine zwei Tage zuvor ausgelegten Langleinen an. Acht Leinen von insgesamt sechs Kilometern Länge erntet er in einer Nacht ab, alle paar Meter mit einem prächtigen Skrei am Haken. Er hievt die Fische mit dem Enterhaken herauf, manche sind Kaliber von 20, 30, ja sogar 40 kg. Ist das Erntebecken voll, stoppt er die Maschinen und macht dem Elend mit einem gezielten Schnitt durch die Kiemen ein Ende, bevor die Fische im Bauch des Schiffs verschwinden.

Zur Halbzeit legt Børge eine Pause mit Kaffee, Butterbrot und Blaubeermarmelade ein, das Nordlicht zeigt zaghaft grüne Schleier, die Rocker gröhlen aus dem Äther. Die See wird rauer, die Wellen höher, sie werfen den Kutter hin und her. Um halb elf Uhr vormittags ist die letzte Leine abgeerntet. Käpt’n Blaubeer ist müde und zufrieden. Es ist ein guter Fang. Fast zweieinhalb Tonnen Kabeljau sind im Kasten, mehr als an anderen guten Tagen. Zum zweiten Frühstück gibt’s zur Blaubeermarmelade eine Dose Fisch, und der Auto­pilot nimmt Kurs auf Ballstad.

Drei Stunden später fährt die «Iversen» in den Hafen ein, doch damit ist der Arbeitstag noch nicht zu Ende. Børge muss vor der Fischfabrik warten, bis sein Kutter an der Reihe ist und ihm Arbeiter beim Löschen der Ladung helfen. Dann beginnt die Drecksarbeit: die Fische köpfen, ausnehmen, säubern. Kinder verdienen sich ein Taschengeld, indem sie die Zungen, Backen und manchmal auch die Lippen aus den Köpfen herausschneiden. «Delikatessen» sagt Børge, «für die man in Frankreich gutes Geld bekommt. Die Fischköpfe werden nach Nigeria verkauft, sie sind ausgezeichnete Proteinlieferanten.» Erst als sein Fisch im Lastwagen verstaut ist, der ihn zu den Hjeller, den Holzgerüsten, fährt, an denen er drei Monate in der salzigen Seeluft trocknet, ist für Børge Feierabend.

Stockfisch in den Süden, Tomaten in den Norden

Überall auf den Lofoten sieht man steifgefrorene Skreihälften im Freien hängen, ein bizarres Bild. Das Fischtrocknen hat Tradition. Schon im Mittelalter florierte der Stockfischhandel mit Südeuropa. Im Gegenzug kamen Tomaten, Paprika, Kapern, Rotwein, Knoblauch und Olivenöl über den Polarkreis hinauf. So entstanden hoch im Norden Fischgerichte mit mediterranen Zutaten und im Süden haben sich ihrerseits Stock- und Klippfischgerichte in den Küchen gehalten, obwohl heute niemand mehr auf den nahezu unbegrenzt haltbaren Trockenfisch zurückgreifen müsste. Trotzdem hat er weiterhin einen Markt. Hauptabnehmer sind Portugal, Brasilien, Griechenland und Italien.

Auch zu Hause bei den Iversens dampft Skreimølje, frischer, gekochter Kabeljau, auf dem Tisch. Børges Frau lässt ihn mit Lauch, Rüebli und Gewürzen kurz im Sud ziehen, bis sich die Mittelgräte herauslösen lässt. Wie üblich serviert sie den Kabeljau inklusive Rogen und Leber. Die Leber lässt sie in der Pfanne aus und verwendet das Fett anstelle von Butter, «ungeheuer nahrhaft und gesund». Wer’s nicht gewohnt ist, zieht wohl Butter und Meerrettich vor.

Kultige Kabeljau-Weltmeisterschaft

Die roten Hütten der Fischer, die Rorbuer, sind im März als Ferienhäuschen gut gebucht. Auch die Iversens vermieten die ihren. Die Weltmeisterschaft im Skrei-Angeln steht vor der Tür. Hobbyangler aus Norwegen, Russland und ganz Europa reisen nach Svolvær, um ein skurriles Wettfischen mit Kultcharakter auszufechten. Am ersten Tag geht es darum, den grössten Fisch überhaupt zu angeln, am nächsten den grössten Skrei, mit nur drei Haken. Es geht lustig zu, Blaskapellen spielen, Aquavit fliesst in rauen Mengen. Berufsfischer wie Børge nehmen die Freizeitfischer auf ihren Booten hinaus, wenn das Ende der Quote erreicht ist. Touristen sind dann willkommen, ganz ernst nehmen kann einer wie Børge sie nicht. In einer Nacht fange er mehr Kabeljau als 400 Wettkampfteilnehmer in zwei Tagen. «Die Sportfischer trinken weit mehr als sie fischen.»

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