KABARETT: «Mutti wird sonst schlimm krank»

Er ist ein Alleskönner und Scharfdenker: Der Wiener Kabarettist Alfred Dorfer kalauert und philosophiert, polemisiert gegen Veganismus und politische Korrektheit. Mit seinem nicht ganz neuen Programm «und?» ist er in der St. Galler Kellerbühne zu Gast.

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«Wer viel weiss, hat vieles noch nicht verstanden» – Alfred Dorfer erklärt die Welt auch auf philosophische Art. (Bild: Donato Caspari)

«Wer viel weiss, hat vieles noch nicht verstanden» – Alfred Dorfer erklärt die Welt auch auf philosophische Art. (Bild: Donato Caspari)

Na, na, na – Herr Dorfer, da haben wir aber einige Pointen schon im letzten Soloprogramm gehört! So neu ist das neue Programm («und?») nämlich nicht. Gewalt und Erziehung, Banalitäten aus der Hirnforschung, Psychologen-Gesülze, Satire als populistisches Gelächter über Abwesende – all das hat er schon mit gleichen Witzen aufs Korn genommen. Mit dem «Na, na, na» schlägt man Alfred Dorfer also mit seinen eigenen Waffen. Der Wiener Kabarettist betont damit jeweils sein gespielt arrogantes Mitleid, wenn er brutale, unangenehme Wahrheiten verkündet (etwa, dass man realpolitisch Putin dankbar sein müsse, denn der hält uns Islamisten vom Hals). Wie Dorfer dann das Publikum als Schafherde von naiven Gutmenschen begutachtet, ist schon scharfe Kost. Dann erinnert er ein wenig an Andreas Thiel. Nur dass Thiel den Brachialstil monoton ausbreitet. Da ist Dorfer ein anderes Kaliber, ein kabarettistischer Alleskönner!

Wie man Kinder gegen die Demokratie immunisiert

Sein eben nicht ganz neues Programm hängt dramaturgisch an einem dünnen Gerüst. Dorfer zieht um, und ein Theaterdirektor will von ihm ein Stück. Das wird aber nur kurz angetönt. Die meiste Zeit mäandert Dorfer äusserst unterhaltsam zwischen lustigen Satiren auf die «Lönsch»-Unsitte («Meeting für Essgestörte»), genervter Polemik auf geheuchelte sprachliche Korrektheit (der Tod wird ein «Existenz-Sabbatical») und burlesken Kalauern («dürfen Veganer Oralsex haben oder nehmen sie da der Natur zu viel weg?»). Gedanklich am schärfsten ist Dorfer beim Thema Demokratie und Erziehung. Wer Kinder mit Einschüchterung erzieht («Mutti wird sonst schlimm krank»), mache sie zwar fit für die Gesellschaft, immunisiere sie aber für die Demokratie. Genauso wie jener Vater, der die Kinder bändigt, indem er droht, peinlich zu tanzen. Das Nachdenken über die Pointe überlässt Dorfer dem Publikum. Aber bitte nicht nach dem Rezept der Dummen: Die Bouillon mit dem Sieb schöpfen und dann sagen, man könne sie nicht essen. Denn vielleicht hätten wir ja darum ein Problem mit der Demokratie, weil Sokrates und Jesus durch Volksentscheide hingerichtet wurden, meint er. Na, na, na, Herr Dorfer.

Hansruedi Kugler

Fr und Sa, je 20 Uhr, Kellerbühne St. Gallen