Junge schreiben – mehr als je zuvor

Können Jugendliche nicht mehr schreiben? Dieses Vorurteil ist verbreitet. Der Sprachwissenschafter Mario Andreotti kommt zu einem differenzierten Urteil: Jugendliche schreiben mehr denn je, allerdings dialogisch und formal sorglos.

Mario Andreotti
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SMS, E-Mails, Twitter: Eines der neuen Schreibgeräte der Jugendlichen ist das Smartphone. (Bild: ky/Christoph Schuerpf)

SMS, E-Mails, Twitter: Eines der neuen Schreibgeräte der Jugendlichen ist das Smartphone. (Bild: ky/Christoph Schuerpf)

Seit den wenig schmeichelhaften Ergebnissen der Pisa-Studie im Jahr 2000 nimmt die Klage von Arbeitgebern, Publizisten, Politikern und Lehrern fast kein Ende: unsere Jugendlichen könnten nicht mehr richtig schreiben, sie würden weder Rechtschreibung und Grammatik noch die Stilistik beherrschen, heisst es. Freilich sind die Sprachfähigkeiten der Jugendlichen nicht erst heute ein Thema. Immer wieder klagte die ältere Generation über den Zustand der jüngeren. Uralt ist dieses Reden vom Sprachzerfall. Hätte es zu jeder Zeit zugetroffen, so würden uns heute die Worte fast gänzlich fehlen und unsere Ausdrucksfähigkeit wäre wohl nur noch auf ein Stammeln, ein Grunzen oder Pfeifen reduziert. Stimmt es aber, dass die sprachlichen Kompetenzen der jungen Generation derart zurückgegangen sind, wie man immer wieder hören kann? Ein differenziertes Urteil ist angezeigt.

Das Telefon als Schreibmaschine

Schüler würden ausserhalb der Schule kaum noch schreiben; sie sässen in ihrer Freizeit vielmehr vor dem PC, den sie vor allem für Spiele und für das Surfen auf Unterhaltungsseiten im Internet nutzten. So lautet seit Jahren ein oft gehörter Vorwurf an die Adresse der Jugendlichen. Doch die Fakten sprechen eine andere Sprache: Jugendliche schreiben heute mehr als je zuvor. Ob sie mit Klassenkameraden chatten, E-Mails verfassen, Mitteilungen über SMS machen, sich an Online-Spielen und Newsgroup-Diskussionen beteiligen, ihr Profil auf Facebook aktualisieren oder einen Kommentar in einem Blog veröffentlichen: Sie schreiben. Selbst das Telefon dient Jugendlichen, anders als früher, vorzugsweise zum Schreiben, nicht zum Sprechen.

Zwar wurden immer schon Briefe an die Freundin und Grusskarten aus den Ferien geschickt, oder man reichte im Klassenzimmer Zettelnachrichten unter der Bank weiter. Dennoch: Im Vergleich zu dem, was früher geschrieben wurde, konstatieren wir heute eine «neue Schriftlichkeit», lässt sich von einer neuen Ära des privaten Schreibens sprechen. Nur ist es ein etwas anderes Schreiben, als es sich besorgte Eltern, Lehrer und Arbeitgeber wünschen – ein Schreiben, das von ihnen häufig als defizitär bezeichnet wird. Die Schreibkompetenz, Ausdrucksvermögen und Rechtschreibkenntnisse seien mangelhaft – so der Tenor. Schuld an der mangelhaften Sprachfertigkeit sei vorwiegend der Umstand, dass die Jugendlichen in ihrer Freizeit auf dem Handy oder dem Computer schrieben und dass dieses Schreiben aus unvollständigen Sätzen, ja gar aus Brüchen im Satzbau bestehe. Das wirke sich auf das «herkömmliche» Schreiben negativ aus.

Schreiben näher am Sprechen

Trifft die Annahme aber zu, dass jugendliches Schreiben in den neuen Medien einen Einfluss auf das «herkömmliche» Schreiben, etwa in der Schule, besitzt? Die Antwort lautet nur bedingt «Ja». Sehen wir uns an, wie Jugendliche in den neuen Medien schreiben, so fällt auf, dass es sich häufig um ein spontanes und vor allem dialogisches Schreiben handelt. Mit anderen Worten: Jugendliche verfassen digitale Texte, etwa SMS, meist so, als befänden sie sich in einem Gespräch, als handle es sich um eine mündliche Sprechsituation.

Das bleibt nicht ohne Folgen für ihr Schreiben ausserhalb der neuen Medien. Und diese Folgen wurden in den letzten zwanzig Jahren immer sichtbarer. Sie äussern sich in einer Angleichung der geschriebenen an die gesprochene Sprache, wie sich das etwa in Schulaufsätzen leicht feststellen lässt. So können wir da beispielsweise Sätze wie «Ich kam mir echt blöd vor, dann sagte Frau Schmidt zu mir, das ich mich zu Kevin setzen soll, das ist ein Junge mit blauen Augen und blonde Igelhaare» lesen, die sich klar an mündliche Sprachmuster anlehnen. Das zeigt sich schon an den fehlenden Satzschlusszeichen, vor allem aber an der falschen Verknüpfung des zweiten Satzes («dann sagte Frau Schmidt zu mir…») mit dem ersten. Gerade das Letztere macht die Nähe zur Mündlichkeit, wo die Gedankenfolgen nicht kontinuierlich sind, wo das Denken und Sprechen in Sprüngen geschieht, besonders deutlich.

Inhalt wichtiger als Form

Diese Nähe zur Mündlichkeit, dieser Parlando-Stil, wie ihn die Linguisten nennen, hat einerseits zur Folge, dass die Texte spontaner, ja lebendiger wirken, dass andererseits aber ihre formale Korrektheit abnimmt. So lässt sich denn in den letzten dreissig Jahren eine spürbare Zunahme an Fehlern sowohl in der Syntax und der Wortsemantik als auch in der Rechtschreibung und vor allem in der Interpunktion feststellen. Bemerkenswert ist dabei, dass diese Fehler weniger mit mangelnder Sprachbeherrschung zusammenhängen als vielmehr mit einer gewissen Sorglosigkeit der Sprache gegenüber, mit der Auffassung nämlich, der Inhalt sei wichtiger als die Form. Besonders schön zeigt sich dies an den auffallend vielen Rechtschreibfehlern in Wörtern, die einfach zu schreiben sind.

Anforderungen sind gewachsen

Ob diese Zunahme an Fehlern aber allein auf die private Mediennutzung zurückzuführen ist, kann mit Recht bezweifelt werden. Neuere Studien belegen, dass die Jugendlichen die beiden Schreibwelten, die private und die schulische, zu trennen wissen. Und vergessen wir zum Schluss nicht: Die sprachlichen Anforderungen sind in einem Masse gestiegen, dessen wir uns erst allmählich bewusst werden. Was früher nur von einem kleinen Teil der Bevölkerung zu leisten war, wird heute von vielen gefordert. Daher kommt dem Auf- und Ausbau der Sprachfähigkeit unserer Jugendlichen eine fundamentale Rolle zu.

Mario Andreotti Dozent für Neuere deutsche Literatur und Sachbuchautor (Bild: pd)

Mario Andreotti Dozent für Neuere deutsche Literatur und Sachbuchautor (Bild: pd)

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